- Anzeige -

Aktuelle Inszenierungen

Heimisch werden auf der digitalen Bühne

von

Dabei waren unterschiedliche Strategien zu beobachten. Es gab Gruppen, die stoisch ihren Projektfahrplan durchzogen, Corona hin, Corona her. Zu ihnen gehörte das Onlinetheater.live, eine bereits seit 2017 bestehende Gruppe um den Schauspieler Saladin Dellers. Ein Jahr lang dauerte etwa die Produktion ihres Multiplayer-Theater-Games „Hyphe“. Zunächst wurde das Script um den rätselhaften Vogelmenschen Birder ausgearbeitet. Er ist eine Figur, die Ehrlichkeit in die menschlichen Beziehungen einführen will und die mit kurzen Videobotschaften und einem längeren Livestream in das Spiel eingreift. „Im November übergaben wir das Script an unsere beiden Programmierer“, erzählt Dramaturgin Fabiola Kuonen. Diese schrieben die einzelnen Module in der Programmiersprache JavaScript. Als Teilnehmer des Spiels loggte man sich zunächst über einen herkömmlichen Webbrowser ein. Ein Countdown zählte die wenigen Minuten zum Start der Vorstellung herunter – und dann war man drin im Chat-Spiel. „Hyphe“ lud die Teilnehmer in ein rhizomatisches Beziehungsgefüge ein. Eine Karte machte alle Mitspieler als Punkte sichtbar. Verbindungen zwischen ihnen ließen sich über Linien nachvollziehen, die Qualität der Verbindungen war an der Dicke der Linien erkennbar.

Die Kommunikation war freilich eingeschränkt. Fragen kamen vom System und waren nicht frei wählbar. Und für ein tieferes Eintauchen in den Diskurskomplex Ehrlichkeit war das Spiel trotz insgesamt zwei Stunden Dauer dann doch zu kurz. Immerhin schuf „Hyphe“ einen Möglichkeitsraum zum Erkunden, in welchen Fragesituationen man selbst eher zur Wahrheit oder zum Flunkern neigt. Mit einzelnen Dialogpartnern entwickelten sich verspielte Flunkerdiskurse, während mit anderen tatsächlich erste Schritte in eine Wahrhaftigkeitsdebatte unternommen wurden. Beleg für die Faszination war, dass viele noch gerne weiterspielen wollten.

Dies war auch bei anderen, ebenfalls zumindest partiell gelungenen Ausflügen in die digitalen Dimensionen der Fall. Den dabei aufkommenden Suchtfaktor könnte man sogar als ein Kriterium fürs Gelingen einführen. Bei den Chat-Games „Lockdown“ und „Twin Speaks“ der Gruppen machina eX und vorschlag:hammer war das Bedürfnis über den verlängerten Austausch sogar in die Aufführung selbst integriert. Beide Projekte waren – im Gegensatz zu „Hyphe“ – nicht selbst programmiert, sondern benutzten als digitale Spielstätte die Messenger-Plattform Telegram. Der Zugang erfolgte meist über Smartphone, selbst wenn ambitioniertere Nutzer Telegram auf dem Computer installiert hatten und so auf mehreren Ebenen spielen konnten. Das war vor allem bei „Lockdown“ von Vorteil. Bei diesem von machina eX in Coronazeiten sehr schnell auf der Basis der vorherigen Produktion „Patrol“ entwickelten Spiel mussten Kleingruppen aus jeweils drei Teilnehmern das Verschwinden einer WG-Mitbewohnerin aufklären. Die Spurensuche erfolgte über Audio-Botschaften und schriftliche Nachrichten. Man wurde zu externen Websites geführt und hatte Karten zur Hilfe. Aus dem Chat heraus führte man Telefonate, und die ganze verfügbare digitale Infrastruktur von Telefonbüchern über Handelsregister, Bebauungspläne und Kartendienste wurde von einzelnen Spielern eingesetzt. machina eX verschmolz die fiktionale Wirklichkeit der WG um die verschwundene Tess so stark mit der realen Infrastruktur der Stadt Düsseldorf, dass die Angestellten manches echten Restaurants, mancher Immobilienagentur, deren Namen sich nur marginal von den Ereignisorten des Spiels unterschieden, auf ihren Antwortbeantwortern kryptische Nachfragen nach einer gewissen Tess vorgefunden haben dürften. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem FFT Düsseldorf, mit dem die Gruppe in der Vergangenheit auch eine Doppelpass-Förderung verbunden hatte.

Während machina eX bei ihrem Telegram-Spiel vor allem auf Karte, Sprach- und Schriftnachrichten zurückgriff, zeichnete sich „Twin Speaks“ von vorschlag:hammer durch den opulenten Einsatz von Videos aus. Auch hier bot eine Kriminalstory um eine verschwundene Person das narrative Gerüst. Die Teilnehmer blieben selbst aber passive Beobachter und konnten nicht mit eigenen Initiativen in die Suche eingreifen. Die Sendefunktion war, abgesehen von zwei Pausensituationen, für die Dauer des Spiels ausgeschaltet. Die Verlagerung eines klassischen „Tatort“-Szenarios auf die Mixed-Media-Struktur von vorproduzierten Video- und Audiobotschaften sowie Livevideo und -audio plus Schriftnachrichten funktionierte aber tadellos.

vorschlag:hammer konnte bei „Twin Speaks“ auf die Videosequenzen der eigentlich für den Bühnenraum konzipierten Produktion, die bereits 2019 Premiere hatte, zurückgreifen. Aufgrund der Filmszenen verknüpfte sich der dörfliche Alltag im Ereignisort Birsfelden sogar noch stärker mit der theatral-digitalen Fiktion, als dies im Fall von „Lockdown“ der Fall war. Beide Games erzeugten einen technologisch erweiterten und narrativ wie emotional aufgeladenen Raum. Das coronabedingte Ausweichmanöver auf die Plattform Telegram zeigte in beiden Produktionen so große Potenziale auf, dass multimediale Messengerdienste auch in Zukunft zumindest Nebenspielstätten der Theater bleiben sollten. „Lockdown“ wurde über das FFT Düsseldorf gezeigt, „Twin Speaks“ zuerst am Ballhaus Ost, später am Schlosstheater Moers – einem aktuellen Partner im Doppelpass-Programm. Es ist wohl kein Zufall, dass technologisch aufwendigere Produktionen von freien Gruppen realisiert werden können, die in längerfristigen Förderzusammenhängen stecken.

Das trifft auch auf die CyberRäuber und ihr ebenfalls im Rahmen einer Doppelpass-Partnerschaft mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe realisierten Projekt „CyberBallet“ zu. Die CyberRäuber schlagen einen für die Raum- und Präsenzkunst Theater besonders reizvollen Weg ein. Auf der Plattform VRChat richteten sie mehrere Bühnen ein. In diese begab sich das Publikum als Avatar. In der Bildschirmvariante konnte man den eigenen Avatar über Tastenkombinationen im Raum bewegen. Mit VR-Brille hatte man die komplette Raumerfahrung. Das überwältigte bei den ersten Besuchen. Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, sich Positionen im Raum zu suchen, Bühne inklusive, die eigene Perspektive zu organisieren und sich auch noch mit anderen Besuchern, die ebenfalls per Avatar präsent waren, ins Verhältnis zu setzen, geriet die Performance selbst ein wenig in den Hintergrund. Bewegungssequenzen des Tänzers und Choreografen Ronni Maciel waren mit Motion-Capture-Verfahren aufgezeichnet und in die virtuelle Realität überführt worden. Dort wurden sie vervielfältigt, gespiegelt, in verschiedene zeitliche Intervalle aufgelöst und wieder zu Formationstänzen zusammengestellt. Der Tänzerkörper wurde optisch ebenfalls bearbeitet. Er war durchlässig und funktional auf ein Hybrid aus Skelett, Muskelgewebe und Blutkreislauf reduziert. Die VR-Künstler Marcel Karnapke und Björn Lengers agierten hier als Demiurgen am digitalen Tänzerkörper. Zugleich zeigten sie mit diversen Projektionsformen und Effekten, was in diesen komplett neuen Räumen alles möglich sein kann. Tanzsequenzen können auf Wände, Decke und Boden gelegt werden. Spiegelungen sind möglich, Projektionen einer Livekamera ebenfalls. Zur Steuerung wurde ein virtuelles Mischpult, das sichtbar im Raum war, genutzt.

- Anzeige -

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Florentina Holzinger – Tanz

Koproduktion: Münchner Kammerspiele, Spirit und Tanzquartier Wien, Spring Festival, Theater Rotterdam, Künstlerhaus Mousonturm. Bühne Nikola Knezevic, Dramaturgie Renée Copraij, Sara Ostertag

Das Kolloquium von Äschnapur

München feiert fünfzig Jahre proT – doch statt eines Symposiums hätte man lieber ein neues Werk von Alexeij Sagerer gesehen

Stimmen, die auf Geschichte warten

Ole Hübner, Thomas Köck und Michael von zur Mühlen über ihr Musikheaterprojekt „opera, opera, opera! revenants & revolutions“ im Gespräch mit Dorte Lena Eilers

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan