- Anzeige -

Ästhetik und Gemeinsinn

Das unverminderte Faszinosum „Brecht“

von

II
Doch dann trat etwas ein, was sowohl meine literarischen Anschauungen als auch meinen späteren Lebensweg radikal verändern sollte. Statt als pro movierter westdeutscher Bildungsbürger eine Studienreferendarstelle am Wetzlarer Gymnasium anzutreten, nahm ich – mit der Absicht, ein frei schaffender Schriftsteller zu werden – im Februar 1956 ein Angebot des Ostberliner Akademie-Verlags an, mit dem 51 Jahre älteren, „gesamtdeutsch“ orientierten Kunsthistoriker Richard Hamann, der als sogenannter „Grenzgänger“ seit 1947 sowohl an der Marburger Philipps-Universität als auch der Ostberliner Humboldt-Universität lehrte,5 eine fünfbändige Kunst- und Kulturgeschichte von der Gründerzeit bis zum Expressionismus zu verfassen. Und damit hörte die Zeit des relativ planlosen Lesens, Klavierspielens, Chorsingens, Malens sowie Dramen- und Gedichteschreibens plötzlich auf. Was jetzt anstand, war ein großes kulturgeschichtliches Projekt, das mich zum ersten Mal mit einer Fülle bis dahin ungeahnter politischer, sozialer und wirtschaftsgeschichtlicher Probleme konfrontierte, die sich nur mit jenem jugendlichen Mut zur Unvollkommenheit bewältigen ließen, den man als 26-Jähriger noch in einem reichlichen Maße besitzt.
Als erstes Buch dieser Reihe nahm ich mir – nach Ostberlin übergesiedelt – den Band zum gesellschaftskritischen Naturalismus der späten achtziger und frühen neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts vor. Dabei tat sich mir eine völlig neue Welt auf. Schließlich hatte ich als westdeutscher Oberschüler und dann als Neugermanist noch nie Dramen von Gerhart Hauptmann und Arno Holz gelesen, wusste nicht, wer Émile Zola, Henrik Ibsen, Max Liebermann und Käthe Kollwitz, geschweige denn August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Franz Mehring waren, erfuhr, dass Bismarck die Gesetze gegen die „gemeingefährlichen Bestrebungen“ unter den „vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokraten erlassen hatte, und versuchte, mich über die von den Autoren und Malern dieser Bewegung gehandhabten Darstellungsweisen der proletarischen Milieuschilderung zu informieren. Dazu kamen die für dieses Thema zentralen Werke von Ferdinand Lassalle, Karl Marx und Friedrich Engels. Außerdem kaufte ich mir das 1954 in Ostberlin erschienene Werk Die Zerstörung der Vernunft von Georg Lukács, den ersten Band des Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch, mit dem Hamann halbwegs befreundet war, sowie die Veröffentlichungen zur Geschichte der deutschen Arbeiterklasse von Jürgen Kuczynski.
Nach Jahren eines geradezu anämischen Ästhetizismus und einer als existentialistisch verbrämten Egozentrik, die im Westen als Wesensformen einer modernen Verfreiheitlichung ausgegeben wurden, aber keinerlei welt - anschaulich konkrete Zielsetzungen enthielten, welche für die sozialen Ver hältnisse relevant gewesen wären, gab mir die Lektüre dieser Werke nicht nur ein besseres Verständnis für die politischen und sozioökonomischen Hintergründe des deutschen Naturalismus, sondern auch einen völlig neuen Realitätssinn. Plötzlich waren es weniger weltabgewandte, kunstautonome Dichtungen als vielmehr Epochenumbrüche, ideologische Polarisierungen und politische Entscheidungsprozesse, die mich interessierten, wenn auch immer noch unter subjektiv-idealistischer Perspektive, das heißt weitgehender Nichtbeachtung realpolitischer Erwägungen sowie der damit verbundenen Parteistrategien.
Zugegeben, all das „politisierte“ mich zwangsläufig, aber anfangs eher in wissenschaftlicher als in tagespolitischer Hinsicht. Welche ideologischen Erschütterungen im Jahr 1956 die Anti-Stalin-Rede Nikita Chruschtschows, der Ungarnaufstand und der Sturz Wolfgang Harichs in der DDR auslösten, nahm ich daher, zumal ich als westdeutscher Bildungsbürger weder Nachrichten hörte noch Zeitungen las, kaum wahr. Mir ging es trotz der durch den Naturalismus-Band ausgelösten Einsichten letztlich weiterhin vornehmlich um die „hohe Kunst“. Die wenige Zeit, die mir neben der Arbeit an der in Angriff genommenen Akademie-Reihe blieb, verwandte ich deshalb, um ins Theater, die Oper, in Symphoniekonzerte und zu Kammermusik abenden zu gehen, deren Besuch damals in Ostberlin, wie alles, was mit anspruchsvoller „Kultur“ zusammenhing, relativ preiswert war, um möglichst breiten Schichten der Bevölkerung – im Sinne der herrschenden Vollstreckertheorien, mit denen sich der Marxismus als Erbe aller großen Menschheitshoffnungen ausweisen wollte – einen Zugang zu den Werken der hohen Kunst ermöglichen zu können.
Was mich anfangs in Ostberlin besonders faszinierte, waren die von Walter Felsenstein inszenierten Aufführungen in der Komischen Oper, darunter Das schlaue Füchslein von Leoš Janáček, sowie die Wagnerschen Meistersinger von Nürnberg mit Theo Adam in der Staatsoper Unter den Linden. Doch auch alles, was damals im Deutschen Theater, der Volksbühne und dem Maxim Gorki Theater an Stücken von Shakespeare, Lessing, Goethe, Schiller und Hauptmann aufgeführt wurde, übertraf das, was ich bis dahin gesehen hatte, bei weitem. Allerdings verfeinerten die Aufführungen dieser Werke, die ich, wenn auch nicht so meisterlich inszeniert, schon in Kassel und Göttingen gesehen hatte, zu Anfang lediglich mein ästhetisches Empfindungsvermögen, ohne mir das Gefühl zu geben, in einem Staat mit grundsätzlich andersgearteten Kulturvorstellungen zu leben. Zum radikalen Umdenken in dieser Hinsicht zwang mich erst der Besuch des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm, wo ein mir noch unbekannter Autor namens Bertolt Brecht, der 1948 aus dem US-amerikanischen Exil auf dem Umweg über die Schweiz nach Deutschland zurückgekehrt war, fast ausschließlich seine als „sozialistisch“ ausgegebenen Dramen aufführen ließ.

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Hacken für das Theater

Die CyberRäuber kreieren Hyperbühnen, in denen sich virtuelle und erweiterte Realität sowie künstliche Intelligenz mit konventionellem Theater verbinden

Stimmen, die auf Geschichte warten

Ole Hübner, Thomas Köck und Michael von zur Mühlen über ihr Musikheaterprojekt „opera, opera, opera! revenants & revolutions“ im Gespräch mit Dorte Lena Eilers

Erste Hilfe?

Programme für freie Künstlerinnen und Künstler in der Coronakrise – Janina Benduski vom Bundesverband Freie Darstellende Künste im Gespräch mit Patrick Wildermann

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler