Neues deutsches Theater. Wer ist Wir?

Das Novemberheft von Theater der Zeit

Nachdem Thilo Sarrazin eine weitere Debatte zum Thema Migration losgetreten hat, bauen Seehofer, Merkel und andere die Leitkultur bereitwillig als Drohkulisse auf.

Mit der Pistole am Kopf Schillers ästhetische Erziehung in die Migrantenhirne trichtern, bis sie platzen - so schildert es provokant der 1974 in Ankara geborene Autor Nurkan Erpulat in seinem Stück „Verrücktes Blut", einer Bearbeitung des französischen Films „La journée de la jupe" für die Bühne. Mit dem Abdruck dieses Stückes und einer Diskussionsrunde zum Thema „Neues deutsches Theater" folgt Theater der Zeit im November dem Aufruf von Shermin Langhoff, künstlerische Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg, in dieser politisch brisanten Situation das Wort zu ergreifen. „Das Theater muss diese Debatte anführen!", sagt Langhoff und diskutiert mit Nuran David Calis, Autor und Regisseur, Stefan Kaegi von Rimini Protokoll und der Kulturwissenschaftlerin Azadeh Sharifi, wie die Prägung der „neuen Deutschen" in das Theater eingebracht werden kann.

Dass sich im Deutschland der dritten Generation etwas verschiebt, ist unabweisbar. Das zeigt auch der Heimathafen Neukölln, eine weitere Berliner Bühne, die nicht nur Postmigranten ins Theater holt, sondern auch Studenten, Bildungsbürger und jene Schichten, die gerne als theaterfern beschrieben werden.

Jemand, der seit einiger Zeit und mit immer größerem Erfolg frischen afrikanischen Wind in die Szene bringt, ist das Regieduo Monika Gintersdorfer/Knut Klaßen. Die ersten Preisträger des vom Fonds Darstellende Künste ausgelobten George-Tabori-Preises porträtiert Renate Klett. Auch der neue Intendant der Münchner Kammerspiele Johan Simons eröffnet Aussichten, die über den binnenländischen Tellerrand hinausweisen. Wie das europäische Theater in die bayrische Hauptstadt einzieht, berichtet Christoph Leibold. Der Verantwortliche für die Raumgestaltung in den Kammerspielen ist Bert Neumann, dem sich das Künstlerinsert dieser Ausgabe widmet. Ute Müller-Tischler sprach mit dem Künstler, für den das zentrale Kriterium ist, sich nicht zu langweilen, nicht mit dem eigenen Tun in Routine zu verfallen.

Davon kann auch im Theater Osnabrück keine Rede sein. Schon länger kooperiert das Theater unter der Intendanz von Holger Schultze mit den Kollegen im bulgarischen Russe. Doch in diesem Jahr schrillen die Alarmglocken. Der Regierungswechsel in Bulgarien hat es in sich: Im Kulturbereich wird radikal gespart, erfahrene Intendanten müssen dem Gründer einer Business School weichen, der das richtige Parteibuch besitzt, weiß Dorte Lena Eilers zu berichten. Theaterrodungen werden jedoch nicht nur in Bulgarien durchgeführt, auch in Mecklenburg-Vorpommern will die Politik jenen Gesellschaftsvertrag mit dem Theater aufkündigen, der es verpflichtet, die Angelegenheiten der Gemeinschaft künstlerisch zu verhandeln, erfuhr Gunnar Decker vor Ort. Mit dem Erlöschen des Sterns der Utopie hat vornehmlich das Theater als gesellschaftliche Kunst viele seiner Markierungen verloren. Das hindert die Geschichte nicht daran, weitere enorme Umbrüche vorzunehmen. Die Frage ist nur: Will das Theater mit „Hamlet" angesichts der Vergeblichkeit der Lage in Lethargie verfallen? Oder hat es nicht vielmehr die Aufgabe und die Kraft, an den gesellschaftlichen und politischen Diskussionen zu partizipieren?

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Technik in Frauenhänden

Das feministische Performancekollektiv Swoosh Lieu feiert die Produktionsmaschine Theater mit all ihren Störungen

Das Kolloquium von Äschnapur

München feiert fünfzig Jahre proT – doch statt eines Symposiums hätte man lieber ein neues Werk von Alexeij Sagerer gesehen

Die Aristokraten

für die hoffnungsloseste aller Romantikerinnen Personen Sascha ist jungSchura ist…

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Neuerscheinungen

Alle

Bestseller

Alle

Sonderangebote

Alle

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Christine Wahl

Christine Wahl

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Dorte Lena Eilers

Dorte Lena Eilers

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann