Machen, nicht klagen

Gunnar Decker im Gespräch mit Joachim Kümmritz

von und

Und wie kamen Sie dann zuerst hinein?
Ich hatte ein Theaterabonnement an meiner Schule und lernte so die Berliner Theater kennen. Eine Freundin von mir spielte Orgel. Das, was ich sah und hörte, gefiel mir, obwohl ich ahnte, dass ich selbst keine künstlerischen Fähigkeiten hatte. Also musste ich, wenn ich ans Theater wollte, dort etwas anderes machen als Kunst. So kam ich zu Verwaltung und Ökonomie. Das von Anfang an gelernt zu haben, half mir dann sehr, als ich als Generalintendant und Geschäftsführer der GmbH plötzlich allein dafür verantwortlich war, das Wünschbare in den Grenzen des Machbaren zu halten. Nach der orgelspielenden Freundin hatte ich eine, die tanzte und die staatliche Ballettschule besuchte. Die habe ich dann geheiratet und war viele Jahre mit ihr zusammen. Ich wollte weg aus Berlin, nicht nach Sachsen, dahin wollte ich nicht, also gingen wir zusammen in den Norden ans Theater – nach Schwerin. Sie bekam eine Stelle im Ballett und ich, etwas später, in der Investbauleitung, also der Abteilung für Planung und Bauvorbereitung des Theaters. Das war mir dann schnell furchtbar langweilig, weil ich in einer halben Stunde mit der Arbeit fertig war, mit der andere sich den ganzen Tag aufhielten. Also dachte ich bald daran, wieder wegzugehen.

Aber Sie blieben!
Es geschah, was seltsamerweise noch oft in meinem Leben passierte: Man wollte mich unbedingt behalten. Ich habe immer Glück gehabt: Eigentlich wollte man mich das ganze Leben behalten. Also sagten die zu mir: Dann machen wir Sie eben zum stellvertretenden Direktor für Ökonomie und Planung! Da konnte ich dann das tun, was ich am liebsten tue: etwas organisieren. Mein Glück war, dass Christoph Schroth, der Anfang der 1980er Jahre der künstlerische Kopf am Haus war, meinte: Der bleibt, den brauche ich. So bin ich dann neuer Direktor für Ökonomie und Planung geworden, als der alte – im Unterschied zu mir ein SED-Mitglied – im Westen geblieben war. Und dann kam die Wende. Da war tatsächlich alles auf Anfang gestellt. Ich ahnte, was auf uns zukommt. Am Ende gibt es nur noch Theater in Berlin, Dresden und Leipzig, das war meine Sorge. Dann kam als neuer Intendant Mario Krüger aus Braunschweig.

Von den Mitarbeitern auch etwas respektlos „Föhntolle“ genannt, obwohl er sich selbst eher als „Mario der Zauberer“ sah?
Das war eigenartig, ganz eigenartig. Ich kannte seine wahren Beweggründe nicht. Er war ein gutes Jahr da – und dann wieder weg. Eines Abends sagte er mir: „Ich will dir bloß sagen, dass ich morgen fort bin.“ Und dann stand ich da mit Ingo Waszerka als Schauspieldirektor und Werner Saladin als Operndirektor. Aus den Erfahrungen ihres Berufslebens wollten sie eine möglichst große Selbstständigkeit. Die Verträge mit ihnen waren jedoch von beiden nicht unterschrieben worden, wegen eines Passus darin, dass das Direktionsrecht des Intendanten nicht berührt sei. Nun war Krüger plötzlich weg – und ich hatte eine Idee: Mich machte ich zum geschäftsführenden Intendanten, Saladin zum Opernintendanten und Waszerka zum Schauspielintendanten. Drei Intendanten! Das haben wir der Stadt zum Glück vermitteln können, obwohl man in dieser Dreier-Konstellation baldigen Ärger befürchtete. Es gab aber nie Ärger, sieben Jahre keinen einzigen Streit, was am Theater völlig ungewöhnlich ist. Es wurde eine phantastische Zeit bis 1999, als Saladin und Waszerka gleichzeitig aufhörten und die finanziellen Probleme schier unlösbar waren.

Gehen wir doch noch einmal zurück zum 1. Januar 1979, als Sie nach Schwerin kamen. Wie war das Theater, das Sie da vorfanden?
Christoph Schroth, der seit 1974 in Schwerin war, machte gerade „Entdeckungen“. Da kam viel in Bewegung im Haus, es wurde ständig diskutiert. Im Haus selber, aber auch mit dem Publikum. Das hat großen Spaß gemacht. Abends, nach den Vorstellungen, saßen alle zusammen und redeten. Dadurch, dass Schroth von Erfolg zu Erfolg eilte, auch überregional, verschob sich dann das Gleichgewicht zugunsten des Schauspiels. Ich meine, wir reden hier nicht von den gefühlt dreißig Regisseuren, die er rausgeschmissen hat, weil sie seinen künstlerischen Ansprüchen nicht genügten, das war eben so. Jemand, der künstlerisch so präsent war wie Schroth, der brauchte jemanden, der ihm das organisiert. Ich konnte das, mir fiel das nicht schwer. Damals sollte der Marstall Ausweichspielstätte werden. Da habe ich dann selber mit dem Presslufthammer drin gestanden und umgebaut. Kennen Sie den Marstall?

Ich bin damals dort zu „Entdeckungen“ gewesen, zum DDR-Autorentheater von Lothar Trolle, Irina Liebmann und Georg Seidel. Schroth zog doch Publikum aus dem ganzen Land an?
Dass das Schweriner Theater in den achtziger Jahren zu den künstlerisch hochkarätigsten in der DDR zählte, lag nicht zuletzt auch an Bärbel Jaksch, der Chefdramaturgin von Schroth, die intensiv die Stücke begleitet hat. Angelika Waller, zu der Zeit ein Star, war 1979 in „Franziska Linkerhand“ natürlich sensationell, auch das „Wintermärchen“ oder die „Dreigroschenoper“ waren Zuschauermagneten. Die Reihe „Entdeckungen“ prägte dann das Profil des Hauses über Jahre. Der Erfolg resultierte wohl aus einer Mischung von politischer Brisanz und der künstlerischen Handschrift Schroths.

Worauf gründete das Verhältnis zu ihm?
Vielleicht hat Schroth es ja gefallen, dass ich mich immer – und das bis heute! – als Diener des Theaters in allen seinen Bereichen verstanden habe. Mit dem künstlerischen Erfolg, vor allem auch mit den beiden Teilen des „Faust“, die Schroth spektakulär inszenierte, kam ja auch etwas hinzu, was man nicht unterschätzen darf: die Tourneen in den Westen.

Sind denn alle immer wieder aus dem Westen zurückgekommen?
Am Anfang ja, erst zum Schluss blieben dann einige dort. Ich erinnere mich: In Duisburg blieb das erste Mal eine Souffleuse drüben und in Rom, wo wir zu einem Gastspiel waren, das dann – wegen eines örtlichen Streiks – nie stattfand, sah ich gerade noch zwei Schauspieler um die Ecke biegen und Tschüss winken. Aber am Anfang kamen alle mit zurück. Das Schroth-Theater blühte und expandierte, es kamen mindestens vierzig Stellen hinzu, aber niemand traute sich, etwas dagegen zu sagen. Am Ende der DDR waren wir 524 bezahlte Mitarbeiter am Theater. Das war eine wahnsinnig spannende Zeit. Man vergisst heute oft, dass die Wende nicht erst 1989 losging, sondern schon ab Mitte der achtziger Jahre dramatische politische und künstlerische Diskussionen geführt wurden.

Mit Gorbatschows „Glasnost“ und „Perestroika“ im Rücken konnte man einiges wagen. Es wurden ja auch plötzlich unerhörte Stücke gespielt, neue sowjetische Dramatik!
Genau, von Schatrow „Das Wetter für morgen“ und vor allem „Blaue Pferde auf rotem Gras“! 1988 wollte Schroth „Dalsche, dalsche!“ spielen und das haben sie ihm verboten. Da ist er in die Bezirksleitung der SED rübergegangen, hat protestiert – und ist übel abgefertigt worden. So was wird bei uns nicht gespielt, basta. Er kam ganz wütend zurück und rief schon an der Pforte: Jetzt spielen wir „Wilhelm Tell“! Da haben wir erst mal gelacht und die leitenden Bezirksgenossen haben daran auch nichts auszusetzen gehabt. Schiller? Kein Problem. Auf die Idee, dass er was daraus machen könnte, sind die gar nicht gekommen. Das wurde dann hochsubversiv, Schiller als DDR-Endzeitstück und alle verstanden, was da gespielt wurde.

„Die Zauberflöte“, 2009, I: Arturo Gama, ML: Matthias Foremny, B: Olaf Grambow, K: Bettina Lauer. Ensemble. Foto Silke Winkler
„Die Zauberflöte“, 2009, I: Arturo Gama, ML: Matthias Foremny, B: Olaf Grambow, K: Bettina Lauer. Ensemble. Foto Silke Winkler

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