Wie Menschen „wirklich“ sind

3. Das Eigene und das Fremde

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Die heutige Arbeitswelt zu idealisieren, besteht kein Anlass. Es gibt elende Arbeit, von der man kaum leben kann, obwohl sie das Leben verzehrt, und die Zahl dieser Stellen schnellte infolge neoliberaler Arbeitsmarkt-‚Reformen‘ jäh nach oben. (Siehe für die deutschen Arbeitsverhältnisse: Klaus Dörre, Karin Scherschel, Melanie Booth u. a.: Bewährungsproben für die Unterschicht? Soziale Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik, Frankfurt am Main 2013.) Hier darf man getrost von schamloser Ausbeutung sprechen. Selbst an attraktiver Arbeit haften nach wie vor Entfremdungsphänomene. Sie wahrzunehmen, erschwert der verinnerlichte Imperativ, das Fremde zum Eigenen zu machen. Man schaut nicht oder allenfalls verstohlen auf die Uhr, verweilt länger im Betrieb als kontraktlich vorgeschrieben; sechzig Arbeitsstunden in der Woche, ja und? Die Work-Life-Balance gleich im Unternehmen herzustellen – Fitnesshalle, Schwimmbad, Kinoraum liegen auf dem Campus – ist bequem, aber auch Bestandteil des Komments. Wieder gut bei Kräften kehrt man, gleich seinen Kollegen, schnurstracks ins Büro zurück und verbleibt dort, bis die Letzten gehen. Man regeneriert teils beiläufig, isst, trinkt, entspannt den Körper, während man Probleme wälzt, teils grüblerisch und schuldbewusst, mit Arbeitsbedacht. Sich ernähren, ja, nur was genau, was lädt den Akku auf für länger? Sport, Geselligkeit, gewiss, nur welcher Art, mit wem, Leute mit Prestige, Kontakten wären günstig. Empfänglichkeit für kulturelle Angebote bildet die Sinne und schafft zugleich eine eiserne Reserve für das nächste, womöglich stockende Gespräch mit Vorgesetzten oder Kunden, also doch besser ins Musical als in die Oper?

Angestellte neuen Typs arbeiten, während sie ihr Leistungsvermögen reproduzieren, zugleich an ihrer personality, die sie dem Unternehmen zur Verfügung stellen. (Mark Siemons: Jenseits des Aktenkoffers. Vom Wesen des neuen Angestellten, München 1997.) Sie regenerieren unter dem Leitgesichtspunkt ihrer Beschäftigungsfähigkeit, berechnend, rechenhaft. Die dem ‚Auftanken‘ zugebilligte Zeit soll, muss sich in personalem Mehrwert niederschlagen, so wie die Werkstunden in pekuniärem. Zeit, die sich nicht rentiert, ist tote Zeit. Schriftsteller, Künstler, Philosophen, Städtebauer, Architekten und andere „Kreative“ durchleben (leidvoll) Phasen, in denen nichts sich fügt, und schöpfen daraus, außer Demut vor dem Eigensinn des Materials, ein waches Gespür für die Gunst der Stunde. Die Arbeitspatrioten unserer Tage sind nicht willens hinzunehmen, was jeder Kraftanspannung spottet, begehren dagegen bis zu dem Tag auf, an dem der Stecker aus der Dose fliegt. Ihr Selbst ist weder nach innen abgeriegelt noch auf zwei disparate Welten aufgeteilt, sondern porös, angreifbar, besetzbar.

Vor intellektueller Überhebung sei gewarnt. Beruf als Berufung, Einheit von Leben und Werk: Die geistig Tätigen stehen den ‚ordinären‘ Workaholics innerlich viel zu nahe, um sie von oben herab kritisieren zu können.

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