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Machen, nicht klagen

Gunnar Decker im Gespräch mit Joachim Kümmritz

von und

Sie kannten das Theater zur Wendezeit bereits zehn Jahre aus der Perspektive von Ökonomie und Verwaltung, wie war es dann, als sich die Wende vollzog?
In der DDR wurde das Geld immer über die Bezirke verteilt. Da bin ich zum Finanzdezernenten der Stadt gegangen und habe gesagt: Ich brauche mehr Geld. Wir hatten einen Etat von sechs Millionen DDR-Mark, und wenn ich wusste, das wird eine halbe Million teurer, auch weil Schroth immer mehr Leute einstellte, dann bin ich losgegangen. Musste meist noch mal wieder kommen, aber ich kriegte dann das Geld, das schien kein Problem zu sein.

Und die neue Situation?
Beim ersten Treffen des Bühnenvereins 1990 am Timmendorfer Strand bekam ich das erste Mal eine Theaterstatistik in die Hand, die damals noch nach der Größe der Städte aufgeteilt war. Und da sah ich dann, dass Städte, die eine vergleichbare Größe wie Schwerin hatten – damals noch mit 130 000, heute nur noch gut 90 000 Einwohnern – Theater mit 50 Mitarbeitern besaßen. Und wir waren 524! Da ahnte ich, es kommen harte Zeiten auf uns zu – und ich wusste nicht, ob ich dabei sein will, wenn abgewickelt wird. Leute entlassen, dazu war ich schließlich nicht ans Theater gekommen! Ich hatte da wirklich den Mut verloren und wollte weg.

Aber Sie blieben wieder!
Nicht wenige Leute baten mich zu bleiben. Und dann kam die Geschichte des kurzen Gastspiels von Mario Krüger als Intendant – und danach habe ich allerdings angepackt. Wir hatten damals einen Schauspieler als Vorsitzenden des Personalrats, dem habe ich gesagt, das überleben wir hier nicht mit über 500 Leuten, wenn wir 375 haben, dann ist das immer noch viel. Der ist dann brüllend rausgelaufen. Ich habe ihn wieder zurückgeholt, bis er schließlich sagte: Einverstanden, aber nur ohne Entlassungen. Und dann habe ich das selber gemacht – vor allem, weil ich die Politiker vom Haus fernhalten wollte. Tatsächlich bekamen wir es fast ohne Entlassungen hin – nur bei einer Küchenhilfe wusste ich nicht, wo ich sie hinstecken sollte, der wurde dann gekündigt. Die anderen habe ich alle untergebracht. Die Tänzer landeten im Künstlerischen Betriebsbüro und an der Kasse usw., dann gingen ja auch nicht wenige von allein, wollten weg aus Schwerin, die Welt kennen lernen. Einige Techniker kamen bis nach Kanada. Und so haben wir diesen Anfang, der das totale Chaos war, überstanden.

Kann man das in Zahlen verdeutlichen?
Bis zur Wende hatten wir im Jahr auf dem Papier 224 000 Besucher, da waren die sogenannten „Theaterleichen“ mitgezählt, das waren bezahlte, aber nicht genutzte Betriebsabos. In Wirklichkeit waren es ungefähr 180 000 Besucher. In der Spielzeit 1990/1991 brach das zusammen. Wir waren völlig verzweifelt: leere Häuser – wir hatten höchstens noch 60 000 Zuschauer im ganzen Jahr, ein Drittel der Jahre zuvor! Und das, obwohl Saladin und Waszerka absolute Profis waren. Zum Beispiel haben wir die Kammerbühne, dort wo jetzt das Konzertfoyer ist, mit acht Meter hohen Türmen überbaut für „Richard III.“. Ohne starke Effekte ging nichts mehr. Auf der anderen Seite haben wir „Charleys Tante“ gespielt – da kamen dann auch wieder Leute. Christoph Schroth war ans Berliner Ensemble gegangen und nahm viele gute Leute mit, von den Schauspielern Ulrike Krumbiegel oder auch Thorsten Merten. Dieser Aderlass ging über Jahre: immer nur abbauen und gleichzeitig Publikum zurückgewinnen. Dann waren wir 1994 zum ersten Mal zum Theatertreffen eingeladen, dann noch zwei weitere Male, zuletzt 2011 mit „Der Biberpelz“ in der Regie von Herbert Fritsch. Diese Einladungen waren für das Ensemble eine wichtige Motivation: Da sind wir wieder!

Und wann kam die Idee der Schlossfestspiele Schwerin?
Das haben wir uns 1993 zu dritt ausgedacht, Saladin, Waszerka und ich. Wir standen mal im Schlossinnenhof und ich sagte: schöner Ort, da könnte man Konzerte machen. Saladin sagte: Opern! Waszerka: Schauspiel! Und dann sind wir das angegangen. Aus der Erkenntnis heraus, dass wir nur mit einem touristischen Angebot leben können. Die Stadt schrumpfte – und wir brauchten, um das Theater zu erhalten, Publikum von außerhalb. So haben wir dann beschlossen, Christopher Marlowes „Doktor Faustus“ zu machen. Gebt mir vier Wochen Zeit, ich organisiere das, habe ich zu den beiden gesagt und bin zum Wirtschaftsministerium gegangen, um denen vorzurechnen, was wir benötigten: Plätze für 750 Leute, Beleuchtung etc. Das Schloss selbst war zum Glück noch mehr oder weniger Ruine und so eine perfekte Kulisse. Da bekamen wir dann europäische Fördermittel. Bei der Pressekonferenz wollte Waszerka, dass ich auch mitmache – und gab mir am Vorabend eine Doppelseite Text, den ich bis zum nächsten Tag lernen und frei sprechen sollte. So elend habe ich mich in meinen Leben noch nie gefühlt! Aber es klappte dann – trotz Hänger nach dem ersten Satz – ganz gut. Präsenz zeigen war wichtig in der Zeit!

Stichwort „Bauen und Spielen“!
Wir mussten in den neunziger Jahren das Theater völlig neu strukturieren, gleichzeitig die Sanierung der Bausubstanz voranbringen, weiter Personal abbauen und die Einnahmen steigern.

Und dabei nicht den Spaß an der Sache verlieren?
Genau! Ich kannte mich ja mit Umbaugeschichten aus, hatte im Marstall, wie schon erzählt, selbst mit dem Presslufthammer gearbeitet. Und meine Erfahrung, die ich dabei gewonnen hatte, sagte mir, man darf eine Hauptspielstätte nicht schließen, auch wenn sie eine Baustelle ist. Ausweichspielstätten sind in jeder Hinsicht schlecht, das gibt nur Ärger – und entwöhnt zudem das Publikum vom eigentlichen Haus. Sollen doch alle live miterleben, wie umgebaut wird! Der Finanzdezernent der Stadt tat das Beste, was ein Dezernent machen konnte: Er ließ uns in Ruhe. Und ich habe dann in Eigenregie, so moderat wie möglich, die Preise erhöht. Bin zur Kasse gegangen, habe dort gefragt: Was meint ihr, ist das noch vertretbar, oder bleiben uns dann die Leute weg? Und so, immer vorsichtig, haben wir dann die Eigeneinnahmen gesteigert. Bis es 1997 einen Beschluss der Stadt gab, es sollten weitere 57 Leute entlassen werden. Das war wieder so eine prekäre Situation – aber wir haben es bis zur GmbH-Gründung zwei Jahre später so hingekriegt, dass wieder kaum jemand entlassen werden musste. Ein Musiker kam sogar zu mir und sagte: Entlassen Sie mich! – Bei 130 000 Mark Abfindung!

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