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Ästhetik und Gemeinsinn

Das unverminderte Faszinosum „Brecht“

von

III
Und ich war als „Westler“, dem Begriffe wie „episches Theater“, „Materialwert“, „Verfremdungseffekte“ oder gar „sozialistischer Realismus“ noch weitgehend unvertraut waren, erstaunt, welch hohen ästhetischen Reiz die dort aufgeführten Werke – trotz ihres politischen Bekenntnischarakters – hatten. Was hier über die Bühne ging, war keineswegs dogmatisch oder lehrhaft gemeint, ging nicht ins Schönfärberische über, begnügte sich nicht mit irgendwelchen SED -Parolen oder personenkultischen Vorstellungen der stalinistischen Vergangenheit, mit denen man die Mehrheit des Publikums lediglich gelangweilt hätte, sondern versuchte ihm klar zu machen, welche Mühen es beim Umbau der Gesamtgesellschaft zu überwinden habe, um endlich jene „Bewohnbarmachung der Erde“ zu erreichen, in der sich das kapitalistische „Reich der Notwendigkeit“ in das sozialistische „Reich der Freiheit“ verwandeln würde.
In fast allen diesen Stücken ging es daher um in der Vergangenheit oder der Gegenwart stattfindende Auseinandersetzungen, die nicht auf „einfache Lösungen“ hinausliefen, sondern eher den mühsamen, von vielen Widersprüchen und Konflikten durchzogenen Gesamtverlauf der gesellschaftlichen Entwicklung herausstellten, und das in einer zwar einfachen, aber zugleich höchst kunstbewussten Sprachgebung, die selbst ein ästhetisch verwöhntes Ohr nicht unbeeindruckt ließ. Überwältigt von den dort erlebten Eindrücken, die alles in den Schatten stellten, was ich zuvor in anderen Theatern gesehen hatte, ließ ich mir daher zwischen Frühjahr 1956 und November 1957 für wenige Ostmark keine der dortigen Inszenierungen entgehen, das heißt sah neben der allerseits gerühmten Mutter Courage und ihre Kinder auch Die Mutter, Leben des Galilei, Der kaukasische Kreidekreis, Pauken und Trompeten, Der Held der westlichen Welt, Winterschlacht, Hirse für die Achte und Der Tag des großen Gelehrten Wu, in denen hochbedeutsame Schauspieler und Schauspielerinnen wie Ernst Busch, Norbert Christian, Friedrich Gnaß, Angelika Hurwicz, Wolf Kaiser, Agnes Kraus, Regine Lutz, Käthe Reichel, Ekkehard Schall und Helene Weigel die Hauptrollen spielten. Ja, einmal durfte ich – auf Vermittlung von Wolfgang Heise, mit dem ich das Manuskript meines Naturalismus-Bandes durchgesprochen hatte – sogar an einer von Erich Engel und Helene Weigel geleiteten Probe von Der gute Mensch von Sezuan teilnehmen.
All das waren Aufführungen von einer solchen Eindringlichkeit, dass ich sie noch heute – über sechzig Jahre später – vor meinem inneren Auge wie eine Reihe von Dokumentarfilmen vorübergleiten sehe. Im Vergleich zu den dort über die Bühne gehenden Stücken erschienen mir damals fast alle anderen Werke zeitgenössischer Dramatiker, ob nun von Friedrich Dürren matt, Max Frisch oder Peter Hacks, zwar „achtbar“, aber nicht wirklich richtungsweisend. Also kaufte ich mir alle Einzelausgaben der Brechtschen Stücke, weiterhin fasziniert von ihrem ästhetischen Reiz, aber auch von ihrer mich immer stärker beeindruckenden politischen Aussagekraft und einem Realitätssinn, dem ein universales Weltverständnis zugrunde lag, das ich bis dahin nicht einmal in Ansätzen besessen hatte.
Doch bevor ich daraus irgendwelche Konsequenzen ziehen konnte, wurde mein Lebensgang abermals jäh durchbrochen. Nachdem schon mein Naturalismus-Band bei einigen SED-Kulturfunktionären auf erheblichen Widerstand gestoßen war und nur durch das mutige Eingreifen Hans Mayers in den Druck gehen konnte,6 fand der als einflussreicher Kritiker gefürchtete Alfred Kurella mein danach geschriebenes Manuskript zu dem folgenden Impressionismus-Band nicht „marxistisch“ genug, was dazu führte, dass ich im November 1957 aus der DDR ausgewiesen wurde.7 Lediglich Ludolf Koven, der Leiter des Akademie-Verlags, hielt nach wie vor zu mir und bat mich eindringlich, das angefangene Projekt nicht aufzugeben, ja, er versprach mir sogar, heimlich Vorschusszahlungen in Westgeld überweisen zu lassen, um mit dem Band Stilkunst um 1900 zu beginnen und zugleich das unvollständige Manuskript Richard Hamanns zu dem Band Gründerzeit zu überarbeiten.
Also saß ich wenige Tage später wieder im westdeutschen Marburg: fern der DDR, fern vom Berliner Ensemble, fern vom Akademie-Verlag, weiterhin in einem fast eremitenhaften Zustand an meiner groß geplanten Kulturgeschichte des wilhelminischen Zeitalters arbeitend. Als erstes hielt ich dort vor einer germanistischen Studentengruppe einen Vortrag unter dem Titel „Bertolt Brecht und das Berliner Ensemble“, von denen fast niemand etwas wusste. Als mein früherer Doktorvater davon hörte, erklärte er lediglich halb ironisch, halb abschätzig: „Ja, aber wer ist denn dieser Herr Brecht?“ Doch davon ließ ich mich nicht beirren. Das Akademie- Projekt, die gesamtdeutsche Haltung Hamanns sowie das Berliner Ensemble blieben auch weiterhin die zentralen Leitsterne meiner Existenz. Und das bewirkte, dass ich in der damaligen, der Ideologie des Kalten Kriegs verpflichteten BRD eine Anstellung als akademischer Assistent oder Bibliothekar nur dann bekommen hätte, falls ich sowohl meine Beziehung zum Ostberliner Akademie-Verlag aufgegeben als auch meine bekennerische Haltung zu Brecht verleugnet hätte. Weil ich mich zu beiden nicht entschließen konnte, wurde ich überall abgewiesen und musste weiterhin von den wenigen Westmark leben, die ich von Ludolf Koven erhielt. Um jedoch nicht jedes Jahr in überstürzter Hast ein neues Buch schreiben zu müssen, sah ich mich aufgrund dieser Situation – ohne irgendwelche Zukunftsaussichten – schließlich im Sommer 1958 gezwungen, eine Assistenzprofessur an der University of Wisconsin in Madison anzunehmen, die irgendwo auf der anderen Seite des Planeten lag, wie ich auf einer alten Landkarte entdeckte.

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