Brecht lesen – Gesichter und Aspekte

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Um die Erfahrung des Wechsels wieder zu gewinnen, braucht das Ich das Landhaus des Freundes, zu dem es freilich eine Fahrt unternehmen muss – vielleicht auf jener Straße, auf der es dann das Herbstblatt beobachtet? Dort ergibt es sich aber nicht etwa einer tiefen meditativen Versenkung in den Herbst. Nein, „fünf Minuten“, jene fünf Minuten, die Brecht immer wieder als Indiz für eine kurz bemessene Frist des Denkens nutzte. So stehen die fünf Minuten in der Maßnahme als Allegorie der systematisch immer zu knappen Zeit, die der politisch Handelnde zur Verfügung hat, angesichts unvollständiger Informationen eine Entscheidung zu treffen. Der Kontroll-Chor fragt: „Fandet ihr keinen Ausweg, zu erhalten den jungen Kämpfer dem Kampf?“ Die vier

Agitatoren antworten:

Bei der Kürze der Zeit fanden wir keinen Ausweg

Fünf Minuten im Angesicht der Verfolger

Dachten wir nach über eine

Bessere Möglichkeit. Auch ihr jetzt denkt nach über

Eine bessere Möglichkeit.29

Im Fatzer heißt es einmal: „Es ist gut, daß wir durch Zufall an eine Stelle der Welt gekommen, wo wir fünf Minuten nachdenken konnten. Jetzt können wir heimgehen.“

Hier nun kann das Ich für fünf Minuten stehen und „einen Baum sehn / Beraubt des Laubs, und Laub, beraubt des Stamms“. Was das Ich sieht, ist der Raub als allgemeiner Weltzustand, Raub durch Krieg oder Handel. Die Länder sind ihrer Laub-Kronen beraubt, da die Besten fliehen müssen. Die einzelnen Exilierten aber sind nur noch wegzuharkendes Laub, als einzelne Blätter nicht mehr wahrnehmbar. Oder doch?

Man erkennt in dem vereinzelten großen Herbstblatt rasch das Gegenbild zum lyrischen Ich, das vom Wind der Umstände, ohne alle Möglichkeit, seinen Weg selbst zu bestimmen, „die Straße lang“ getrieben wird. Da ist es also aus der Nähe besehen, als einzelnes Schicksal, jenes „Laub, beraubt des Stamms“, das es im ersten Teil des Gedichts (oder im ersten der beiden unter dem Titel „Kalifornischer Herbst“ abgedruckten Gedichte) zu sehen gewünscht hatte. Es dürfte aber sich nicht allein um die Person handeln, ebenso steht das Blatt für das Geschriebene, das in diesem Wind umhertaumelnd ebenso ziellos wird und wirkt, nicht weiß, ob und zu welchem Adressaten es gelangen wird. An diesem Tiefpunkt der Erfahrung erfolgt nun jedoch mit den folgenden Worten eine Wendung, wie sie vielleicht typischer für Brecht nicht sein könnte, wie sie wohl von keinem anderen so geschrieben worden sein könnte: „[…] und ich dachte: schwierig / Den künftigen Weg des Blattes auszurechnen.“

Was wäre eine spartanischere, knappere, zugleich so lyrische Formel für die Leidenschaft des Rationalen noch im totalen Scheitern? Im Angesicht des taumelnden Blatts, das von totaler Zufälligkeit abhängt, lässt der Gedanke auch nur an den Versuch es auszurechnen, dieses Ich als nicht zu entmutigenden Forscher erscheinen. Das Wort „schwierig“ an der Stelle kann als eine der großen Untertreibungen in Brechts Oeuvre gelten. Würde Brecht nicht sein Augsburgisches Idiom unterstellen, so wäre man geneigt, in diesem Wort nicht nur schwier-ig sondern noch einmal das schwier-Ich zu hören. Erfahrung der Trauer, des Schreckens, der Niederlage, die nicht verleugnet wird und ein schon in die Weise der Erfahrung eingeschriebener Widerstand des Denkens dagegen – das ist die Signatur der Schriften, die mit B. B. gezeichnet sind.

2016

 

Brecht lesen – Gesichter und Aspekte

 

1 Ich hatte einen „anderen“ Brecht in meinen Arbeiten der 1970er Jahre immer wieder gefunden und 1991 in Augsburg zum Thema der von mir gemeinsam mit Renate Voris geleiteten ersten Brechtkonferenz der International Brecht Society außerhalb der USA gemacht.

2 Eine offenere und zukunftweisende Diskussion des „learning play“ hat sich inzwischen entwickelt, so bei Pollesch, den Fatzer-Tagen in Mülheim, She She Pop und andcompany&Co.

3 Althusser, Louis: „Piccolo Teatro, Bertolazzi und Brecht. Bemerkungen über materialistisches Theater“, in: Alternative 137, Karlsruhe 04/1981, S. 82.

4 Vgl. Weber, Betty Nance: Brechts „Kreidekreis“, ein Revolutionsstück. Eine Interpretation. Mit Texten aus dem Nachlaß, Frankfurt a. M. 1978.

5 Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie, hrsg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt a. M. 2003,

S. 55.

6 Ebd.

7 Lukács, Georg: Werke. Bd. 15, Darmstadt/Neuwied 1981, S. 10.

8 Adorno: Ästhetische Theorie, S. 345.

9 Brecht, Bertolt: Tagebücher 1920–1922. Autobiographische Aufzeichnungen 1920–1954,

hrsg. v. Herta Ramthun, Frankfurt a. M. 1975, S. 138.

10 GW 8, S. 101.

11 Brecht, Bertolt: „Die Lösung“, in: GBA 12, S. 310.

12 Althusser: Alternative 137, S. 97.

13 Ebd., S. 85.

14 Stemann, Nicolas: „Wir sind Ödipus. Überlegungen zum politischen Theater der Gegenwart“,

in: Theater heute, Berlin 03/2016, S. 36–38.

15 Rilke, Rainer Maria: Briefe, 3. Bd., hrsg. v. Rilke Archiv in Weimar, Frankfurt a. M. 1987,

S. 898f.

16 Benjamin, Walter: Werke II-2, S. 557.

17 Badiou, Alain: Le siècle, Paris 2005, S. 65.

18 Vgl. Akademie der Künste, Berlin: Bertolt-Brecht-Archiv, 109/88.

19 Vgl. Grimm, Reinhold: Brecht und Nietzsche oder Geständnisse eines Dichters, Frankfurt

a. M. 1979 sowie Lehmann, Hans-Thies/Lethen, Helmut: „Verworfenes Denken“,

in: Brecht-Jahrbuch 1980, Frankfurt a. M. 1981, S. 149–171.

20 Lehmann/Lethen: „Verworfenes Denken“, S. 151f.

21 GBA 11, S. 116.

22 GBA 15, S. 209.

23 GBA 3, S. 46.

24 Nietzsche, Friedrich: Werke in drei Bänden, 3. Bd., hrsg. v. Karl Schlechta, München 1966,

S. 882.

25 GBA 14, S. 420.

26 Lehmann/Lethen: „Verworfenes Denken“, S. 170.

27 GBA 14, S. 47.

28 GBA 15, S. 44f.

29 GBA 3, S. 123.

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