- Anzeige -

Machen, nicht klagen

Gunnar Decker im Gespräch mit Joachim Kümmritz

von und

Haben Sie in dieser Zeit auch daran gedacht, die DDR zu verlassen?
Meine Eltern verließen 1987 als Rentner die DDR. Das eröffneten sie mir vor dem Rom-Gastspiel. Da habe ich sie gebeten, das zu verschieben, weil ich wusste, dass ich sonst nicht mit nach Rom gedurft hätte. Also warteten sie damit, bis ich in Rom war – und bei meiner Rückkehr kam auch sofort jemand von der Staatssicherheit und sagte: Sie werden sicher schon gehört haben, was passiert ist? Ich tat ganz erstaunt, das käme für mich völlig überraschend. Davon, dass meine Eltern in den Westen wollten, hätte ich nichts gewusst. Der Stasi-Mensch grinste bloß, nachweisen konnten sie mir ja ohnehin nichts.

Über jeden Rentner, der wegblieb, war die DDR doch eigentlich froh?
Klar, der kostete nichts mehr! Für mich war dann das Schizophrene an der Situation, dass ich weiter auf Dienstreise in den Westen fahren, aber privat nicht meine Eltern besuchen durfte. Also habe ich Eingaben an Erich Honecker geschrieben. Nach drei Eingaben kam wieder einer von der Staatssicherheit und sagte: Damit hören Sie jetzt auf! Dann ließen die mich doch nach Ratzeburg zu meinen Eltern fahren, aber vorher habe ich denen gesagt: Nicht dass ihr jetzt denkt, ich arbeite für euch, da braucht ihr gar nicht erst zu kommen. Dann fahre ich lieber nicht. Das haben die auch so hingenommen.

Trotz mitunter spannender künstlerischer und politischer Debatten wurde die Lage der DDR in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre kontinuierlich trister.
1989 war mir dann klar, ich war ja für die Ökonomie am Theater zuständig, dass das nicht mehr lange so weitergehen konnte. Anfang September 1989 fuhr ich in den Westen zu meinen Eltern – und da hatte ich vorher mit meiner Frau verabredet, dass ich dort bleibe. Und so saß ich dann als Vierzigjähriger in Ratzeburg und heulte: Das kann ich nicht, schon gar nicht ohne meinen Sohn – ich fahr zurück!

Zu dieser Zeit rechnete man doch ständig damit, dass wieder jemand wegblieb?
Da war gerade die Massenflucht über Ungarn. Umso erstaunter waren alle, als ich zurückkam, meine Frau ebenso wie die Parteisekretärin des Theaters, das hätten sie nicht erwartet. Ich wusste, dass sich das mit der DDR bald erledigt hat und wir bald den Bundeskanzler mitwählen. Für mich war das einfach auszurechnen.

Worin unterschied sich die damalige Rolle des Theaters in der Gesellschaft von ihrer heutigen?
Es hatte in der DDR einen viel höheren Stellenwert, das scheint klar. Wir leben auch heute in gesellschaftlich aufregenden Zeiten. Ich meine damit nicht nur die Problematik der Flüchtlingsströme, sondern die Tatsache, dass wohl keiner genau weiß, wohin die Entwicklung gehen wird. Aber es scheint dem Theater nicht mehr zu gelingen, ein wesentliches Medium zu sein, in dem diese Fragen verhandelt werden. Wenn es völlig irre wird, sage ich, es kommt mir vor wie im Jahre 386 nach Christus, da ging es auch langsam zu Ende. Ich habe ja schon mal einen Staat untergehen sehen. Manchmal habe ich das Gefühl, es sind dieselben Zeiten. Nur die Ursachen des Zerfalls sind andere. Damals in der DDR machte es das Einparteiensystem dem Theater leicht, Unter- und Obertöne zu kultivieren, Anspielungen zu verstecken, da reichten oft schon Betonungsverschiebungen. Diese Verknüpfung von gesellschaftlichem Leben mit dem Theater bekommen wir heute eigenartigerweise nicht mehr hin.

Warum nicht?
Das weiß ich auch nicht. Möglicherweise liegt es daran, dass in den Medien alles viel schneller diskutiert wird, was in der DDR ja nicht der Fall war. Das zieht Aufmerksamkeit vom Theater ab. Damals wurden auf der Bühne sehr grundsätzlich die eigenen Angelegenheiten verhandelt, aber nicht nur die des Einzelnen, sondern die der ganzen Gesellschaft.

Anders gesagt, es ging um mehr als die eigene Karriere?
Ich habe nie über Karriere nachgedacht, nie!

Das Wort hatte ja auch einen deutlich negativen Charakter. „Ich mache Karriere“ wäre wohl in der DDR als eine Selbstbezichtigung, eine Obszönität verstanden worden, oder?
Ich hab einfach gern gearbeitet, mir hat das Spaß gemacht. Komischerweise hat man mich immer gefragt: Kannst du dies oder jenes machen?

Nun muss man gerechterweise dazu sagen, dass dies für den Einzelnen mitunter glückliche Mangelzeiten waren, wo man immer jemanden suchte, der sowohl etwas konnte als auch wollte. Heute gibt es sehr viele, die etwas wollen und auch können – und doch keine Chance bekommen.
Ich habe an diesem Hause, auch früher, immer meine Meinung gesagt, und mir ist nie was passiert. Ich habe niemanden beschimpft, nur ausgesprochen, wenn ich etwas anders sah. Wir können das gern diskutieren, in der Art. Das mache ich auch heute noch – nur hat das jetzt viel mit dem Alter zu tun, dass ich mir das einfach leiste. Aber mir scheint auch, dass der permanente Druck, der ausgeübt wird, nicht die besten Charaktereigenschaften fördert.

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Verschlungen vom Theater

André Kaczmarczyk rockt als Schauspieler und Regisseur das Düsseldorfer Schauspielhaus. Seit Neuestem ist er auch Fernsehkommissar im „Polizeiruf 110“ in Frankfurt (Oder)

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Christine Wahl

Christine Wahl

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Dorte Lena Eilers

Dorte Lena Eilers

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann