Poesie des Untergrunds

Eine Ausstellung zur Literaten- und Künstlerszene Ostberlins von 1979-89

In der letzten langen Dekade des kurzen Daseins der DDR geriet Ostberlin, das Zentrum einer landesweiten Agonie, in Bewegung. Jedenfalls aus künstlerischer Sicht. Speziell im verschlissenen Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg entfalteten sich Allianzen von Dichtung und Malerei, von Malerei und Musik sowie von Musik und Dichtung.

Jenseits des staatlichen Kunst- und Kulturbetriebs konstituierte sich eine Szene, die in ihren Schöpfungen eine von ideologischen Grenzziehungen nicht kontaminierte Sprache suchte und fand.

Diese Suche entsprach durchaus einer Unabhängigkeitserklärung. Sie mündete in eine Poesie des Untergrunds, die zwar unter halblegalen und illegalen Bedingungen entstand und Verbreitung fand, sich aber einer ständigen Bezüglichkeit auf die Diktatur verweigerte. Diese Abkehr vom Diskurs entsprach der Einsicht, dass ein Dialog mit der Macht nur einen Monolog der Mächtigen nach sich ziehen konnte.

Die geistigen Zeugnisse und materiellen Hinterlassenschaften dieser Szene in ihrem einstigen Epizentrum sichtbar zu machen, ist Ziel einer Ausstellung, die Un¬tergrundzeitschriften, Künstlerbücher, Manuskripte, Briefe, Tondokumente, Filme, Foto¬grafien, Plastiken, Grafiken, Gemälde sowie, in logischer Konsequenz einer solchen Vielfalt, Dokumente ihrer Be- und versuchten Verhinderung präsentiert.

Die Ausstellung versammelt Werke unter anderem von folgenden Malern: Sabine Herrmann, Uta Hünniger, Klaus Killisch, Helge Leiberg, Wolfram Adalbert Scheffler, Hans Scheib, Cornelia Schleime und Reinhard Stangl. Es werden Arbeiten von den Fotografen Kurt Buchwald, Thomas Florschütz, Harald Hauswald, Helga Paris, Gundula Schulze, Ulrich Wüst und anderen zu sehen sein.

Ausstellungsschwerpunkt werden Texte und Portraits folgender Dichter sein: Adolf Endler, Elke Erb, Stefan Döring, Jan Faktor, Annett Gröschner, Durs Grünbein, Johannes Jansen, Uwe Kolbe, Andreas Koziol, Leonard Lorek, Detlef Opitz, Bert Papenfuß, Lutz Rathenow, Ulrich Zieger sowie von vielen an dieser Stelle Ungenannten. Sascha Anderson und Rainer Schedlinski, die auch unter Decknamen schrieben, sollen nicht zu den Ungenannten zählen. Beide hatten in der Szene Gewicht, ehe es dieser zu einer zweifachen Last von Verrat und anschließender Vermengung wurde.

Die Literaten- und Künstlerszene vom Prenzlauer Berg wird immer wieder auf den Verrat an die Staatssicherheit durch zwei ihrer Akteure reduziert und als „Konstrukt der Stasi" in Sippenhaft genommen. Die Bespitzelung und ihre spätere Wahrnehmung hat die ehemalige Szene traumatisiert und Einzelne unter den Denunzierten in ihrer künstlerischen Existenz beschädigt. Die Ausstellung wird mit dem Verrat Einzelner an Vielen und seinen Folgen für eine Künstlergeneration offensiv umgehen. Gleichzeitig werden die Biografien der Künstler aus einer konstruierten, kollektiven Verantwortung gelöst.

Im Herbst 2009 jährt sich der Infarkt der DDR zum 20. und ihre Gründung zum 60. Mal. Durch die Ausstellung „60 Jahre, 60 Werke" findet sich die Ausstellung „Poesie des Untergrunds" im Kontext einer breiten Diskussion in Ost und West wieder. Wegen der Verbannung ostdeutscher Künstler als einer zentralen und eigentlichen Aussage der Retrospektive im Berliner Gropiusbau, wie auch durch ihre geschichtsfremde Behauptung - Kunst könne nur im meinungsfreien Raum entstehen - kommt einem Portrait der Ostberliner Künstlerszene schon allein durch dessen Titel die Verantwortung zu, Widerspruch einzulegen und eine Gegendarstellung zu leisten.

Gerade in der Subversion durch Text, Bild und Ton als Antwort auf die Fragwürdigkeit und sprachliche Mittellosigkeit eines Staates und seiner Parolen, entwickelte sich eine Bildsprache und entstanden Sprachbilder, welche eine Poesie erzeugten, die homogen in ihrer Abweichung, aber heterogen in Form und Inhalt war.

Zur Ausstellung erscheint ein Buch mit zahlreichen Texten, Fotografien und Bildern. Es gewährt einen Rückblick auf literarische Wege und einen Ausblick auf die künstlerischen Kontinuitäten vieler Akteure nach dem Ende der DDR.

Lesungen, Vorträge, Konzerte und Filmvorführungen sowie Führungen durch die Ausstellung und das Quartier Prenzlauer Berg sind Teil der Präsentation.


Veranstaltungen zur Ausstellung


1.
Eröffnung 20.11.09
Rede: Christoph Tannert
Andreas Koziol: Addition/Tradition der Differenzen
Performance: Valeri Scherstjanoi: ode ade ddr opus zwanzig

2.
02.12.09
Zoro in Skorne
Bert Papenfuß - Jan Faktor - Stefan Döring

3.
09.12.09
Thomas Werner zeigt 8mm-Filme aus den 80er Jahren

4.
16.12.09
Die Ausstellungsmacher erinnern an die in den letzten 20 Jahren verstorbenen Dichter: ... Flanzendörfer, Baader-Holst, Feix, Brasch, Hahnemann, Hilbig,
Berg, Endler ...

5.
13.1.10
Poetische Wege
Elke Erb und Eberhard Häfner

6.
21.110
Endlich
Lesung mit Johannes Jansen
und Animationsfilm Stahlingrad von Rainer Görsz mit Texten von Johannes Jansen

7.
28.1.10
Unterwegs mit Baader
Peter Wawerzinek
Performance und Lesung

8.
4.2.10
Roulette mi Neigung
Lesung mit Detlef Opitz

Poesie des Untergrunds - Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 89
21.11.2009 bis 07.02.2010

im
Prenzlauer Berg Museum,
Prenzlauer Alle 226/227
10405 Berlin

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