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Bleibt alles anders

Ein Vorwort

von

In seinem viel beachteten Essay „Müdigkeitsgesellschaft“ hat der koreanische Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han sehr anschaulich den Übergang von der Disziplinargesellschaft im Sinne Foucaults zur heute gültigen Leistungsgesellschaft beschrieben. Während sich in der Ersteren die Arbeitswelt vor allem nach dem Gebot des „Müssens“ organisiere, suggeriert uns die Leistungsgesellschaft, dass allein im „Können“ der Weg zu einem effizienteren und besseren Selbst liege. „Yes we can!“ Die Dichotomien von innen und außen, Eigenem und Fremdem, Freund und Feind sind im Begriff sich aufzulösen. Das Andere wird dabei transformiert zu einer Variation des Gleichen. Nicht mehr in der dialektischen Konfrontation mit dem Fremden konstituiert sich daher unser Selbst, sondern nach dem Prinzip der Assimilation. In der amerikanischen Science-Fiction-Serie „Star Trek“ verkörpert die außerirdische Spezies der Borg genau dieses Prinzip, an dessen Ende die Utopie eines perfekt funktionierenden Kollektivs steht. Im Gegensatz dazu steht unser Alltag unter dem Diktat eines „maskierten“ Individualismus, in dem zwar alle das Gleiche wollen und tun, nur eben nicht zur selben Zeit.

Der Mensch agiert zunehmend als „Maschine“, der die Möglichkeit innewohnt, sich aus sich selbst heraus upzugraden. „Pimp my Selbst!“ Es sind nicht mehr die Anderen, die uns den Druck auferlegen, besser zu werden, sondern wir selbst, gewissermaßen als Herr und Sklave in Personalunion. In einem solchen System wird man nicht anders durch Abgrenzung, sondern man bleibt anders durch Selbstoptimierung. Vor allem sieht man sich dabei einem unerhörten immanenten Leistungsdruck ausgesetzt. Wir selbst werden zu Chefentwicklern unseres eigenen Seins. Man kann immer besser.

Was oberflächlich als Potenzial zur unbegrenzten Freiheit daherkommt, entpuppt sich bei genauerem Blick als Schimäre. Längst sind wir zu Sklaven unserer eigenen Möglichkeiten geworden. Der Zwang zur ständigen Aufmerksamkeit lässt uns immer weniger Zeit, unser Sein zu reflektieren. Vielleicht verpassen wir in der Zwischenzeit die nächste Smartphone-Generation, die coolste neueste App oder einen anderen heißen Trend und damit den Anschluss. Terminierte das Aufkommen des Privatfernsehens in den 1990er Jahren unsere Aufmerksamkeitsspanne auf die Dauer zwischen zwei Werbepausen, beherrscht uns heute der Zwang zum Multitasking, zur Dauer-Aufmerksamkeit.

In diesem Zusammenhang erscheint es nur folgerichtig, dass der Begriff „Freizeit“ sich in unserer Gesellschaft einer zunehmenden Diskreditierung ausgesetzt sieht, suggeriert doch „Frei-“, dass offensichtlich Zeit ungenutzt bleibt, also verschwendet wird. Entsprechend ist an die Stelle der sich ursprünglich ausschließenden Begriffe der Frei- bzw. Arbeitszeit heute verstärkt die diese Dichotomie nivellierende Formulierung von der „Work-Life- Balance“ getreten.

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