documenta 8

(Küssende Fernseher)

von

Dem Kasseler Rathaus benachbart, lag das New York, Disko und Bistro unter einem Dach. Hier, wo mit dem Slogan „La Fête permanente“ geworben wurde, spielte das proT in der ersten Juliwoche vier Tage lang, seinerseits unter dem Slogan „proT für die Welt“. Am ersten Abend zeigten sie Der Tieger von Äschnapur oder Die Geburt der Tragödie, am zweiten Eine heiße Sommernacht im lindgrünen Hochwald (Bergcomics), am dritten Zahltag der Angst und am vierten Konzert am VierVideoTurm. Das so im documenta-Katalog angekündigte Programm wuchs mit der Zeit immer mehr an, als wollte sich das proT in all seinen Facetten präsentieren – ohne dass weitere Tage dazugekommen wären. Vor allem Intercity, Silvester 1985 herausgebracht, tauchte unverhofft als vierstündiges Gastspiel auf. Angelegt auf vier schmalen Podesten, sind 840 Einzelszenen zu sehen, Auftritt, Abtritt, Wiederholung und Wiederholung der Wiederholung. Teils stammen sie aus früheren Produktionen, teils sind sie eigens entworfen worden. Ein Mann liest in einem brennenden Buch, eine Frau trinkt aus einer Schnapsflasche, eine Tänzerin bricht erschöpft zusammen. Nächste Szene, nächste. Eine Szene folgt auf die andere, rhythmisiert durch Licht, Ton, Percussion, Gesang. Wieder liest der Mann in einem brennenden Buch, wieder trinkt die Frau aus einer Schnapsflasche, wieder bricht die Tänzerin erschöpft zusammen. Bei 840 Einzelszenen denkt man unwillkürlich an Erik Satie, an seine Vexations, deren Grundthema er 840-mal variiert wiederholt wissen wollte. Dass das Programm dermaßen überschäumte, lag wohl auch daran, dass alle mit dabei sein wollten in Kassel. Zwar brachte Alexeij nicht tausendundeinen proT-Münchner mit, so wie der Konzeptkünstler Ai Weiwei tausendundeinen Chinesen auf die documenta 12, aber 14 Mitwirkende waren es am Ende schon.

Geleitet von Manfred Schneckenburger, zog sich die achte documenta, weil ihr die Strenge der siebten fehlte, den Vorwurf der Beliebigkeit zu: „bunte Stimmungspalette“, „Mixtur aus Zeitgeist, Routine und Sachzwang“. Vorherrschend sei eine „theatralische Aufbereitung bei den für Kassel realisierten Arbeiten“. Ein Werk des im Jahr zuvor gestorbenen Beuys, Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch, müsse, obgleich posthum arrangiert, als Herzstück der Ausstellung aufgefasst werden, da es an den erweiterten Anspruch der Kunst gemahne. (An Andy Warhol, der erst seit ein paar Monaten tot war, erinnerte niemand.) In einem Essay für den Katalog stellte Bazon Brock nüchtern fest, dass die Funktion der Kunst in ihrer Wirkungslosigkeit liege. Gleichwohl könne sie, indem sie Kriterien zur Unterscheidung aufstelle, die Wahrnehmung schärfen. Anstatt dass sie sich einspannen lasse als Mittel der Sozialpolitik, solle sie auf ihren Differenzierungen bestehen.

„Die documenta 8 integriert in einem bisher nicht dagewesenen Umfang Performance und Theater“, schrieb Die Zeit. „Sie offeriert die Programme einer Audiothek und Videothek.“ Was es in dieser Ecke zu sehen gab, darüber verlor die Kunstkritikerin kein Wort. In der Süddeutschen Zeitung dagegen wurden anlässlich von Performance-Tagen im August nichts als dürftige Ereignisse erblickt, offenbar Grund genug, die „Krise einer Kunstform“ auszurufen. Enttäuscht erging sich die Kritikerin in der Beschwörung des Vergangenen: „Dem ‚Bedürfnis nach Unmittelbarkeit‘ (Elisabeth Jappe) verdankte die Performance in den siebziger Jahren ihren Aufschwung. Grenzen wurden gesprengt, der Körper als Medium entdeckt, Improvisationen gewagt, technische Mittel, allen voran Video, daneben Laser und Synthesizer einbezogen. All dies geschah mit der Entdeckerlust der Pioniere und brachte bemerkenswerte Ereignisse hervor.“

Am 10. Juli gab das proT einen fünften Abend in Kassel, nicht in der Disko New York, sondern in einer kargen, düsteren Säulenhalle des Renthofs. Dieser fünfte Abend wird, von heute betrachtet, mit dem Auftritt des proT auf der documenta identifiziert. Vermutlich entsprach er am ehesten der Vorstellung einer Kunstinstallation. Und vermutlich erkannten ihm die Dabeigewesenen alle Qualitäten einer Performance zu. Die Aktion hieß Küssende Fernseher.

Anders gesagt, „die Öffnung der Guckkastenbühne“, wie Sagerer versprach. Wer sein Wort vom Fernseher als Gipfel der Guckkastenbühne noch im Ohr hatte, der rechnete mit einem Sagerer, der den Bildschirm einschlagen würde. Aber worin besteht der Kuss? In der Halle befinden sich rund dreißig Fernseher, am Boden stehend oder liegend oder auch zu einem Turm aufgeschichtet. Größtenteils aber hängen sie an Stahlseilen von der Decke, sie schwingen und pendeln, und sie versenden ihr Programm und damit ihr flimmerndes Licht und die Töne dazu. Zu sehen ist, was zum Zeitpunkt der Aktion von den unterschiedlichen Anstalten geboten wird; teils auch nur Leuchtstreifen auf dem einen oder anderen Gerät. Erst nach und nach werden die Programme eingeschaltet. Außer dem Bildschirm-Flimmern erhellt kein Licht die Halle. Den Tönen der Fernsehprogramme wird bald schrille, bald ruhige Musik beigemengt, nach Kompositionen von Jürgen von Hündeberg, Cornelie Müller und Alexeij Sagerer. Bis ins Detail folgt der Ablauf einer Choreografie. Alle Zweifel verfliegen: Das ist das wahre Fernsehballett.

Plötzlich stürzt ein großer Fernseher aus zehn Metern Höhe herunter und schlägt auf einem kleinen auf, sodass sie mit Knall und Blitz implodieren. Das ist der erste Kuss.

Alle Fernsehgeräte sind mit einem Schaltpult verkabelt. Nach der Implosion müssen sie umgehend ausgeschaltet werden, damit sie nicht weiter unter Strom stehen. Bereits 1983, an Heiligabend, wurde die Aktion das erste Mal aufgeführt, in einer der Dachauer Hallen in München. „Die Fernseher haben wir geschenkt bekommen“, sagte Sagerer damals der Presse. „Denn an Weihnachten kaufen die Leute neue Fernseher.“ Insofern war der Zeitpunkt gut gewählt. Als noch niemand wusste, was genau sich ereignen würde, fügte er rätselhaft hinzu: „Wir öffnen die Fernseher auch. So werden sie wieder zum dreidimensionalen Theater.“ Im Blick aufs Fernsehprogramm galt Heiligabend als vielversprechend. Der Kuss zweier Fernseher würde sich dazu eignen, Sentimentalitäten auszulöschen. Tatsächlich hielt in der Stunde der Performance der Papst eine Weihnachtsansprache, ohne einen Schimmer davon, dass das Verhängnis längst seinen Lauf genommen hatte.

Dramaturgisch auf dem Höhepunkt, geben sich drei Fernseher-Pärchen zu erkennen, denen durch menschliche Helfer, den Schwingern, klargemacht wird, dass sie füreinander bestimmt sind. Der erste Schlag aufs Mikrofon signalisiert den Helfern: auseinanderziehen, der zweite Schlag: hochziehen, der dritte Schlag: loslassen. Wie Verliebte schwingen die Fernseher aufeinander zu, ein Kuss knallt, und sie sind hinüber.

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