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Machen, nicht klagen

Gunnar Decker im Gespräch mit Joachim Kümmritz

von und

Haben Sie in die künstlerische Arbeit eingegriffen?
Während der Spielplandiskussionen sogar ganz stark. Ich hatte tatsächlich oft einen Instinkt, was laufen könnte und was nicht. Und da kam es schon vor, dass ich zu Saladin sagte: Mensch, Werner, lass doch diese Operette, die kennt doch kein Mensch! Aus der eigentlichen künstlerischen Inszenierungsarbeit halte ich mich jedoch immer heraus. Der Grundkonsens mit Saladin und Waszerka, die ja beide schon älter waren, stand: Wir wollen anspruchsvoll für das Publikum spielen, es nicht zur bloßen Selbstprofilierung provozieren. Das war eine wichtige Basis der Zusammenarbeit.

Wann hatten Sie das Gefühl, dass sich das Theater wieder in ruhigem Fahrwasser befindet?
Ungefähr ab 1993, auch durch die Schlossfestspiele, kam wieder Sicherheit und Spannung ins Spiel. Es kamen neue wichtige Mitarbeiter, etwa in den neunziger Jahren die Dramaturgin Andrea Koschwitz, heute am Residenztheater in München, dann Ralph Reichel. Als Regisseur und dann Schauspieldirektor kam Peter Dehler mit starken Ideen frisch von der Ernst-Busch-Schule. Ein anhaltendes Problem war die Fusionierung der Mecklenburgischen Staatskapelle mit den Schweriner Philharmonikern (zwei Orchester in einer Stadt mit hunderttausend Einwohnern, das war niemandem in der Bundesrepublik zu vermitteln) zu einem A-Orchester. Diese Einstufung in der höchsten Kategorie war ein Fehler, aber niemand in der Politik der Stadt wollte auf Mario Krüger und mich hören – und kurze Zeit später hatte ich 115 dauerhaft hochbezahlte Musiker am Theater. Keiner der Politiker, die dies entschieden, hatte vom TVK (Tarifvertrag für Kulturorchester) die geringste Ahnung, von dem, was dadurch an Kosten kommen würde. Und wie ich das finanzieren sollte, darauf hatte die Stadt dann keine Antwort.

Die Ära des so unerwartet ebenso harmonisch wie erfolgreich agierenden Trios Kümmritz, Saladin und Waszerka ging bis Ende der neunziger Jahre. Wie endete sie?
Zum 1. August 1999 wurde die GmbH gegründet und ich bekam den Auftrag, es nun ganz allein zu machen als Generalintendant und Geschäftsführer. Das Fatale war, dass da von Anfang an schon wieder Geld fehlte. Doch habe ich dann zum richtigen Zeitpunkt wieder Glück gehabt. Als wir im Vorjahr die Schlossfestspiele im Innenhof vorbereiteten, bekamen wir die Auskunft, nächstes Jahr – also 1999 – könnt ihr nicht in den Innenhof, da wird gebaut. Erst waren wir geschockt, dann habe ich zu Saladin gesagt: Dann spielen wir eben auf dem Alten Garten „Aida“. Der fand das erst vollkommen verrückt. Aber ich wusste, dass da 1950 schon mal – allerdings nur konzertant – „Aida“ gemacht worden war. Und zu Waszerka habe ich gesagt: Sie spielen im Innenhof des Doms den „Jedermann“! „Aida“ wurde ein riesiger Erfolg mit 55 000 Zuschauern. Durch die Schlossfestspiele, mit denen wir Geld verdienten, habe ich dann lange Zeit die tariflichen Lohnsteigerungen abgefangen. Die Zuschüsse für das Theater vom Land sind ja seit über zwanzig Jahren eingefroren. 2001 machten wir „Nabucco“ mit 79 000 Zuschauern – das war enorm. Bis 2011 ungefähr hat diese Art Querfinanzierung funktioniert, in dieser Legislaturperiode unter dem neuen Kultusminister Brodkorb war es dann nicht mehr möglich, die chronische Unterfinanzierung des Hauses aus eigener Kraft auszugleichen. Seit fünf Jahren läuft da ein quälender Prozess, der auch noch nicht zu Ende ist.

Was hilft beim schwierigen Balanceakt zwischen notwendiger Einnahmesteigerung und moderaten Preisen für alle?
Das ist eine Sache des Gefühls, gar nicht so sehr des Wissens. Man braucht ein Gespür, was möglich ist und was nicht. Da muss man natürlich die Augen und Ohren offen halten und auf die richtigen Leute hören. Darum gehe ich auch regelmäßig zur Kasse und frage: Worüber schimpfen die Leute gerade, was finden sie gut? Die an der Kasse wissen das immer zuerst.

Nochmal das Stichwort „Bauen und Spielen“. Wie kamen diejenigen mit den ständigen Baustellen zurecht, die am Tage proben und am Abend auf der Bühne stehen mussten?
Grundsätzlich ist ein Theater zum Spielen da und nicht zum Zumachen. Hat auch meist gut geklappt. Einige Male kam Peter Dehler und schimpfte, bei dem Krach könne niemand proben. Aber das war, weil sich Bauarbeiter nicht an vereinbarte Ruhezeiten gehalten hatten und zur Unzeit bohrten. Das war natürlich Stress. Aber so was kann man regeln. Hauptsache, das Haus bleibt offen – und noch etwas: Ich habe nie mehr Geld als geplant ausgegeben. Wir haben die gesamte Ober- und Untermaschinerie erneuert, Ton und Beleuchtung erweitert, aber immer innerhalb des vorgegebenen Budgets, das geht also auch. Das Konzertfoyer mit Blick aufs Schloss war mir sehr wichtig, denn das Publikum sollte sich schließlich wohlfühlen im Haus. Also Bauen und trotzdem Weiterspielen halte ich für machbar, aber wir hatten auch Glück, dass die Gründung des Gebäudes in Ordnung war – das Haus steht nämlich auf unzähligen Eichenpfählen, die vom Wasser des Schweriner Sees umspült werden.

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