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Machen, nicht klagen

Gunnar Decker im Gespräch mit Joachim Kümmritz

von und

Dass die ganze Stadt an den Belangen des Theaters Anteil nimmt, sieht man ja daran, dass man überall über den Elefanten in „Aida“ diskutiert?
Die Stadt Schwerin will jetzt Wildtiere im Zirkus verbieten und das betrifft dann auch den Elefanten. 1999 hatten wir Cita, die wir in „Aida“ auftreten ließen. Alle liebten diesen Elefanten, Kindergärten und Schulklassen gingen da hin. Auch in der Arena von Verona kommt schließlich zum Triumphmarsch ein Elefant. Das ist doch schön! Und für die „Aida“ 2016 kommt wieder ein Elefant: Mala heißt sie.

Das ist sicher ein Auftritts-Elefant, der das gern macht?
Er kommt vom Elefantenhof Platschow, den die Familie Frankello betreibt. Das ist ein mecklenburgischer Elefant, der alle nötigen Papiere besitzt, danach habe ich natürlich gleich als Erstes gefragt.

Immer wieder – wie bei Brecht in den „Flüchtlingsgesprächen“ – die Frage nach den richtigen Papieren, sogar bei Elefanten!
Wir wollten bei den Schlossfestspielen Schwerin immer große italienische Oper machen. So kam schließlich auch Verdis „Macht des Schicksals“ dran.

Großartig, dieses: „Weh dir, wenn du dich selbst nicht kennst und dir fehlt die Kraft zur Treue!“
Ja, tolle Oper, war aber leider ein relativer Reinfall. „Nur“ 25 000 Zuschauer. Ich hatte schon geahnt, dass es damit schwer wird, aber wollte doch ausprobieren, wie weit man mit anspruchsvolleren Werken auf dem Alten Garten gehen kann. Zum Glück hatte ich noch Geld zurückgelegt. Aber klar war, im nächsten Jahr muss ten wir wieder Geld verdienen. Und da kam die Zirkus-Idee mit Leoncavallos „Bajazzo“. Ursprünglich wollte ich das zusammen mit Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ machen, als Doppelinszenierung. Wir besprachen das nach dem Fiasko von „Macht des Schicksals“ – aber da war aus der Flasche, die wir vor uns hatten, erst ein Glas getrunken. Bei der zweiten Flasche sagte Regisseur Peter Lotschak, wir spielen nur „Bajazzo“! Der dauert doch nur fünfzig Minuten, das reicht nicht, war mein Einwand. Nein, sagte er, wir machen den Anfang, wo die Gaukler auftreten, mit richtigen Artisten! Und wo nehmen wir die her, fragte ich. Vom Zirkus Roncalli, bekam ich zur Antwort. Wir fragen Bernhard Paul, ob er uns welche gibt. Dann sind wir nach Wien gefahren, Bernhard Paul zeigte uns als Erstes ein Video seines Zirkus- und Weih - nachtsmarkt-Imperiums. Über die Oper sprachen wir kaum. Nach einer Stunde verabschiedete er uns mit: Alles klar, Sie bekommen die Leute! Da haben wir seine Zirkuskapelle bekommen und die Artisten. Die Zirkuskapelle spielte die Einsätze für die Artisten und die Mecklenburgische Staatskapelle die eigentliche Oper. Das war dann ein Riesenerfolg, wir hätten noch zwei Wochen länger spielen können.

Damit haben Sie dann auch noch einmal richtig Geld verdient?
Ja, ich habe immer zusätzlich Geld verdienen müssen, um die Probleme am Haus zu lösen. Doch das Modell ist an seine Grenze gelangt.

Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin ist eine GmbH, die in Konkurs gehen und im Nirgendwo der eigenen Legende verschwinden kann!
Als wir 1999 die GmbH gründeten, war mein wichtigster Antrieb, die Künstler zu schützen. Sie müssen arbeiten und leben können. Peter Dehler, der Schauspieldirektor, dachte genauso wie ich. Immer, wenn wir etwas extra machen wollten, mussten wir auch das Geld damit verdienen. Die Künstler und das Publikum waren ja auch immer glücklich damit. Es ist doch auch eine ganz andere Atmosphäre, wenn man vor 500 Zuschauern spielt statt vor 50! Mit der GmbH-Gründung und den sommerlichen Schlossfestspielen musste ich 1999 auch anfangen, den Schauspielern den Urlaub zu teilen. Es gab dann verkürzten Urlaub im Sommer und dafür vierzehn Tage Urlaub im Februar, was anfangs eine Menge Ärger auslöste. Das Haus war also im Februar zwei Wochen zu. Aber ein leeres Haus, wo nicht gespielt wird, fand ich auch nicht gut. So kamen wir auf die Idee, den „Lido“ – eine Revue-Tanzshow aus Paris – zu holen, um das Haus zu füllen. Das klappte so gut, dass wir dann anfingen, das Februar-Gastspiel selbst zu produzieren. Die „Rocky Horror Show“, die Ralph Reichel inszeniert hat, lief sechs Jahre lang, oder dieses Jahr im Februar „Fame“, immer ausverkauft. Das gehört zur Mischung. Heute ist „Tango“-Premiere von Slawomir Mrozek, das ist künstlerisch eine wichtige Arbeit. Aber nur mit „Tango“ kann ich das Haus nicht am Leben halten, das ist auch klar.

Ich fand es auch wichtig, dass Sie Heiner Müller oder Ibsen machen, auch Alfred Jarrys „König Ubu“. Das gibt einem Haus das Profil und gehört zum Bildungsauftrag der Theater.
Natürlich! Doch bei neunzigeinhalbtausend Einwohnern und Theatern in Lübeck in siebzig Kilometern und Rostock in neunzig Kilometern Entfernung muss man sich etwas einfallen lassen, um das Haus zu füllen. Da ist gut gemachte Unterhaltung, die sich überregional verkauft, überlebensnotwendig. Das habe ich stark verinnerlicht. Ich möchte „König Ubu“ und „Tango“ unbedingt machen, oder „Dog Days“, eine Kammeroper von David T. Little, die letzte Woche Premiere hatte. Großartig, aber eben schwierig, ein harter Stoff über eine heruntergekommene amerikanische Familie. Das spielen wir vielleicht acht Mal vor höchstens sechzig Leuten.

Aber fürs breite Publikum gibt es ja auch noch das Weihnachtsmärchen?
Gegen ein Weihnachtsmärchen im Programm gab es anfangs starke Vorbehalte. Wir sind doch ein Staatstheater und kein kleines Stadttheater, so dachte wohl mancher. Das musste ich erst durchsetzen. Jetzt sind sie ein regelmäßiger Renner mit 25 000 Zuschauern. In die letzten Vorstellungen gehen dann fast nur noch Erwachsene. Es existiert offenbar eine Sehnsucht, fast schon Sucht nach Märchen. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Vielleicht geht es dabei um das Vertreiben der Realität?

Es sind wohl auch archetypische Grundsituationen des Menschseins: Angst, Glück, Schrecken, Gut und Böse. Im Spiel scheint alles möglich, lautet die Märchen-Botschaft. – Ein anderes Stichwort: die Fritz- Reuter-Bühne und die Pflege des Niederdeutschen.
Aus Altersgründen sind leider einige der über viele Jahre prägenden Schauspieler nicht mehr dabei. Marga Heiden etwa, die Mutter von Katrin Sass. Im Augenblick haben wir noch fünf Leute, die leisten gute Arbeit, keine Frage. Jedes Jahr gibt es mindestens einen anspruchsvollen Stoff. Den „Biberpelz“ von Hauptmann etwa haben wir auf plattdeutsch gemacht, etwas, was es im Ohnsorg-Theater nicht gibt.

Das ist doch der klassische Fall eines Landesbildungsauftrags, wie er auch in der Verfassung steht?
Über den Stellenwert des Niederdeutschen am Mecklenburgischen Staatstheater heute kann man diskutieren. Es ist in der jetzigen Form nun mal ziemlich teuer – und daneben gibt es Wismar, Neubrandenburg, Rostock mit niederdeutschen Amateurbühnen.

Spricht da jetzt der Berliner aus Ihnen?
Überhaupt nicht! Eine der erfolgreichsten Inszenierungen der Fritz-Reuter-Bühne habe ich angeregt: „Dinner for One“ auf Platt! Ich bin auch in den Norden gekommen, weil ich Landschaft und Menschen hier liebe. Wenn ich von Berlin nach Schwerin fahre und ungefähr hinter Wittenberge fangen die Koppeln und Weiden an, dann fühle ich mich gleich wohler. Die Ostsee liebe ich über alles.

Noch eine Frage zu Ihnen als gebürtigem Berliner und Wahl-Schweriner. Fan von Union Berlin sind Sie über die Jahrzehnte hinweg geblieben. Dort haben Sie das Weihnachtssingen im Stadion erlebt. Ein volles Stadion vereint im Gesang. Und auch davon inspiriert, haben Sie begonnen, unter dem Titel „Schwerin singt!“ ein regelmäßiges, gemeinsames und öffentliches Singen zu organisieren. Woher kommt dieses Faible fürs gemeinsame Singen?
Ich liebe starke Chöre! Wir haben gegenwärtig nur noch 24 Sänger im Schweriner Opernchor, das sind 9 weniger als 1933. Die Bühne aber hat immer noch die gleiche Größe. Also muss man den Chor wichtig machen, ihn bei jeder Gelegenheit auftreten lassen und allen zeigen, wie notwendig wir ihn brauchen. Darum machen wir auch „Schwerin singt“. Hier in der Stadt wurde 1814 der erste Chor von Bürgern gegründet, vorher waren das immer Kirchenchöre. Darum feierten wir ganz groß 200 Jahre bürgerlicher Chorgesang in Schwerin! Ich habe die Kongresshalle gemietet und das Jugendsinfonieorchester spielte mit der Mecklenburgischen Staatskapelle zusammen. Schließlich hatten wir einen Chor von 400 Stimmen auf der Bühne, das war ein Ereignis. Zu diesem Konzert kamen 2500 Besucher aus ganz Norddeutschland. Aber man muss es machen und nicht klagen!

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