Ausland

Unabhängigkeitskämpfe – gestern und heute

Für ihr Projekt „Fight (for) Independence“ recherchierte die Costa Compagnie in Mosambik – ein Reisebericht

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„Wir wollen unser Geld!“ Die Demonstrantinnen und ­Demonstranten rufen laut, erbost und auf Deutsch, denn ihre ­Forderung richtet sich eigentlich an die Deutsche Demokratische Republik. Und sie richtet sich an die FRELIMO, die mosambikanische Regierungspartei und ehemalige Front zur Befreiung ­Mosambiks, vor deren Arbeitsministerium der Demonstrationszug, den wir mit Kameras begleiten, angekommen ist. Es ist ein Mittwochmittag, Ende Januar 2020. Wir befinden uns inmitten von protestierenden Menschen mit DDR-Flaggen und Plattenbau-Hochhäusern im Zentrum von Mosambiks Hauptstadt Maputo. Und wir fühlen uns wie in einer Zeitkapsel.

Foto: Philine von Düszeln / Costa Compagnie
Demonstrationszug ehemaliger mosambikanischer Vertragsarbeiter in der DDR ("Madgermanes") durch Maputo – eine Momentaufnahme der Recherchereise der Costa Compagnie. Foto: Philine von Düszeln / Costa Compagnie


Es ist die letzte Station einer zweijährigen, europäisch-­afrikanischen Recherche für unser Projekt „Fight (for) Independence“. Sie führte uns im Februar 2019 in den Südsudan – die jüngste, unabhängige Nation der Weltgemeinschaft und noch vom soeben beendeten Bürgerkrieg gezeichnet. Dann ging es ­weiter ins Brexit-Chaos nach Großbritannien und schließlich ins beschauliche Bayern. Das Ergebnis dieser teils mit Ensemble­mitgliedern des Staatstheaters Nürnberg durchgeführten Recherche fand in Form eines filmisch-journalistischen Boten­berichts im Juni 2019 im Rahmen des Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes unter dem Titel „Independence for All“ seinen Weg auf die Nürnberger Bühne. Unsere Kernfragen lauteten: Was bedeutet Unabhängigkeit heute, wofür und von was? Wollen wir dafür oder dagegen kämpfen? Und wie wirkt der Kolonialismus, Hintergrund vieler Unabhängigkeitsbewegungen, bis heute fort?

Im zweiten Jahr ging es gemeinsam mit einer Schauspielerin und einem Schauspieler aus Oldenburg nach Katalonien, ­direkt zu den Demonstrationen anlässlich des Jahrestags des Unab­hän­gig­keitsreferendums und schließlich weiter nach Mosambik. Hier ­recherchierten wir nicht nur zum Befreiungskampf des Landes gegen die portugiesische Kolonialmacht zwischen 1964 und 1975, sondern wollten auch die komplexen Wege einer Familienbio­grafie zwischen Mosambik, der DDR und der BRD nachzeichnen. Wir folgten dazu Helen Wendt, ebenfalls Ensemble­mitglied am Oldenburgischen Staatstheater, an dem der zweite Teil von „Fight (for) Independence“ im Rahmen des Festivals flausen+Banden! im Mai 2020 mit „Independence for You“ in ­einem immersiven Rundhorizont Premiere feiern wird.

In Mosambik war Helen dementsprechend Interviewerin und Interviewte zugleich. Ihr Vater kam einst im Rahmen eines Austauschs der sozialistischen Bruderländer Anfang der 1980er Jahre von Maputo zum Studium nach Leipzig und lernte Helens Mutter kennen. „So bin ich ein unwahrscheinliches Kind des ­euro-afrikanischen Sozialismus. Ich bin die erste Generation. Zwei Bruderstaaten versuchten eine Utopie aufzubauen, die letztlich gescheitert ist“, erzählt Helen im Interview und spielt damit unter anderem auf den Ausverkauf mosambikanischer Rohstoffe an ausländische Unternehmen an. Wer dabei wie viele andere vergessen wurde, sind die Madgermanes, eine Gruppe von mosam­bikanischen Arbeiterinnen und Arbeitern, die in der DDR ausgebildet wurden und arbeiteten. Seit dem Fall der Mauer warten sie auf die Auszahlung ihrer dort erarbeiteten Restlöhne und gehen seit nunmehr dreißig Jahren jeden Mittwoch vor dem Arbeits­ministerium demonstrieren. Viele seien schon zu alt, um weiterzumachen, berichten sie. Andere seien verstorben oder wie in ­einem Fall von der Polizei bei einer Demonstration hier im Park erschossen worden. Doch wie entstand der Sozialismus in ­Mosambik, wie kam es zur Unabhängigkeit?

In der Zona Militar, einem Viertel für ehemalige Militär­angehörige, suchen wir Camarada Madebe auf. Er ist ein ruhig wirkender, ehemaliger Major der Streitkräfte und war Führungs­figur im jahrelangen Unabhängigkeitskrieg gegen das portugiesische Militär. Auf seiner Veranda sitzend, erzählt er uns von seiner Kindheit in Cabo Delgado im Norden des Landes unter der Kolonialmacht. Und von der Brutalität des rassistischen Herrschaftssystems, welche 1960 in einem Massaker an Hunderten Zivilisten in Mueda einen Höhepunkt erreichte. In den darauffolgenden Jahren formierte sich nun der Widerstand. FRELIMO wurde gegründet und 1964 begann der blutige Befreiungskrieg, in welchem Camarada Madebe Trupps von Widerstandskämpfern durch den mosambikanischen Busch, den Mato, führte. „Wir kämpften für unsere Freiheit, für unser Land, für eine eigene Nation, in der Frauen und Männer, Schwarze und Weiße gleichberechtigt leben konnten, ohne Angst vor Verfolgung und Folter“, spricht Madebe in die Kamera und meint damit die Angst vor der portugiesischen Geheimpolizei PIDE. In Maputo befand sich deren Sitz – ein berüchtigter Folterort – in der prächtigen, mit bemalten Zierkacheln bestückten Vila Algarve. Wir dokumentieren die verwaisten ­Räume mit einer 360-Grad-Kamera, um uns und dem Publikum ein Bild des kolonialen ­Terrors vermitteln zu können.

Erst Mitte der 1970er Jahre fand der Krieg mit der Nelken­revolution in Portugal schließlich ein Ende. Mosambik erreichte nach fast fünfhundert Jahren unter Fremdherrschaft am 25. Juni 1975 die Unabhängigkeit. „Es war ein wunderschöner Tag, obwohl es die meiste Zeit regnete“, erzählt uns Teresa Manjate, Professorin für Oral History im Konferenzraum am Centro de Estudos Africanos. „Viele Menschen in Maputo strömten damals ins Stadion, um die Führer der Revolution zu sehen und zu feiern. Wir waren stolz, endlich ein eigenes Land und eine eigene Identität aufbauen zu können und unsere eigene Geschichte zu schreiben.“ Zu dieser Geschichte gehört auch Luis Lage, Professor an der Architektur-Fakultät und Nachfahre einer portugiesischen Familie. Auch in Zeiten des revolutio­nären Wandels identifizierte er sich als weißer Mosambikaner und Wegbereiter eines neuen Staates und dachte nicht daran, mit anderen weißen Familien nach der Unabhängigkeit das Land Richtung Portugal zu verlassen. Über die ge­gen­wär­tige Situation dieses Staates, die teils noch bewaffneten Konflikte im Land, die Auswirkungen der Rohstoffindustrie und die parteipolitischen Herausforderungen will fast niemand der über 15 Interviewten vor der Kamera sprechen. Zu groß ist die Furcht, privat oder beruflich in Schwierigkeiten zu geraten – zu frisch die letzte Präsidentschaftswahl. Bleiben zunächst unsere ­Fragen nach Unabhängigkeit, Nation und Identität.

Die junge Filmemacherin Lara Sousa, im Februar einge­laden zu den Berlinale Talents, sagt dazu: „Meine Vorfahren kommen aus Mosambik, Portugal, Indien, Oman und anderen Orten. Hier in meiner Heimat werde ich oft als weiß betrachtet. Als ich einmal einige Zeit in Portugal verbrachte, rief ich meinen Vater aufgeregt an und sagte ihm, dass mich die Menschen dort als schwarz sehen würden. Er wollte mir das gar nicht glauben. Ich identifiziere mich auf jeden Fall als schwarz. Und als Afrikanerin. Hier sind meine Wurzeln.“

In Helen Wendts Fall warten der Vater Fabião, die Halbschwester Elis und der Halbbruder Kelvin bereits aufgeregt mit Blumen am Flughafen. Fabião spricht mehrere Stunden von Mosambiks schwierigen Herausforderungen nach der Unabhängigkeit, vom Bürgerkrieg, der von den weißen Apartheidregimen Südafrikas und Rhodesiens jahrelang angetrieben wurde, von sozialistischer Dialektik und von seiner Zeit in der DDR. Auf die Frage, ob er dort damals Rassismus erlebt habe, entgegnet er, dass es keinen gegeben habe und er sich kaum vorstellen könne, dass dies heute in Deutschland ein Problem sei. Für Helen stellt sich die Welt allerdings anders dar. „Ich bin in Leipzig geboren, als Kleinkind mit meiner Mutter über Ungarn geflohen und dann in Westberlin aufgewachsen. Jahrelang hatte ich das Gefühl, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Und jahrelang habe ich mich als weiß identifiziert. Gleichzeitig merkte ich gleich bei meinem ersten Besuch in Mosambik, wie gut es sich anfühlt, auf einmal dazuzugehören. Obwohl ich das Land gar nicht kannte. Heute erkenne ich, mit welchem Rassismus ich zu Hause permanent konfrontiert bin, weil ich nicht der Norm entspreche. Was Identität angeht, befinde ich mich jetzt also eher auf einer Suche“, sagt sie und überlegt kurz. „Ob ich selbst jemals eine Unabhängigkeit von all diesen Zuschreibungen erreichen werde, weiß ich nicht.“ //

„Fight for You“ hat am 14. Mai beim Festival flausen+Banden! Premiere. Theater der Zeit ist Medienpartner des Festivals.

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