Festivals

Zwei Revolver und eine Handvoll Kritik

Das africologne Festival in Köln stößt seit zehn Jahren Diskussionen über neokoloniale Verhältnisse an, um Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen

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Foto: Celine Chariot

Schließlich ist es so weit. Vater und Sohn ziehen ihre Revolver und schießen aufeinander. Ein Ende, das sich von Anfang an abgezeichnet hat und doch nicht unvermeidbar war. Nicht das Schicksal hat den Bauunternehmer und selbsternannten „König des Betons“ Franck und Niko, seinen Erstgeborenen, zu Todfeinden gemacht. Sie sind den Mechanismen des Kapitalismus erlegen, die alles auf Konkurrenz und Kampf reduzieren und kein friedliches Nebeneinander gegensätzlicher Ideen und Überzeugungen dulden.

So sieht es zumindest der guineische Autor Hakim Bah, der die Textvorlage für Cédric Brossards im Rahmen des diesjährigen africologne Festivals uraufgeführte Theaterperformance „Traque – Treibjagd“ geschrieben hat. Es gibt zwar ein reales Vorbild für den großen, von Franck gegründeten Baukonzern und dessen geschäftliche Verbindungen zu afrikanischen Staaten. Aber Bah setzt gezielt auf Verfremdungen. Nahezu alle Szenen seines Stücks gleichen Duellen. Verhandlungen werden mit Worten geführt und nicht selten mit Schüssen aus Revolvern beendet. Das wahre Wesen des Kapitalismus spiegelt sich in den Konventionen des Western-Genres. Das erinnert an die Verfremdungstechniken eines Bertolt Brecht, dessen Lehrstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ Zeitgeschichte als Mafia-Kolportage porträtiert hat.

„Traque“, eine gemeinsame Produktion von Brossards ­Compagnie Acétés und africologne, stand im Zentrum des diesjährigen Festivals. Aufgrund der Pandemie konnte Brossards an verschiedenen Orten in und an der Alten Feuerwache stattfindende Performance nur als Live-Stream gezeigt werden. Aber selbst in diesem Format, das dem räumlichen Aspekt der Inszenierung – eine Reise aus den Chefetagen europäischer Konzerne auf eine riesige Baustelle in einem westafrikanischen Staat – viel von seiner Intensität nimmt, entwickelt Brossards und Bahs Spiel mit post­kolonialen Realitäten und zugespitzten Western-Motiven einen beachtlichen intellektuellen Sog. Zudem gleicht es in vielerlei Hinsicht einem Brennglas, das die Ideen und Intentionen, die Themen und die Anliegen des alle zwei Jahre in Köln stattfindenden Festivals bündelt.

Im Gespräch erzählt Gerhardt Haag, der ehemalige Intendant des Kölner Theaters im Bauturm, der africologne 2011 in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung des Bundes ins Leben gerufen hat, dass er und Kerstin Ortmeier, die Kuratorin und Dramaturgin des Festivals, „beständig auf zwei Ebenen arbeiten“. Die eine sei die politische, bei der es um Demokratie, Freiheits- und Selbstbestimmungsrechte in den afrikanischen Staaten gehe. Die andere kreise um die Frage, was es eigentlich heiße, „auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten“.

Eine Koproduktion wie „Traque“ gibt darauf zumindest erste Antworten. Ein französisches Kollektiv, ein deutsches Festival und ein guineischer Autor haben gemeinsam mit einem „colorblind“ besetzten Ensemble eine Performance erschaffen, die eben nicht nur postkolonialen Spuren folgt. Zugleich nutzt sie ein genuin westliches, selbst stark kolonialistisch geprägtes Genre, den Western, um wirtschaftliche Zusammenhänge ebenso wie kulturelle Klischees zu dekonstruieren. Das ist natürlich längst nicht alles, wenn es um ein gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe zwischen afrikanischen Künstlern und europäischen Theater- und Festivalmachern geht. Aber schon ein bedeutender Schritt. Und africologne geht auch noch ganz andere Wege. So gibt es deutliche Bestrebungen, afrikanische Künstler und Wissenschaftler noch stärker in die Organisation des Festivals einzubeziehen. Ein Beispiel dafür war das diesjährige dialogFORUM, das unter der Überschrift „Deckt die Pandemie demokratische Missstände auf? Kunst, Proteste und Utopien in einer viralen Zeit“ erstmals von einem afrikanischen Wissenschaftler, dem senegalesischen Entwicklungsökonomen Ndongo Samba Sylla, geleitet wurde.

Wie das dialogForum, das die politische und aktivistische Seite des, wie Kerstin Ortmeier sagt, „Labels africologne“ repräsentiert, war auch die von Serge Aimé Coulibaly inszenierte und von Serge Martin Bambara geschriebene Musikperformance „Le syndrome de la pintade“ („Das Perlhuhnsyndrom“) Teil des diesjährigen Festivalschwerpunkts „Macht. Bewegung. Demokratie“. In ihr verarbeitet Bambara, der unter seinem Künstlernamen Smockey eine Berühmtheit in Burkina Faso ist, seine Erfahrungen als politischer Aktivist, der eine zentrale Rolle in der Graswurzelbewegung „Le Balai Citoyen“ („Die Bürgerbesen“) gespielt hat, die 2014 maßgeblich an den Protesten gegen das Regime von Blaise Compaoré beteiligt war. In satirischen Songs und Szenen präsentiert er die Bevölkerung als eine Schar von Hühnern, die sich von einem Pfau und später dann von einigen Perlhühnern blenden lässt.

Smockeys musikalische Parabel, die auch als Koproduktion mit dem Festival entstanden ist, erzählt dabei nicht nur von den Zuständen in Burkina Faso, die sich seit der Revolution von 2014 nur schleichend verändern. Sie spiegelt auch einen Teil der ­Geschichte von africologne, deren Verantwortliche während der Proteste in Ouagadougou waren. Ergänzt wurde die Produktion im Festivalprogramm noch durch Katy Léna Ndiayes Dokumentarfilm „On a les temps pour nous“, einem filmischen Porträt von Bambara, das keinerlei Zweifel daran lässt, dass Kunst und Aktivismus für ihn eins sind.

Dieses Nebeneinander von Theaterperformances und ­Filmen, von Lesungen und Ausstellungen ist ein weiteres Merkmal des Festivals, das mittlerweile zu einem vielfältigen Treffpunkt für afrikanische und europäische Künstler geworden ist, einem Ort des Austauschs, an dem sich, wie Kerstin Ortmeier nicht ohne Stolz berichtet, „die frankofone und die anglofone Kunstszene ­Afrikas verbunden haben, die sonst kaum einmal ­zusammenkommen“. So sind nicht nur Koproduktionen des Festivals mit afrikanischen Kompanien entstanden, sondern auch eine innerafrikanische Zusammenarbeit. Ein besonderer Erfolg.

Aber es sind nicht nur afrikanische Künstler, die das Festival seit Jahren begleiten und mit ihren Arbeiten prägen. Auch zu deutschen Theatermachern pflegen Haag und Ortmeier schon lange währende und sehr intensive Beziehungen. Einer von ihnen ist der Regisseur Jan-Christoph Gockel, der dem Festival seit Anbeginn sehr nahesteht. In diesem Jahr hat sein sich ständig verändernder und weiterentwickelnder Theaterfilm „Coltan-Fieber: Connecting People“ seine Uraufführung im Rahmen des Festivals. Außerdem wurde noch seine an den Münchner Kammerspielen entstandene Inszenierung „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten – Eine ­Erwiderung“ als digitales Gastspiel gestreamt.

„Coltan-Fieber“ basiert auf Gockels gleichnamiger Theaterinszenierung und denkt die Idee der Zusammenarbeit über Kontinente hinweg neu. Damals war einer der Performer in seinem Ensemble der ehemalige Kindersoldat und heutige Autor und Theatermacher Yves Ndagano. In der Inszenierung konnte er seine Geschichte noch nicht selbst erzählen und hat sie an einen belgischen Schauspieler weitergegeben. Im Film reist Ndagano nun an die Orte seiner Vergangenheit und berichtet gemeinsam mit der Puppe Leopold, die zu seinem zweiten Ich wird, von dem, was er erlebt hat. Persönliche Verletzungen und Traumata werden zum Spiegel für die weiterhin schwelenden Wunden, die der Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo gerissen hat. Aus der biografischen Erzählung wird ein globales Panorama, in dem der Bedarf westlicher Konzerne an Coltan und anderen Bodenschätzen in einem direkten Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen und postkolonialen Ausbeutungsstrukturen steht. Das ist zwar nichts Neues, aber Ndagano gibt den meist übersehenen Opfern der Verhältnisse ein Gesicht.

Projekte wie „Traque“ und „Coltan-Fieber“, die tatsächlich eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe praktizieren, haben im gegen­wärtigen Klima, in dem identitätspolitische Debatten immer unversöhnlicher geführt werden, eine besondere Bedeutung. Das betont auch Gerhardt Haag: „Unser Ziel ist die Überwindung des Tribalismus und nicht ein Rückfall in Trennungen und Abgrenzungen.“ Und so ist africologne ein Festival, dass immer wieder Diskussionen über neokoloniale Verhältnisse und die Verbindungen zwischen den Kulturen anstößt, aber auf eine Weise, die dazu dient, dass, wie Haag betont, „Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut werden“. //

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