Jan Pappelbaum. Bühnen - Stages - Scenerom

Eine Ausstellung im Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design Norwegen

Zu den wichtigsten und wegweisenden Bühnenbildnern im deutschen Schauspieltheater gehört Jan Pappelbaum. Seine Arbeiten gelten als unverwechselbare Zeugnisse der zeitgenössischen Theaterentwicklung. In seiner engen und langjährigen Zusammenarbeit mit Thomas Ostermeier wirkt er stilprägend für die Berliner Schaubühne und deren Bedeutung für das europäische Theater.

Jan Pappelbaum gilt als Architekt unter den Bühnenbildnern. Bühnen sind für ihn „Architekturanordnungen, die bestimmte Spielweisen hervorbringen", transparente Raumgebilde voller Architekturzitate und überraschenden Bezügen zur Moderne und deren Wiederkehr in den Metropolen der Gegenwart.

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Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design in Oslo / Foto Arlett Mattescheck

Theater der Zeit widmet zusammen mit dem Goethe-Institut Norwegen diesem außerordentlichen Raumdenker und Bühnenerfinder eine erste umfassende Ausstellung im Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design Norwegen. Die Ausstellung zeigt einzigartiges Foto- und Filmmaterial aus über 80 Inszenierungen, beispielhafte Bühnenbildmodelle und raumgroße Bildprojektionen aus dem Filmarchiv von Jan Pappelbaum und der Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin. Wie wandlungsfähig dessen Bühnenarchitektur ist, und wie einfallsreich er diese mit den Ideen und Darstellungsweisen von Regisseuren und Schauspielern, mit Theatergebäuden verknüpft, wird in unterschiedlichen Themenräumen wie Bühnen und Welten anschaulich.

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In den beeindruckenden Museumsräumen des Norwegischen Architektenstars Sverre Fehn informiert die Ausstellung zugleich über eine besondere Form der Verbindung von Architekturdarstellung und Theaterpraxis in Deutschland.

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"Hedda Gabler" Multiprojektion und Klanginstallation / Foto Arlett Mattescheck

Die atmosphärisch dichte Inszenierung von Hedda Gabler an der Berliner Schaubühne versetzt das Drama aus einer Villa  des 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im westlichen Teil Kristinias in ein schickes, glitzerndes  Loft  in der  aktuellen Gegenwart. Der Regisseur Ostermeier hat eine Generation vor Augen, die sich gerade gesellschaftlich etabliert hat und ihren gehobenen Life-Stile erhalten  will. Die Angst vor dem sozialen Abstieg kontrolliert und deformiert heute immer noch die menschlichen Schicksale und Lebensläufe, sie ist mittlerweile in alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen und ein kollektives Leitmotiv.

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Bühnenbildmodell "Hedda Gabler" / Foto Torsten Seidel

Die Bühne, eine große, drehende Bodenplatte, darauf eine aufschiebbare Glasfront und eine Betonscheibe, einziges Möbel ein riesiges,  sachliches Ecksofa, soll an Meisterwerke der Architektur der klassischen Moderne erinnern. Zwar eigentlich unbewohnbar, gelten  die prototypischen Wohnhäuser der Moderne noch heute als die Leitbilder für Traumhäuser schlechthin. Deren Ästhetik hat vor allem das Erscheinungsbild zeitgenössischer Konsumwerbung geprägt. Pappelbaum nutzt  wie schon bei „ Nora“ ein freies Podest im Raum. Aber anders als in jenem virtuosen, facettenreichen Aufbau der Raumebenen konzentriert er die simultanen Spielflächen auf einen einzigen Handlungsort, der als Wohnlandschaft nicht funktionieren, sondern repräsentieren soll.  Dieses Prinzip der Zurschaustellung einer bürgerlichen Welt  verdichtet sich hier durch Abstraktion und illusionistische Raumbezüge.  Glänzende Materialien lassen die Figuren mehrfach erscheinen. Durch einen über der Bühne hängenden Spiegel gelingt  eine optische Steigerung der Bühnentransparenz. Durch die Bewegung des Spiegels und im Drehen des Bühnenkörpers entsteht scheinbar völlige Offenheit. Der Zuschauer hat das Gefühl, alles sehen zu können, und wird dann doch von neuen,  nicht vorstellbaren Möglichkeiten des schauspielerischen Auftritts überrascht.

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Die Ausstellung zeigt weitere Bühnenbildkonzepte Jan Pappelbaums anhand von Modellen, Filmausschnitten und Texttafeln, darunter "Baumeister Solness" (Burgtheater Wien, 2004), "Hamlet" (Schaubühne Berlin, 2008), "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" (Schaubühne Berlin, 2001), "Mann ist Mann" (Baracke am Deutschen Theater Berlin, 1996), "Nora" (Schaubühne Berlin, 2002), "Personenkreis" (Schaubühne Berlin, 2000), "Unter Eis" (Schaubühne Berlin, 2004), "Woyzeck" (Schaubühne Berlin, 2003). Foto Arlett Mattescheck

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Foto Arlett Mattescheck

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Foto Arlett Mattescheck

Neben seinen Entwürfen für die Bühne entstehen Fotoserien und Filme. Seit 2000 fotografiert Jan Pappelbaum auf den unzähligen Gastspielreisen der Berliner Schaubühne und beginnt mit einer einfachen Fotokamera auch zu filmen.

"Ich bin beim Fotografieren ein leidenschaftlicher Sammler. Die Grundlage dafür sind neben den Reisen selbst lange Spaziergänge durch völlig unbekannte Teile einer Stadt. Dazu setze ich mich in die Metro und fahre zu deren Endhaltestelle und laufe zurück - je unbestimmter, desto besser. Die Erlebnisse und Motive kommen von selbst. Scheinbar uninteressante Städte sind dabei am ergiebigsten, weil ich in der Fremde das ganz Normale als etwas Besonderes wahrnehme."

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Foto Arlett Mattescheck

Pappelbaum ist ein Flaneur, der bewusst ziellos durch die Strassen der Welt zieht und keine Eile hat, die dem Blick ein Abschweifen und Verweilen verbietet, sondern ihm die Freiheit gibt, sich überall hin umzusehen und das Fremde als etwas Neues wahrzunehmen.

„Vielleicht liebe ich diese Stadtwanderungen gerade wegen ihrer Mischung aus Entspannung und Überraschung und natürlich der Zeit, über alles Mögliche nachzudenken. In Berlin gehe ich viel durch die Stadt.  Ich versuche mich dann zu erinnern, was ich wohl als Fremder  fotografieren würde und sehe das Selbstverständliche wieder anders.“

Sein Bildarchiv ist im Laufe der Jahre immer größer geworden. Es bildet  eine der wesentlichsten Grundlagen für seine Entwürfe. Es ist für ihn ein digitales Skizzenbuch, das Situationen und Orte einfängt und dokumentiert.

Ausstellungseröffnung am Samstag, den 10. Oktober 2009, 14 Uhr

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Jan Pappelbaum und der Direktor der Nationalmuseen in Oslo, Audun Eckhoff / Foto Arlett Mattescheck

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Der Leiter des Goethe-Instituts in Oslo, Michael de la Fontaine und der Verlagsleiter von Theater der Zeit, Harald Müller / Foto Arlett Mattescheck

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Tobias Veit von der Schaubühne am Lehniner Platz und die Kuratorin der Ausstellung Ute Müller-Tischler / Foto Arlett Mattescheck

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Jan Pappelbaum und der Check-In unhandlicher Ausstellungsrequisiten am Berliner Flughafen / Foto Arlett Mattescheck

Jan Pappelbaum. Bühnen / Stages / Scenerom
11.10.2009 - 10.01.2010

Ein Ausstellungsprojekt von Theater der Zeit
in Zusammenarbeit mit dem Goethe - Institut Norwegen im Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design, Norwegen.
Mit freundlicher Unterstützung der Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin


Projektleitung: Harald Müller
Künstlerische Leitung: Jan Pappelbaum
Kuratorin: Dr. Ute Müller-Tischler
Ausstellungsgestaltung und -architektur: kk-architekten, Karl Karau
Projektleitung im Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design, Norwegen: Anne Marit Lunde
Modellbau: Mira Voigt und Hagen Damwerth
Grafik: Sibyll Wahrig
Übersetzung: Nanna Baldersheim / Norwegisch/ Lilian-Astrid Geese/Rebecka Stuart Englisch


Mit besonderem Dank an Michael de la Fontaine, Leiter des Goethe-Institut Norwegen, Jürgen Schitthelm, Direktor der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin und Ba Clemetsen, Theaterfestival Oslo, Arno Declaire, Fotograf, Theaterkanal des ZDF und arte sowie insbesondere an Jan Pappelbaum für das Zurverfügungstellen seiner Arbeitsmaterialien.

Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design
Nasjonalmuseet - Arkitektur, Bankplassen 3, Oslo

info@nasjonalmuseet.no
www.nasjonalmuseet.no


Öffnungszeiten
Dienstag, Donnerstag, Freitag: 11.00-17.00 Uhr
Donnerstag: 11.00-19.00 Uhr
Samstag und Sonntag: 12.00-17.00 Uhr
Montag: geschlossen

Goethe-Institut Norwegen
Grønland 16
0188 Oslo
Norwegen

Tel. +47 22057880
Fax +47 22172004
info@oslo.goethe.org
www.goethe.de


Verlag Theater der Zeit
Klosterstraße 68
10179 Berlin

Tel. +49-30-2423626
Fax +49-30- 24722415
h.mueller@theaterderzeit.de
www.theaterderzeit.de

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Foto Torsten Seidel

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