Die treibende Kraft der Kunst

Im Gespräch mit Intendantin Katja Ott

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Seit 2009/2010 ist Katja Ott Intendantin am Theater Erlangen. Im Jahr 2017 wurde ihr Vertrag bis 2024 verlängert. Nach dem Studium der Germanistik sowie der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Frankfurt am Main ging sie als Regieassistentin zunächst ans Staatstheater Braunschweig, weiter an die Münchner Kammerspiele zu Dieter Dorn und begann dort ihre Arbeit als freie Regisseurin. Sie inszenierte unter anderem an den Vereinigten Bühnen Krefeld Mönchengladbach, dem Staatstheater Oldenburg und am Staatstheater Braunschweig.

Die Frau vom Meer von Henrik Ibsen, Regie: Katja Ott, 2009/2010, Foto: Jochen Quast
Die Frau vom Meer von Henrik Ibsen, Regie: Katja Ott, 2009/2010, Foto: Jochen Quast

Gemeinsam mit Karoline Felsmann und Susanne Ziegler lässt Katja Ott ihre Intendanz Revue passieren und gibt einen Ausblick auf ihr Stadttheater der Zukunft.

Bevor du nach Erlangen kamst, warst du Schauspieldirektorin und persönliche Referentin des Generalintendanten Wolfgang Gropper am Staatstheater Braunschweig. Welche Gründe bewogen dich, ans Theater Erlangen zu kommen?
Ich war in Braunschweig sehr glücklich mit meiner Arbeit. Neben meiner Regietätigkeit lag ein Schwerpunkt in der Umstrukturierung und dem Ausbau des bestehenden Kinder- und Jugendtheaters zu einem spartenübergreifenden Jungen Staatstheater. So konnte ich inhaltlich wie künstlerisch das Haus mitgestalten, was natürlich eine sehr befriedigende und schöne Arbeit war. Da 2011 aber ein Intendantenwechsel bevorstand, der natürlich auch einen kompletten Wechsel in der künstlerischen Leitung nach sich zieht, musste ich mich neu orientieren. Als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern konnte ich allerdings nicht wieder als freie Regisseurin arbeiten, sondern suchte entsprechend ein festes Haus – diesmal als Intendantin. Ich war sehr glücklich, dass es hier in Erlangen geklappt hat. Denn hier traf ich auf vieles, was ich mir erhofft hatte, ein Schauspiel-Theater in einer Universitätsstadt mit einem so schönen und historischen Theater, einer engagierten Stadtgesellschaft u.v.m.

Was waren deine Ziele, als du anfingst? Mit welchen Vorhaben bist du damals angetreten?
Jeder Anfang ist ja doch mittendrin, weil die Geschichten der anderen immer schon da sind – dies gilt insbesondere auch bei einem Neustart an einem Theater. Man muss sich zu bestehenden Strukturen und Zusammenhängen verhalten, wenngleich man diese nicht geschaffen hat. Mittendrin anfangen heißt für mich also nicht, etwas Altes einzureißen, um etwas Neues aufzubauen. Es heißt: genau zu schauen, wo man steht, was einen umgibt und einen Blick zu richten auf das, wohin man will. Zentral war bei allen Überlegungen immer, möglichst viele Erlanger*innen für ihr Theater zu begeistern und ihr Theater fest in der Stadt als eine der größten Kulturinstitutionen verstärkt zu verankern. Theater ist und bleibt für mich immer ein Ort der Begegnung, der ästhetischen, politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung, ein Streitraum mit den Mitteln des Theaters.
Zwei Punkte waren von Beginn an zentral und daher habe ich diese auch schon in der ersten Spielzeit umgesetzt. Zum einen habe ich den bisherigen Ensuite-Spielbetrieb in einen Repertoire-Spielbetrieb umgebaut. Ich halte es zum einen künstlerisch für sinnvoller, Produktionen nicht hintereinanderweg abzuspielen, so entsteht gleichzeitig auch ein abwechslungsreicheres Programm für die Erlanger*innen und darüber hinaus ist es möglich, ein Repertoire aufzubauen. Viele Produktionen konnten wir so über zwei Spielzeiten und manche sogar über drei bis vier Spielzeiten zeigen. Zum anderen war es mir wichtig, dem Bereich Kinder- und Jugendtheater eine stärkere Bedeutung zukommen zu lassen. So erweiterten wir das künstlerische Angebot auf alle Altersgruppen und ergänzten dies durch den Ausbau der theaterpädagogischen Arbeit. Strukturell schlug sich dies u. a. in einem Familien-Abo nieder, das wir seither anbieten.
Der Ausbau des Kinder- und Jugendtheaters erwies sich in Erlangen jedoch als nicht ganz so einfach. Vormittagsvorstellungen – außer dem Weihnachtsmärchen – wurden von Schulklassen deutlich weniger besucht, als ich es von Braunschweig her kannte. Das bayerische Schulsystem schien diese Freiräume kaum zuzulassen. Daher setzten wir in den folgenden Spielzeiten verstärkt auf »mobile Klassenzimmerstücke« und theaterpädagogische Projektarbeit. Das Kinder- und Jugendtheaterangebot ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Mittlerweile haben wir jährlich zwei bis drei Klassenzimmerstücke, drei bis vier Kinderstücke und zwei bis drei Produktionen für Jugendliche auf dem Spielplan. Daneben finden mehrere Spielclubs und Kooperationen mit Schulen statt.
Eine weitere wichtige Entscheidung zu Beginn meiner Amtszeit war die Reduzierung der Gastspiele. Durch die Umstellung auf den Repertoirebetrieb konnten wir die hohe Zahl an kostspieligen und somit oft sehr unwirtschaftlichen Gastspiele reduzieren und verstärkt die Inszenierungen des Theaters spielen. Heute ergänzen wir Abonnements nur noch mit einigen Gastspielen, vorwiegend aus den Sparten, die wir selbst nicht produzieren, also Musik- und Tanztheater.
Neben dem Spielplan hatten wir in den ersten Spielzeiten für das festivalaffine Erlanger Publikum ein hausinternes kleines Festivalformat konzipiert: die »Werkschau«. Mit einem vielseitigen Rahmenprogramm, Diskussionsrunden und unterschiedlichen Kooperationspartnern rückten wir bis 2015/2016 in jeder Spielzeit einen Autor ins Zentrum. Dieses Format wurde ab der Spielzeit 2016/2017 zugunsten weniger bildungsbürgerlicher Formate wie das »Utopienfest« oder partizipativer Theaterprojekte mit Bürger*innen wie beispielsweise »Abschaffen+Anfangen« auf dem Rathausplatz mit dem Künstlerkollektiv Turbo Pascal ersetzt.

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