Ein Land wie gerade nicht da

Das Septemberheft von Theater der Zeit

Josef Bierbichler bringt in der neuen Ausgabe von Theater der Zeit die Orientierungslosigkeit, die seit dem Tod von Christoph Schlingensief in der Öffentlichkeit herrscht, auf den Punkt: „Nachtodverwirrung" nennt er den Text, mit dem er sich von Christoph Schlingensief verabschiedet.


Wer sich diesen Sommer in Griechenland aufhielt, weiß, dass die Ruhe trügt, die derzeit über Europa liegt. Warum der Sturm, der sich da zusammenbraut, nicht nur pekuniäre Gründe hat, berichtet Wolfgang Engler, Soziologe und Rektor der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" Berlin, im Gespräch mit Holger Teschke. Anlass ist das künstlerisch-soziologische Projekt „Über Leben im Umbruch" des Berliner Maxim Gorki Theaters über die brandenburgische Schrumpfoase Wittenberge. Eine Stadt, welcher der Dramatiker Philipp Löhle verwundert dabei zusieht, wie sie einerseits verschönert wird, während sie andererseits implodiert. Ergebnis dieser Beobachtung ist sein „Western nach wahren Begebenheiten": „Die Überflüssigen", nachzulesen im Stückabdruck von Theater der Zeit.


Auch die Tafelrunde der Tübinger Intendanten - Simone Sterr vom LTT sowie Christian Schäfer und Axel Krauße vom Zimmertheater - folgt im Gespräch mit Frank Raddatz der Frage, wie die Theaterleute selbst exemplarisch das Leben führen könnten, das sie auf der Bühne einklagen. Dass bloßes kritisches Getue mit Vergeblichkeit geschlagen ist, hat niemand dem Bürgertum so schön ins Poesiealbum gedichtet wie Anton Tschechow. Umso erfreulicher, wie Gunnar Decker in Frank Castorfs Inszenierung „Nach Moskau! Nach Moskau!" die Rückkehr des Regisseurs zum anarchistischen Kraftquell seiner Anfänge bejubelt.


Großartiges weiß auch Dorte Lena Eilers vom Festspielhaus Hellerau in Dresden zu berichten, wo Installationen von Graeme Miller und Jean Michel Bruyère zum Thema Flüchtlinge und Migration das bundesdeutsche Patientenkollektiv zumindest vorübergehend aus dem Koma erwecken. Mit Shakespeares Erstling „Titus Andronicus" als Flüchtlings-Splatter-Farce lässt Volker Lösch in Stuttgart die Fetzen fliegen. Die Wiener Festwochen steuern mit Produktionen von Alexander Nikolic und Jörg Lukas Matthaei ebenfalls Außerordentliches zum Thema Flüchtlinge bei.


Der Welt als soziale Plastik wohnte auch Sebastian Kirsch beim Festival Theater der Welt in Mülheim und Essen bei, wo er die Flugbahnen von Ejakulaten verfolgen konnte, mit denen sich dort der Wahn des Echten als Materialbegriff mittlerweile manifestiert. Ergänzt wird der Besuch im Ruhrgebiet durch Festivalberichte aus Braunschweig, wo Anja Dirks mit viel Fortune bei den Theaterformen 2010 das Theater der Zukunft präsentierte und Wiesbaden, wo die 10. Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa die Weiblichkeit feierte.

Theater der Zeit - September 2010

Im Handel erhältlich seit 01.09.2010
EUR 8,00 ISSN 0040-5418 122 Seiten
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