Brecht lesen – Gesichter und Aspekte

von

Sammlung

Der Leser findet in diesem Buch Essays versammelt, die die jahrzehntelange, man kann sagen: lebensbegleitende Auseinandersetzung des Autors mit dem Werk Bertolt Brechts dokumentieren. Die Studien in ihrer Gesamtheit sollen dazu beitragen, immer noch virulente Vorurteile über Brecht zu revidieren und einen „anderen“ Brecht jenseits der politischen, literarischen und theaterästhetischen Klischees sichtbarer werden zu lassen.1

Im Zentrum steht naturgemäß Brecht der Theaterautor und Theaterdenker.Aufsätze zum Verhältnis von Fabel und Gestus und zu Leben desGalilei sowie zum Brechttheater in seiner Nachfolge anhand von ArturoUi, einer der berühmten Inszenierungen des Berliner Ensembles, diskutierenTheorie und Praxis des epischen Theaters, um die Idee des Lehrensdarin kritisch zu beleuchten. Die Dreigroschenoper und Mahagonny werdenunter den Gesichtspunkten des Brechtschen Lebensthemas des Asozialenund des Surrealismus sowie der Idee der Verausgabung im SinneGeorges Batailles erörtert. Mehrere Aufsätze gelten den sogenanntenLehrstücken. Sie stellen heraus, dass es eher das Modell des – wie man eigentlich sagen muss – Lernstücks als die Techniken des epischen Theaterssein dürfte, was das Potential eines Theaters der Zukunft birgt, mit demvielleicht die Zukunft des Theaters steht und fällt.2

Außerdem werden zentrale Aspekte des Werks wie das Vergessen, die mSexualität und der Tod thematisiert sowie die Beziehungen erörtert, dieBrechts Werk zu markanten Positionen der zeitgenössischen Philosophie aufweist.

Viel Raum beansprucht der Lyriker Brecht. Das mag in einer Buchreihe, die sich der Theorie des Theaters widmet, überraschen. Doch ist zu zeigen, dass nicht nur entscheidende Motive von Brechts Theatertexten sich mit denen der Gedichte decken, sondern darüber hinaus die Theatertexte ihre ganze abgründige Komplexität erst zu erkennen geben, wenn man sie mit den lyrischen Texten zusammenliest.

Erinnerung

Angefangen hat alles mit einem Satz. Als Schüler erblickte ich eines Tages Anfang der 1960er Jahre auf dem Buchrücken eines jener blassgelben schmalen Einzelausgaben von Stücken Brechts, die uns – vor dem Erscheinen der zwanzigbändigen hellgrauen Suhrkamp-Ausgabe – mit Brecht bekannt machten, im Fenster einer Bibliothek oder Buchhandlung der Bremer Innenstadt diesen Satz und war elektrisiert:

Daß da gehören soll,

was da ist,

denen,

die für es gut sind.

Elektrisiert vom Inhalt, der den jugendlichen Sinn für Gerechtigkeit ansprach; aber ebenso sehr formal durch das wundervolle kleine Stolpern in Syntax und Klang, „die für es gut sind“. Ein so schlagend einfacher Dreh, den der Deutschlehrer vermutlich moniert hätte. Meine Begeisterung war naiv. Noch wusste ich nicht zu würdigen, dass der Satz das (nicht nur) moralische Problem des Guten und des Gutseins nicht vom Individuum her aufwarf, sondern von der Frage des Eigentums her. Dass der Einzelne nicht intrinsisch thematisiert wurde, sondern von dem her, was er für „es“ bedeutet. Dass dementsprechend durchaus absichtsvoll Mensch, Technik und Natur in der Fortsetzung des Textes auf eine Ebene gestellt wurden, in dem es weiter heißt: „[…] also / Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen / Die Wagen den guten Fahrern, damit gut gefahren wird / Und das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt.“ Humanität ist hier nicht in einem „Humanismus“ verankert, sondern Brecht denkt so, wie Marx seine Methode charakterisiert hat, als er formulierte: „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen.“ Und: „[…], daß meine analytische Methode nicht von dem Menschen ausgeht, sondern von der ökonomisch gegebenen Gesellschaft.“3 Was wusste ich aber damals von „theoretischem Antihumanismus“! Erst viel später sollte ich bemerken, dass Brecht als Lyriker eine andere Vorstellung als die geläufige vom menschlichen Subjekt zu artikulieren längst schon fähig war, bevor er Marx studierte. Und dass sogar in diesem Kreidekreis, einem Stück, das vielleicht am meisten von allen dem Vorwurf rosarotgefärbter Didaxe für einen Märchensozialismus Nahrung gibt, eine verborgene Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus vorliegt.4

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