Brecht lesen – Gesichter und Aspekte

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Allen Ideen von der Machbarkeit der Geschichte zum Trotz erfährt der einzelne Mensch den Geschichtsprozess immer als naturwüchsige Gewalt und Maschinerie. Das Subjekt bleibt eingebunden in eine wie immer ideologische, so doch unvermeidliche Fremdheit gegen die Geschichte. Dies ist der Punkt, an dem Louis Althusser seine Brechtdeutung angesetzt hat. Statt sich, wie viele marxistische und aufgeklärte Interpreten Brechts es tun, über den Einfluss des „antihumanistischen“ Nietzsche auf Brecht zu erregen, scheint es nützlicher, die Frage aufzuwerfen, ob Brecht nicht in Marx und Nietzsche differierende, aber doch verwandte Möglichkeiten gesehen hat, die idealistische Valorisierung des Individuums zu destruieren. Marx erkannte bekanntlich im menschlichen Subjekt den Schnittpunkt, das „Ensemble“ der gesellschaftlichen

Verhältnisse; wie Freud fand, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause sei, so entdeckte auch Nietzsche im bewussten Subjekt einen labilen Regenten, der das, was in seinem Reich, dem Leib-Psyche-Raum, geschieht, nicht völlig überblickt. Marx und Nietzsche lieferten mit Freud die Voraussetzungen für die Erkenntnis der sozialen Determiniertheit, der triebbestimmten Dunkelheiten und der Pluralisierung des Subjekts – sämtlich Motive, die man bei Brecht vorfindet. Zu behaupten wäre, dass Brecht in allen dreien, jedenfalls aber in Nietzsche und Marx Ingredienzien für ein materialistisches Denken vorfand. Wenn Brecht formulieren konnte, dass das Ich ein immerwährend zerfallendes und neu sich bildendes Atom sei, so verdankt solche Erkenntnis sich Nietzsche ebenso wie Marx.

„Neu beginnen kannst du mit dem letzten Atemzug.“ Sinnvoll sind solche auf den ersten Blick absurden und doch für Brecht überaus bezeichnenden Sätze nicht empirisch, sondern als Ausdruck für eine Sehweise, die jeden Zeitpunkt als Anfang erfährt, als ein mögliches Beginnen, als ein Ereignis, das durch seine Diskontinuität gegen das, was vorangeht, ausgezeichnet ist. Wenn ein Philosoph wie Alain Badiou das Politische geradezu definiert durch das Motiv des Beginnens und das Subjekt als ein „Ereignis“, sofern es jenseits aller Determination in jedem Moment das Unerwartete tun kann, so könnte er sich für solche Ideen mit vollem Recht auf Brecht berufen. Brechts Schreiben wandte sich sein Leben lang gegen die Eingemeindung des Lebens in die Logik. Immer wieder pointierte er den Widerstand des Körpers gegen den Begriff: Man erkennt dieses Motiv in der Forderung nach dem ausgelebten Sexus im Frühwerk, in der Insistenz auf das „Jetzt“ des jungen Genossen der Maßnahme, im Bauch des Galilei oder auch dem Bauch des Guten Menschen von Sezuan, wo es ja die Schwangerschaft ist, die das Doppelspiel der guten Shen Te und des bösen Shui Ta zum Platzen bringt. Brechts Kritik richtet sich gegen die Vergottung der Logik und ebenso gegen den Fetisch logischer Zwangsgesetze der Geschichte. 

Bei Nietzsche geht es im Begriff des Dionysischen um den Widerstand gegen alle moralische Weltverneinung. So fürchterlich die Wirklichkeiten sein mögen, denen wir begegnen, wir dürfen bei aller Kritik nicht das fundamentale Jasagen zur Welt vergessen. (Das war Nietzsches Kritik an den revolutionären Kommunisten, dass sie zugunsten einer idealen Zukunft die Welt, die es gab, die existierende gegenwärtige Welt entwerteten.) Brecht konnte ein solches Ja von Nietzsche lernen, ohne dass dies seinen Materialismus gefährdet hätte. So wie schon Lukrez die Menschen von der Angst befreien wollte, indem er die Sterblichkeit der Seele bewies, so bestand Nietzsche darauf, dass es nur diese eine Welt des Werdens gäbe. Das ließ sich Brecht nicht zweimal sagen, als er zum Beispiel im Schlussgesang der Hauspostille das Lied gegen Verführung schrieb:

Laßt euch nicht verführen!

Es gibt keine Wiederkehr.

Der Tag steht in den Türen;

Ihr könnt schon Nachtwind spüren.

Es kommt kein Morgen mehr.

Laßt euch nicht betrügen!

Das Leben wenig ist.

Schlürft es in vollen Zügen!

Es wird euch nicht genügen.

Wenn ihr es lassen müßt!21

Der späte Brecht fügt hinzu:

Außer diesem Stern, dachte ich, ist nichts und er

Ist so verwüstet.

Er allein ist unsere Zuflucht und die sieht so aus.22

Die Einheit von Jasagen zur Welt und radikaler Kritik am Bestehenden ist ein Widerspruch, den Brecht in seinen Texten nicht auflöst, sondern immer neu artikuliert. Er war einverstanden mit allem, was wird. Dieses Werden aber war bei Brecht auch in den kämpferischsten Zeiten nie so recht nach dem Herzen der Hegelianer (auch unter den Marxisten), man denke an die wiederkehrende Formel „Gebt sie auf!“ im Badener Lehrstück:

Wenn ihr die Welt verändert habt,

Verändert die veränderte Welt,

Gebt sie auf!23

Die Dialektiker hätten hier gern ein „Hebt sie auf!“ gehört und es kann kein Zufall sein, dass Brecht sich so nah an die Formel der Dialektik heranbegibt, um sie dann so auffällig zu meiden. Für ihn gibt es ein destruktives Werden ohne begrifflich vorgeplante Aufhebung. Das gemahnt eher an Heraklits Fließen und an Nietzsches Versuch, das Werden zu denken, als an die idealistische Dialektik.

Tatsächlich gibt es ungeachtet des fortwährenden Gebrauchs des Worts Dialektik bei Brecht in seinem Denken eine direkte unmissverständlich antidialektische Geste.

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