Christian Grashof. Kam, sah und stolperte

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Andreas Döhler und Christian Grashof in „Warten auf Godot” von Samuel Beckett, Regie: Ivan Panteleev, Bühne und Kostüme: Mark Lammert, Ruhrfestspiele Recklinghausen und Deutsches Theater Berlin 2014, Foto: Arno Declair
Andreas Döhler und Christian Grashof in „Warten auf Godot” von Samuel Beckett, Regie: Ivan Panteleev, Bühne und Kostüme: Mark Lammert, Ruhrfestspiele Recklinghausen und Deutsches Theater Berlin 2014, Foto: Arno Declair

Während unserer Begegnungen ist Grashof fortwährend, wie man so sagt, in Fahrt. Er bringt Alexander Lang, der eine quälend lange Zeit im Krankenhaus liegt, Zeitungen und Zuspruch. Er probiert mit Studenten eine „Antigone“-Szene und kann einzig aufgebracht, distanzlos, porenoffen davon erzählen – denn es geht, wo er sich einlässt, immer um Alles oder Nichts. Akademiesitzungen, Akademieveranstaltungen – er ficht mit hoher Energie für den unakademischen Ton. Er hat tausend Arme, um seinen Tag zu skizzieren. Er fährt die heimische Katze zum Tierarzt. Er geht ins Bürgerbüro. Er beschwert sich im Kiez über fehlende Zeitangaben auf Parkverbotsschildern. Er bittet unhöfliche Polizistinnen um deren Dienstnummern.

Er geht abends in Repertoirevorstellungen des Deutschen Theaters und hat ein ziemlich sicheres Gespür dafür, wer von den mitspielenden Kollegen ihm hinterher aus dem Weg gehen wird, um auch der Wahrheit des Urteils aus dem Weg zu gehen. Er kommt zum Gespräch mit einem Basecap auf dem Kopf und sicherheitshalber einem Basecap im Rucksack – Verlustbefürchtung, umgeleitet in Vorsorge. Er wirtschaftet bei unseren Begegnungen mit Zetteln, die sich partout nicht ordnen lassen wollen. Er beschäftigt sich staunend mit Brechts Gedichtfassung vom Kommunistischen Manifest. Er hat jederzeit das so gute schlechte Gewissen, entweder diese Kollegin oder jenen Bekannten mal wieder zu lange nicht angerufen oder getroffen zu haben. Er ist ein gütiges und generöses, störrisches und streitfähiges Gemüt. Aufgewühlt – und da inmitten britisch trocken witzig. Die Schrecknisse der Welt nähren regelmäßig seine Not: poltern zu müssen, aber nicht wirklich etwas tun zu können.

Und: Er erzählt von seiner Frau – der Schauspielerin Grit Grashof-Riemer; sie spielte am Carrousel Theater, ist künstlerische Leiterin von „Wortschatz“ – gehörte vor über zehn Jahren zu den Gründerinnen dieses ersten Berliner Lese-Theaters für Kinder. Über sein eigenes Laienspiel in der Schule wird Grashof in unseren Gesprächen sagen: „Zwei Aufregungen also in der Schulzeit: Ich, der Christian, sehe beim Spiel einen ganz anderen im Spiegel, und ein Erwachsener beschäftigt sich derart mit einem Kind. Das war Zauber, den ich erlebte. Das war unwirklich, aber es geschah.“ Es ist, als schlüge sich da ein Bogen von der eigenen frühen Erfahrung zu Konzept und Kunst seiner Frau. Und wie er so erzählt, schlägt sich jener weitere Bogen, der eine Familie lebendig hält: von den Kunstdingen, naturgemäß hereingebracht, hin zum schönem Sinn fürs Praktische. Aber wie im Privatem Christian Grashofs Anteile am ganz Praktischen und am ganz Modernen sind, bleibt irgendwie ein Geheimnis. Wohl nicht zu wenig, aber auch gewiss nicht zu viel, dieser Anteil. Man geht heiter miteinander um. Als er im „Tod eines Handlungsreisenden“ monologisiert, flüstert im Publikum eine seiner beiden Töchter der Mutter zu: „Kommt da auch noch jemand anders?“

Grashofs Kunst, die Kultur seiner Ausstrahlung, ist die des verzweiflungstrotzigen Menschen, der quirlig, aufmerksam witzig, provokant wach bleibt in seinen Lebensbehauptungen. Behauptungen in Zeiten, in denen kein Funke mehr glüht vom Aufschwung der entscheidenden Dinge. Wir sind aufgeklärt, wir sind apathisch. Bei dem, was wir wissen, fragen wir uns fortwährend, wie wir es fertigbringen, dies Dasein zu leben, ohne zu versteinern. Manchmal freilich liest man ein Buch, hört eine Musik oder geht ins Theater oder trifft auf einen wie IHN – um auf den beinah töricht anmutenden Gedanken zu kommen, das Dasein trotzdem zu lieben. Auf der Bühne aufersteht dieser dumme, schöne, rettende Gedanke am stärksten in Schauspielern, deren Spielwelten so zu beschreiben wären, wie man diesen Christian Grashof beschreiben kann. Der auch gewieft abwartend sein kann, aber sich doch immer wieder hemmungslos hingeben muss an Situationen, die oftmals nur eines versprechen: Herzschmerzen zu verursachen. Dieser Künstler ist ein Beweis, was sein Gewerbe sich im Zeitalter des Schau-Marktes noch traut, zutraut an Ungeschütztsein. Er war nie ein Quotengarant, der sich Glanzrollen wie „Solitäre“ ansteckte und damit paradierte. Er denkt in Konstellationen. Er ist stets gefeit gewesen gegen die spezifischen Gefährdungen einer kultgierigen Mimen-Aura; dazu ist er zu bodenständig, vor allem fehlt ihm das notwendige Quantum Dummheit für diese um sich greifende Lebensart.

Dieser reizbare Mensch geht morgens nach wie vor gern in einen geschlossenen Raum ohne Fenster; künstliches Licht ersetzt im Theater und auf Probebühnen die Sonne; relativ schalldichte Wände schlucken den Tag weg; als des Lebens kundig gilt hier nur, wer es spielen kann, dies Leben.

„Der Dichter Volker Braun hat in einem Brief an Grashof spontan benannt, was ihm so Wunderbares an diesem Schauspieler auffällt: „... wenn deine Stimme in den erregtesten Sätzen zitternd lacht.“

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