Brecht lesen – Gesichter und Aspekte

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Drei Schwierigkeiten beim Lesen Brechts

Die Probleme, die einer Brechtlektüre heute im Wege stehen, sind von dreierlei Arten. Das eine ist politischer Natur und lässt sich als ein Dilemma beschreiben: Will man den Texten gerecht werden, so führt ihre Untersuchung regelmäßig zu einer Problematisierung, einem Zweideutig- und/oder Zweifelhaftwerden ihrer scheinbar oft geradezu blendend klaren Aussage. Adorno sah hier deutlicher als viele Brechtphilologie: „Schwer zu eruieren, was auch nur der Autor im Galilei oder im Guten Menschen von Sezuan meint, zu schweigen von der Objektivität der Gebilde, die mit der subjektiven Absicht nicht koinzidieren“5, erklärt er und fährt fort: „die effektvolle Frage der DDR-Dramaturgie: was will er sagen? reicht eben hin, um angeherrschte Autoren zu ängstigen, ginge aber vor jedem Stück Brechts zu Protest, dessen Programm es schließlich war, Denkprozesse in Bewegung zu setzen, nicht Kernsprüche mitzuteilen; sonst wäre die Rede vom dialektischen Theater vorweg nichtig.“6

Besteht aber nach verbreiteter Auffassung nicht gerade in dieser Eindeutigkeitder Aussage der politische Sinn und das Gewicht der Texte?Soll man sich also blind stellen für die Mehrdeutigkeit und die politischeSinnstiftung retten? Oder lässt man der philologischen Erkenntnis ihrefreie Bahn und riskiert mindestens den Anschein, man wolle den vielleichtam direktesten politischen Dichter der neueren Geschichte entpolitisieren?Die hier versuchte Beantwortung, wenn nicht Lösung des Dilemmasbesteht in der These, dass das wirklich Politische der Kunst inder Form zu suchen ist, nicht in ihrer inhaltlichen Setzung. „Das wirklichSoziale in der Literatur ist: die Form.“7 Es folgt, dass die Interpretationauf die Form den größten Werk legen, also Formsemantik betreibenmuss, dass zugleich die Beziehung der Texte auf das Politische niemalsaus dem Auge verloren werden darf. Denn es gilt, noch einmal mitAdorno, auch umgekehrt: „[…] wer Brecht einzig seiner künstlerischenMeriten wegen würdigt, verfehlt ihn nicht weniger, als wer über seineBedeutung nach seinen Thesen urteilt.“8 Das Interesse an Brecht heutemuss also als zusammengesetzt, komponiert, aus verschiedenen Motivengedacht werden: Es ist ohne den Wunsch nach einer wie auch immer„politisch“ vermeinten Praxis undenkbar, jedenfalls radikal verkümmert. Aber ebenso müsste es verkümmert heißen ohne das Interesseam Bruch in der Praxis, in der Theorie und zwischen Theorie und Praxis.

Die zweite Schwierigkeit: Der weltbekannte Brecht ist der übersetzteTheaterautor. Verhält es sich aber so, dass die Kunst gerade diesesSchriftstellers wesentlich darin besteht, dicht neben der Alltagssprache,oft nur um eine entscheidende Nuance von ihr abweichend, zu schreiben,so stehen allen Versuchen, diesen Stil der winzigen Abweichungvom Gewohnten und Gewöhnlichen in andere Sprachen zu übertragen,fast unüberwindliche Hindernisse im Weg. Oft fällt auch dem nativespeaker erst beim zweiten oder dritten Lesen auf, wo die unauffälligenStörungen versteckt sind, die die scheinbar klare Aussage ins Zwielichtrücken. Es handelt sich um eine Ästhetik des Widerhakens. Bei einerÜbertragung ist die Gefahr sehr groß, dass die Nuance auf dem Weg verlorengeht,und es bleibt übrig: das Banale. Mit der Folge, dass der Ruhmdes übersetzten Brecht dem Vorurteil weiter Nahrung gibt, seine Lehrenseien so schlicht, wie ihre Formulierung oft klingt. Würde man, somöchte man pointieren, den Lyriker Brecht besser kennen, so hätte sich die Vorstellung des ästhetisch wie theoretisch simplen Lehrtheaterskaum verbreiten können. Keiner, der solche Gedichte schrieb, hätte soeinfältig über das Theater denken können, wie es ein noch immer verbreitetesVorurteil dem Dichter zu unterstellen beliebt. Leider habenauch eminente Brechtleser wie Adorno und Walter Benjamin es nichtvermocht, jener primitiven Vorstellung vom Lehrtheater Brechts denBoden zu entziehen: weder Adorno, der die glückliche Formel „Lehrstückals artistisches Prinzip“ fand und schon nach der UraufführungMahagonny die erste surrealistische Oper nannte; noch Benjamin, derschon in den 1930er Jahren bemerkte, dass der Kern von Brechts Theateridee mit Unterbrechung und Zäsur im Sinne Hölderlins zu tun habe.Gewiss gibt es in Brechts OEuvre und in seiner Selbststilisierung Anhaltspunktefür die verflachende Auffassung von seinem Theater. Und esgeht gewiss nicht darum, die Benutzung einer Oberfläche seiner Stückefür konkrete politische Zwecke einfach abzulehnen. Dass aber dieschlichteste, die gedankenloseste Auffassung von seinem Schaffen so bedrückendeVorherrschaft erlangen konnte, bedarf heute einer durchgreifenden Kritik.

Die dritte Schwierigkeit besteht darin, dass Brecht lesen heute mehr denn je bedeuten muss, sich von einer Einsicht leiten zu lassen, die sich in die Formel fassen lässt: Brecht ist mehrere. Der Fetisch der Signatur darf keinen Einfluss auf die Leseweise haben. Sehr unterschiedlich sind die Gesichter, die Brecht, das schreibende Subjekt der Texte, dem Leser präsentiert, zu schweigen von der biographischen Multitude, die die Person war und von der er selbst früh schon sagte: „Mein Gesicht hat viele Elemente von Brutalität, Stille, Schlaffheit, Kühnheit und Feigheit in sich, aber nur als Elemente, und es ist abwechslungsvoller und charakterloser als eine Landschaft unter wehenden Wolken. Deshalb können viele Leute mein Gesicht nicht behalten (‚es sind zu viele‘ sagt die Hedda).“9 Diese Feststellung lässt aber den ganzen Umfang der mit ihr verbundenen Probleme erst erkennen, wenn man hinzufügt, dass dieSpaltungen, Widersprüche und Unvereinbarkeiten nicht nur zwischen den verschiedenen Gesichtern bestehen, sondern in jedem einzelnen der ineinanderfließenden Bilder auftauchen. Es handelt sich also nicht darum, dass man nur das „richtige“ Gesicht treffen muss und dann schon eine klare Ausdeutung des Gemeinten produzieren kann – die gesuchteIdentität findet man nimmer. „Wer immer es ist, den ihr sucht: ich bin es nicht.“10

 

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