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Die soziale Opernplastik

Die Berliner Musiktheater-Erneuerer Dennis Depta und Marielle Sterra erschließen mit dem dritten Opus ihrer „Berlin is not …“-Reihe ungewöhnliche Kunstformen und Publika

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Foto: Peter van Heesen
Foto: Peter van Heesen

Das Gras ist grün, und über der saftigen Rasenfläche breiten sich kleine Wolken aus Marihuana-Düften aus. Menschengruppen lagern auf der Wiese, Bierflaschen kreisen, Wein schwappt in Bechern. Eine Anmutung von Woodstock stellt sich ein. Nur ist es hier, bei Berlin is not am Ring, auf dem ­Gelände des Garagenkomplexes der Fahr­bereitschaft in Berlin-Lichtenberg viel ­urbaner. Das ruft das Quietschen der regelmäßig am Zaun vorbeifahrenden Straßenbahn ins Bewusstsein.

In dieses Geräusch weben sich die Bläserklänge des Omniversal Earkestra. Die Berliner Big Band wartet mit einer Fusion aus Jazz und Tuareg-Klängen auf. Manches Ohr erkennt auch Wagner’sche Anleihen. Ge­geben wird schließlich „Der Ring des Nibelungen“, Richard Wagners Großprojekt, für dessen Realisierung er gleich ein ganzes Festspielhaus in Bayreuth errichten ließ.

Die Regisseurin Marielle Sterra und der Dramaturg Dennis Depta, die zuvor schon in den Festivals Berlin is not Bayreuth und Berlin is not Bregenz Wagner’sche Partituren an ungewöhnlichen Orten gegen den Strich bürsteten, arbeiten sich auch in der Ortswahl am großen Antipoden und dessen Unterstützern ab. Sie bauen kein neues Festspielhaus – das Wagner ursprünglich auch selbst nicht wollte –, sondern begnügen sich mit bereits bestehender Infrastruktur. Nur schrill glitzernde Tücher, mit denen der Zaun verhängt ist, weisen auf ihr Event hin.

Kräftig am Wagner’schen Ambrosia-Topf, der (musik-)revolutionäres Selbstbewusstsein verschafft, haben sie freilich auch genascht. Ähnlich wie Wagner wüten sie in ihren Texten gegen Autoritäten, in ihrem Falle Stadt- und Staatstheater, Opernhäuser, Universal Music und Spotify. Im selbst ver­antworteten Programmbeitrag ihrer Gruppe glanz&krawall lassen sie zwischen Punkrock- und Hip-Hop-Nummern sowie Opern­arien einen Sängerdarsteller namens Wotan (Christopher Heisler) irrlichtern, dessen ­Hybris es mit der von Wagner, Dieter Bohlen und Michael Jackson aufnimmt.

Kämpfen glanz&krawall vor allem verbal gegen den institutionalisierten Musikbetrieb in dessen privatwirtschaftlicher wie öffentlich finanzierter Ausprägung an, so geht es beim Project Nova sehr körperbetont zu – und vor allem gegeneinander! In einem echten Boxring führen Wrestlerinnen und Wrestler mit Namen wie Freia, Alberich und Wotan zu punktgenau gesetzten Beats der Rockband Weinhardt ihre Haltegriffe, Würfe, Sprünge, Tritte und Hiebe aus. Dabei klatscht Fleisch auf Fleisch. Körper prallen auf den Ring­boden, stets akzentuiert durch Riffs und Trommelschläge der Band. Das Publikum johlt, pfeift, schreit aus vollem Halse. Ganz ungewohnte emotionale Kanäle werden ­freigelegt. Man fühlt sich gar an frühe Wagner’sche Intentionen erinnert. In seinem Aufsatz „Über die Benennung ‚Musikdrama‘“ erwähnte er selbst Turnfeste als Vorbilder für seine geplanten Theaterfeste. Wagner zielte auf ein neues Publikum, jenseits des von ihm als erstarrt empfundenen Opernbetriebs. Er schloss freilich die kulturferneren Schichten aus, wollte den, wie er es nannte, „Pöbel“ nicht bei seinen Weihespielen haben.

Sterra und Depta denken da viel inklusiver. Allein durch ihre Einladungspolitik ­(siehe Wrestling) kreieren sie ein ganz neues und vielfältiges Publikum, eine Art soziale Opernplastik, die sich aus den verschiedensten städtischen Communitys speist. Workshops an den Nachmittagen fächern Ästhetiken und Publika weiter auf.

So ist es nur konsequent, dass auch das Theater Thikwa, Vorreiter des inklusiven Theaters, gemeinsam mit der Performerin Cora Frost „Siggy“, „Bruni“ und all die ­anderen Figuren des Wagner-Kosmos auf deren Positionen im Machtgefüge abklopft. Auch sie ziehen, ebenso wie die inklusive Party­reihe Spaceship, ein ausgesprochen ­diverses Publikum an, sodass sich vor den drei Bühnen des Festivalgeländes Menschen mit und ohne Behinderung, Wrestlingfans und Theaterjunkies, Rocknerds und Klassikliebhaber fröhlich mischen.

Der vierte große Act des Festivals, der Hip-Hopper, Poet und Performer Black ­Cracker, stieß in wiederum andere Richtungen vor. Er erkundete mit tiefen Basssounds, zwei Tänzerinnen, einem Tänzer und einem Auto an der ehemaligen Tankstelle der ­Fahrbereitschaft die Atmosphäre zwischen töd­licher Gefahr und sterbenslangweiliger ­Realität, die einer solchen Kraftstoffnachfüllstation als Nicht-Ort zwischen Zivilisa­tion und Steppe eigen ist. Er lotete das ­Gewalt- und Dominanzgehabe motorisierten Lebens aus und kommentierte so den Zustand der kriegerischen Hunnen und Burgunder aus Wagners Nibelungen-Tetralogie kurz vor dem Exzess.

„Berlin is not am Ring” war ein immenses Spektakel. Ekstatische Momente vermischten sich mit solchen der Überforderung, gelegentlich auch des Befremdens. Die Mischung aber bot Sinnesreize für viele Wahrnehmungskanäle. Das Format selbst hat Potenzial. Man ist gespannt, welchen Ort und welche Vorlage sich Sterra und Depta für das nächste Volumen auswählen. Menschen, die selbst gern Teil dieser ästhetisch-sozialen Plastik sein wollen, haben sie definitiv gefunden. //

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