Brecht lesen – Gesichter und Aspekte

von

Die Trauer den Denkenden

 

Kalifornischer Herbst

 

1

In meinem Garten

Gibt es nur immergrüne Pflanzen. Will ich Herbst sehn

Fahr ich zu meines Freundes Landhaus in den Hügeln. Dort

Kann ich für fünf Minuten stehn und einen Baum sehn

Beraubt des Laubs, und Laub, beraubt des Stamms.

2

Ich sah ein großes Herbstblatt, das der Wind

Die Straße lang trieb, und ich dachte: schwierig

Den künftigen Weg des Blattes auszurechnen!28

Das Gedicht speist sich aus den Eindrücken und Gefühlen des Autors im Exil, doch es geht offenbar über den Anlass dieser Gelegenheit hinaus und spricht von einer allgemeineren menschlichen Erfahrung, die mit der Herbstlandschaft der Trauer einhergeht. Es gibt wenige Gegenstände in Brechts Schaffen, bei denen er so deutlich seine persönliche Abneigung erkennen lässt, wie gerade die kalifornische Landschaft. Sie hat gewiss viel abbekommen von der ungeduldigen Unzufriedenheit des Dichters mit seiner persönlichen Situation, in der er sich mehrfach isoliert gefühlt haben dürfte: allein ohne Publikum; in der ästhetisch-sozialen Fremde der USA, wo seine Kunst auf vollkommenes Unverständnis stieß; zudem so gut wie ohne Verdienstmöglichkeiten innerhalb des Kreises der Emigranten, die es zum Teil durchaus zu – vermutlich ein wenig beneidetem – Wohlstand brachten.

Im ersten Teil des Gedichts porträtiert sich ein Ich, das sich im „Herbst“ erlebt, jenseits des guten Sommers, schon mit der Vorahnung auf den Winter, den Tod. Es spricht von seinem „Garten“, der im Gegensatz zum reicheren Landhaus des ungenannten Freundes in den Hügeln wohl einem eher bescheidenen Haus zugehört, vielleicht einem wie dem, das die Brechts in Santa Monica bewohnten. Der Garten ist durch Zeilensprung abgesetzt, um diesen Gegensatz zur Geltung zu bringen, zwischen dem bescheidenen Stück Land, das das seinige ist, und dem reicheren Landhaus in den Hügeln. Darin „[g]ibt es nur immergrüne Pflanzen“. Das ist zum einen der Hinweis auf die kalifornische Fauna, in der es wegen des ganzjährig sonnigen Wetters kaum eine Wahrnehmung der Jahreszeiten gibt. Dieser von vielen als angenehm empfundene Umstand wird aber ganz und gar nicht als positiv dargestellt. Die Wendung weist vielmehr durch das Wort „immergrün“ auf eine typische Friedhofspflanze hin. Der immergrüne Anblick erweist sich als Todesbild. Warum aber? Weil das Ich im Herbst auch „Herbst sehn“ will. Das dürfte sich nicht allein auf die Farben beziehen, die leuchtenden Herbstfarben im Unterschied zum dauernden Grün (das ja auch als Farbe der Verwesung und des Absinths bei Brecht und in der Lyrik eine Tradition hat), sondern vor allem auf den Wechsel der Jahreszeiten selbst, eines der großen Motive Brechts. Der Kalifornische Herbst entzieht der Wahrnehmung die Zeit, raubt ihr den Wechsel der Dinge, Untergang und Neuanfang. So steht das Gedicht von Anfang an im Zwielicht: einerseits Trauer über seine Lage, andererseits von Anfang an ein Widerstand gegen die Trauer über Vergänglichkeit, Herbstzeitlose.

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