Jan Pappelbaum. Scenografie

Ausstellung in Krakau

In seiner engen und langjährigen Zusammenarbeit mit Thomas Ostermeier wirkt Jan Pappelbaum stilprägend für die Berliner Schaubühne und deren Bedeutung für das europäische Theater. Er gilt als Architekt unter den Bühnenbildnern. Eine Fotogalerie zeigt in diesem Beitrag einen Querschnitt der Ausstellung.

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Blick auf das Manggha Museum (links), die Weichsel und den Wawel (rechts) in Krakau. Foto Jan Pappelbaum

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Das Manggha Museum. Foto Ute Müller-Tischler

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Noch sind die Tore verschlossen. Der Ausstellungseingang kurz vor Eröffnung. Foto Paul Tischler

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Kurz und bündig. Nach den offiziellen Eröffnungsreden erläutert Jan Pappelbaum (vorne rechts) seine Arbeitsweise als Bühnenbildner. Foto Andrzej Janikowski

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Die Ausstellung ist jetzt eröffnet. Der Eingangsbereich informiert über Leben und Werk Jan Pappelbaums sowie über seine vier Grundraumtypen „Bühnen und Raum", „Bühnen und Zuschauer", „Bühnen und Skulpturen" sowie „Bühnen und Orte". Foto Jan Pappelbaum

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Der Eingangsbereich mit Blick in den ersten Raum. Foto Jan Pappelbaum

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Der erste Raum zeigt eine Klanginstallation, Multiprojektion und das bewegte Bühnenbildmodell von „Hedda Galber" (Henrik Ibsen, Regie Thomas Ostermeier, 2005). Foto Jan Pappelbaum

Die Bühne, eine große, drehende Bodenplatte, darauf eine aufschiebbare Glasfront und eine Betonscheibe, einziges Möbel ein riesiges, sachliches Ecksofa, soll an Meisterwerke der Architektur der klassischen Moderne erinnern. Zwar eigentlich unbewohnbar, gelten die prototypischen Wohnhäuser der Moderne noch heute als die Leitbilder für Traumhäuser schlechthin. Deren Ästhetik hat vor allem das Erscheinungsbild zeitgenössischer Konsumwerbung geprägt. Pappelbaum nutzt wie schon bei „ Nora" ein freies Podest im Raum. Aber anders als in jenem virtuosen, facettenreichen Aufbau der Raumebenen konzentriert er die simultanen Spielflächen auf einen einzigen Handlungsort, der als Wohnlandschaft nicht funktionieren, sondern repräsentieren soll. Dieses Prinzip der Zurschaustellung einer bürgerlichen Welt verdichtet sich hier durch Abstraktion und illusionistische Raumbezüge. Glänzende Materialien lassen die Figuren mehrfach erscheinen. Durch einen über der Bühne hängenden Spiegel gelingt eine optische Steigerung der Bühnentransparenz. Durch die Bewegung des Spiegels und im Drehen des Bühnenkörpers entsteht scheinbar völlige Offenheit. Der Zuschauer hat das Gefühl, alles sehen zu können, und wird dann doch von neuen, nicht vorstellbaren Möglichkeiten des schauspielerischen Auftritts überrascht.

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Im Ausstellungsrundgang werden insgesamt zehn Bühnen vorgestellt: „Baumeister Solness", „Hamlet", „Hedda Gabler", „Die heilige Johanna der Schlachthöfe", „Mann ist Mann", „Nora", „Personenkreis", „Unter Eis", „Othello" und „Woyzeck". Foto Jan Pappelbaum

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Durch Beleuchtung, Sound, Bewegung und Filmausschnitten werden die Modelle zum Leben erweckt. Foto Jan Pappelbaum

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Woyzeck" (Georg Büchner, Regie Thomas Ostermeier, 2003). Foto Andrzej Janikowski

„Der Ort, an dem der Aufschwung Ost verreckt ist" (Jan Pappelbaum)

Die Bühne von „Woyzeck" ist ein authentischer Schauplatz, der „grausamste Theaterort des Jahrzehnts" wie die Theaterkritik dieses neuartige Bühnengeschehen an der Berliner Schaubühne beschreibt. Die Zuschauer sitzen inmitten eines fotorealistisch gemalten Panoramas, am Horizont eine Hochhaussiedlung am Rande der Großstadt. Indem Pappelbaum den Betonraum der Schaubühne sichtbar als Element des Bühnenbildes einbindet, schließt er den Bühnen- und Zuschauerraum zusammen, werden die Zuschauer an das Bühnengeschehen herangerückt und förmlich hineingepresst. Die sozialen Randzonen werden durch die hyperrealistische Fototechnik des Bühnenhintergrunds bedrückend konkret und unausweichlich wahrgenommen. Die Zuschauer haben das Gefühl, sich gemeinsam mit den Schauspielern im Nirgendwo zu befinden, mit ihnen an irgendwelchen Imbissständen und Abraumhalden zu stehen, wo Abwasser aus dicken Betonrohren in dreckige Erde fließt. An einem Ort, wo kein Besucher der Berliner Schaubühne je landen will.

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Rechts „Nora / Ein Puppenheim" (Henrik Ibsen, Regie Thomas Ostermeier, 2002) und links „Baumeister Solness" (Henrik Ibsen, Regie Thomas Ostermeier, 2004) . Foto Jan Pappelbaum

Jan Pappelbaum baut für „Nora" ein „ Puppenhaus", ein ideales Wohnhaus, auf der Bühne. Die mehrstufigen Spielebenen und Handlungsräume erlauben Auf- und Abgänge, Zwischenbereiche und mehrfache Perspektiven. Sie erinnern an neu entstandene Wohnarchitekturen im Maisonnette-Stil mit exklusivem Innendesign. Besonders das riesige Zierkarpfenaquarium repräsentiert mehr Wohlstand und Einfluss als das Wohlbefinden seiner Besitzer. In der langsamen Drehung des Bühnenkörpers verwandelt sich dieser zu einem dreidimensionalen Kunstwerk, zu einem Exponat. Den Vorführ- und Vitrinencharakter moderner Architekturinkunabeln überträgt auf die Bühne und verdichtet ihn zu einem wiederkehrenden Gestaltungselement in seinen Bühnenbildern. „Das Bühnenbild zu ‚Nora' erscheint wie Messeaufbauten in der Vorderansicht perfekt, robust und durchgestylt. Beginnt sich die Konstruktion zu drehen, sieht man die provisorischen Steckverbindungen, verklebten billigen Dekormaterialien und vor allem leere Regale. Was den Figuren in Ibsens Stück innerlich geschieht, der leer lauf in der alltäglichen Routine von Erwerbs- und Eheleben, die fragilen Grundlagen ihres Reichtums an Geld und innerlichen Werten spiegeln die Architektur und das Interieur einer vollkommen modern gestylten Wohnarchitektur wider, die gleichzeitig jederzeit wieder auf- und abgebaut werden kann." (Frank Eckart)


Die Bühne von „Baumeister Solness" ist ein multipler Bühnenkörper mit vielen Sichtachsen und erlebbaren Raumbezügen und die materialisierte Erinnerung an die anspruchsvolle Anfangsphase in Schaffen des Architekten Solness. Ein durchkonstruierter Wohn- und Arbeitsraum, konzentriert auf dem Raum der Drehbühne, könnte eigentlich für den Architekten Solness werben. Nach dem Muster eines gläsernen Hauses, in dem sich die verschiedenen Funktionen des modernen Menschen im gleichzeitigen Wohnen und Arbeiten als Vergnügen sichtbar zusammenfügen. Pappelbaum verschachtelt diese Lebensräume zu szenischen Spielebenen. Während der Aufführung verschieben und durchdringen sich die Wände, beschleunigen die Szenenwechsel und verdichten die Bühne zu einem porösen Baukörper, der zwischen Innen und Außen nicht mehr unterscheidet. Dagegen zeigen Projektionen der derzeitigen Bauten des Architekten Solness, dass sich Geld mit konventionellen Traumhäusern einfacher verdienen lässt.

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Hamlet, Prinz von Dänemark" (William Shakespeare, Regie Thomas Ostermeier, 2008). Foto Andrzej Janikowski

Für „Hamlet" entsteht ein transportabler Bühnenkörper mit mechanischer Bewegungstechnik. Die Bühnenfläche ist ein mit Torfmull gefüllter rechteckiger Kasten, eine Art Mini-Bühne, ein Theater im Theater, auf der sich die ganze Handlung abspielt. Der ›Mutterboden‹, mal Friedhof, mal Park, meistens nur den Sumpf des höfischen Miteinanders darstellend soll ein ums andere Mal über Gesichter und Körper verschmiert werden, ein Gartenschlauch ist Regenspender und filmisches Mittel, genauso wie das Mikrofon, das von Schauspieler zu Schauspieler wandernd, nur all zu deutlich Entertainer, Moderatoren und Medienpolitiker bezeichnen soll. Ihre Welt ist eine fest verankerte Podestebene mit langem Tisch. Hier befindet sich die Stelle der Kommunikation, der Raum für Entscheidungsmächte, aus denen Hamlet heraustritt, im Schlamm versinkt. Im Vor- und Zurück der mechanischen Bühnenwelt agieren die Darsteller, unterstützt durch einen „goldener" Kettenvorhang, der die Handlungsstränge zu trennen und verbinden vermag. Gehalten von einer riesigen Traverse auf Schienen fungiert der goldene Vorhang zugleich als Projektionsfläche für die Bilder der Handkamera Hamlets.

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Personenkreis 3.1" (Lars Noren, Regie Thomas Ostermeier, 2000). Foto Andrzej Janikowski

Pappelbaums Bühnenraum formuliert hier einen klaren neuen ästhetischen Standpunkt. Er geht mit Architektur und Material des Grundraumes offen um und leitet aus ihnen die Form und das Aussehen der Bühne ab. Die Sichtbetonwände des Raumes setzen sich in einer großen Betonplatte fort, einem leeren Platzplateau, der mit einer großen Freitreppe, wie man sie an den Eingängen zum Unterg