Festivals

Zwei Revolver und eine Handvoll Kritik

Das africologne Festival in Köln stößt seit zehn Jahren Diskussionen über neokoloniale Verhältnisse an, um Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen

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Wie das dialogForum, das die politische und aktivistische Seite des, wie Kerstin Ortmeier sagt, „Labels africologne“ repräsentiert, war auch die von Serge Aimé Coulibaly inszenierte und von Serge Martin Bambara geschriebene Musikperformance „Le syndrome de la pintade“ („Das Perlhuhnsyndrom“) Teil des diesjährigen Festivalschwerpunkts „Macht. Bewegung. Demokratie“. In ihr verarbeitet Bambara, der unter seinem Künstlernamen Smockey eine Berühmtheit in Burkina Faso ist, seine Erfahrungen als politischer Aktivist, der eine zentrale Rolle in der Graswurzelbewegung „Le Balai Citoyen“ („Die Bürgerbesen“) gespielt hat, die 2014 maßgeblich an den Protesten gegen das Regime von Blaise Compaoré beteiligt war. In satirischen Songs und Szenen präsentiert er die Bevölkerung als eine Schar von Hühnern, die sich von einem Pfau und später dann von einigen Perlhühnern blenden lässt.

Smockeys musikalische Parabel, die auch als Koproduktion mit dem Festival entstanden ist, erzählt dabei nicht nur von den Zuständen in Burkina Faso, die sich seit der Revolution von 2014 nur schleichend verändern. Sie spiegelt auch einen Teil der ­Geschichte von africologne, deren Verantwortliche während der Proteste in Ouagadougou waren. Ergänzt wurde die Produktion im Festivalprogramm noch durch Katy Léna Ndiayes Dokumentarfilm „On a les temps pour nous“, einem filmischen Porträt von Bambara, das keinerlei Zweifel daran lässt, dass Kunst und Aktivismus für ihn eins sind.

Dieses Nebeneinander von Theaterperformances und ­Filmen, von Lesungen und Ausstellungen ist ein weiteres Merkmal des Festivals, das mittlerweile zu einem vielfältigen Treffpunkt für afrikanische und europäische Künstler geworden ist, einem Ort des Austauschs, an dem sich, wie Kerstin Ortmeier nicht ohne Stolz berichtet, „die frankofone und die anglofone Kunstszene ­Afrikas verbunden haben, die sonst kaum einmal ­zusammenkommen“. So sind nicht nur Koproduktionen des Festivals mit afrikanischen Kompanien entstanden, sondern auch eine innerafrikanische Zusammenarbeit. Ein besonderer Erfolg.

Aber es sind nicht nur afrikanische Künstler, die das Festival seit Jahren begleiten und mit ihren Arbeiten prägen. Auch zu deutschen Theatermachern pflegen Haag und Ortmeier schon lange währende und sehr intensive Beziehungen. Einer von ihnen ist der Regisseur Jan-Christoph Gockel, der dem Festival seit Anbeginn sehr nahesteht. In diesem Jahr hat sein sich ständig verändernder und weiterentwickelnder Theaterfilm „Coltan-Fieber: Connecting People“ seine Uraufführung im Rahmen des Festivals. Außerdem wurde noch seine an den Münchner Kammerspielen entstandene Inszenierung „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten – Eine ­Erwiderung“ als digitales Gastspiel gestreamt.

„Coltan-Fieber“ basiert auf Gockels gleichnamiger Theaterinszenierung und denkt die Idee der Zusammenarbeit über Kontinente hinweg neu. Damals war einer der Performer in seinem Ensemble der ehemalige Kindersoldat und heutige Autor und Theatermacher Yves Ndagano. In der Inszenierung konnte er seine Geschichte noch nicht selbst erzählen und hat sie an einen belgischen Schauspieler weitergegeben. Im Film reist Ndagano nun an die Orte seiner Vergangenheit und berichtet gemeinsam mit der Puppe Leopold, die zu seinem zweiten Ich wird, von dem, was er erlebt hat. Persönliche Verletzungen und Traumata werden zum Spiegel für die weiterhin schwelenden Wunden, die der Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo gerissen hat. Aus der biografischen Erzählung wird ein globales Panorama, in dem der Bedarf westlicher Konzerne an Coltan und anderen Bodenschätzen in einem direkten Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen und postkolonialen Ausbeutungsstrukturen steht. Das ist zwar nichts Neues, aber Ndagano gibt den meist übersehenen Opfern der Verhältnisse ein Gesicht.

Projekte wie „Traque“ und „Coltan-Fieber“, die tatsächlich eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe praktizieren, haben im gegen­wärtigen Klima, in dem identitätspolitische Debatten immer unversöhnlicher geführt werden, eine besondere Bedeutung. Das betont auch Gerhardt Haag: „Unser Ziel ist die Überwindung des Tribalismus und nicht ein Rückfall in Trennungen und Abgrenzungen.“ Und so ist africologne ein Festival, dass immer wieder Diskussionen über neokoloniale Verhältnisse und die Verbindungen zwischen den Kulturen anstößt, aber auf eine Weise, die dazu dient, dass, wie Haag betont, „Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut werden“. //

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