Brecht lesen – Gesichter und Aspekte

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Subjekt

Die Menschen sind nicht mehr lebendig, die Dinge verlieren ihre Kraft, für die Menschen als Träger von menschlichen Bedeutungen zu fungieren: „Nun drängen, von Amerika her, leere, gleichgültige Dinge herüber, Schein-Dinge, Lebens-Attrappen […]“, schreibt Rilke am 13. November 1925.15 Bei ihm und anderen klingt in der Klage über die hohlen Dinge die Klage um das Ich an, die Klage über den Untergang der Subjektivität. Brecht kassiert mit einem Gewaltstreich diesen Ausdruck von Trauer, verlegt ihn, kaum mehr erkennbar, in die trockene Sachlichkeit seiner Sprache. In Hohlheit, Wandelbarkeit, Flüchtigkeit sieht er nicht nur einen beklagenswerten Verlust, sondern auch die Chancen für ein neues, bald wird dies für ihn heißen: potentiell revolutionäres Subjekt. Wenn er der oberflächlichen neuen Realität der Massen nicht etwa das Beharren auf dem Wert des Einzelnen entgegensetzt, so verfällt er doch auch nicht dem neusachlichen Pathos oder dem „Kult der Zerstreuung“. Brecht schreibt die Städte und ihre Bewohner in ein und dasselbe „Dispositiv“ ein, um durch ihre gegenseitige Spiegelung die Verfassung eines Subjekts im Prozess (Julia Kristeva) erfahrbar zu machen. Darum konnte Walter Benjamin mit Recht sagen, Brecht sei „der erste bedeutende Lyriker, der von städtischen Menschen etwas zu sagen hat“.16

Das menschliche Subjekt ist für Brecht nichts, das ist, sondern etwas, das wird. Es gehört nicht der Ordnung des Seins an, sondern der Ordnung des Ereignisses – in dem Sinne, dass es nicht nur keine fixe Identität aufweist und aus ebendiesem Grund auch jederzeit in der Lage ist, ganz neu zu beginnen und das Unerwartete, Unkalkulierbare zu tun. Brecht entnahm der marxistischen Lehre, ebenso wie dem Behaviorismus die Erkenntnis, dass die Umweltbedingungen den Menschen determinieren. So schreibt er über Galy Gay, die Titelfigur von Mann istMann: „Das wechselnde Außen veranlaßt ihn beständig zu einer inneren Umgruppierung. Das kontinuierliche Ich ist eine Mythe.“ Dennoch sind seine dramatis personae solche, die sich in gute Taten nicht stürzen, weil diese gut sind, sondern in einem Affekt der Herausforderung. „Ich wage es“, erklärt der Flieger. Es ist, als wüssten diese Figuren, dass der größte aller Aufklärer in das Zentrum der Aufklärung nicht die Klugheit gestellt hat, sondern den Mut. Aufklärung hat den Wahlspruch: „Habe Mut, dich deines Verstandes ohne Anleitung durch einen anderen zu bedienen.“ Politisch im Sinne Alain Badious aber kann man diese Gestalten nennen, weil sie einer Sache die Treue halten ohne Rückversicherung und im Geiste des Beginnens.

 

Brecht und sein Jahrhundert

Wir lesen Brecht als eine emblematische Gestalt des 20. Jahrhunderts. Es ließe sich behaupten, dass es das Jahrhundert des Theaters als Kunst gewesen ist. Es hat die Idee der Inszenierung erfunden. Eine Art von Künstler ist erschienen, der weder als Schriftsteller noch als Interpret, aber als eine Art Denker der Repräsentation als solcher agiert und der eine sehr komplexe Vermittlung der Beziehungen zwischen Text, Spiel, Raum und Öffentlichkeit herstellt.17 Brecht ist emblematisch für das 20. Jahrhundert auch im Sinne der Frage danach, was man „den neuen Menschen“ nennt. Der neue Mensch war eine Obsession des Brechtjahrhunderts. Einerseits von rechts, denn Denker der politischen Rechten waren auf der Suche nach einem neuen Menschen, der im Grunde vorgestellt wurde wie ein wiedergefundener, restituierter, gleichsam heimgekehrter alter Mensch. Der ursprüngliche, „authentische“ Mensch ist verloren, verdeckt, verdorben und soll durch einen Prozess der Reinigung wieder neu erstehen. Mit mehr oder weniger Gewalt soll der Mensch zu seinem verlorenen Ursprung zurückgeführt werden. Während diese Variante der Suche nach dem neuen Menschen ihn in mythischen Ganzheiten wie der Rasse, der Nation, dem Blut und Boden verankert, gibt es eine andere ebenso radikale Frage nach ihm bei der Linken. Hier geht es darum, dass der neue Mensch aus der Modernität hervorgeht, dass er produziert werden kann und gerade ohne Rückversicherung in irgendwelchen Ursprüngen, viel eher durch die Kraft des Vergessens, die Hingabe an das Neue existiert. Bei Brecht finden wir sein ambivalentes Bild nicht nur im „Massenmensch“ und in der Phantasiegestalt der Augsburger Jugend, dem „Feuer-Wasser-Mensch“, sondern auch in jenem „Geschlecht voll Aussatz“ des Fatzer-Fragments, das von der Zeit des Krieges ausgespien wurde und von dem es heißt, dass es „untergehend die gealterte welt / abriss“18.

 

Nietzsche

Das Kapitel Brecht und Nietzsche war lange Zeit umstritten.19 Inzwischen darf als ausgemachte Sache gelten, dass es gerade das Ferment nietzscheanischen Denkens war, das Brechts Marxismus immer wieder vor der Erstarrung bewahrte. Beim jungen Brecht ist es offenkundig, dass die Rezeption Nietzsches der von Marx vorausging. Zahllose Zitate, Anspielungen und analoge Denkfiguren sprechen hier eine deutliche Sprache. Es geht um einen spezifisch Brechtschen Materialismus. Der Name Nietzsche steht hier ein für eine Weltsicht, die sich der Fortschritts-, Moral- und Vernunftgläubigkeit der hegelianisierenden Tradition entgegenstellt. Die Bezugnahmen Brechts auf Nietzsche, auch in seiner „reifen“ Zeit, sind vielfältig: Sie erstrecken sich „auf den aphoristischen Stil, Denkinhalte und Denkformen, ein Denken in ständigen Umkehrungen, Sprüngen, Widersprüchen, überraschenden Wendungen und Gegenentwürfen“.20 Man könnte sagen, dass der Marxist Brecht gleichsam den traurigen Blick des Melancholikers hat, der sich selbst noch einmal nietzscheanisch spielend im Spiegel sieht. 

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