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Eine Deklination des Zukünftigen

Text und Rahmen und eine kleine Liste des Ungeschriebenen

von

Bin ich jetzt eben dabei, ein absurdes Alleinstellungsmerkmal aufzumachen? So in der Art: Ich kann nur langsamer! Dann sollte ich hier vielleicht wirklich ausschließlich über Märkte sprechen. Anscheinend komme ich ja aus dem Marktdenken nicht raus, es hält mich fest, das Messen und Vergleichen, der Druck, der mich zur ständigen Sichtbarkeit zwingt.

Freilich, dies ist nicht nur mein Problem: Andere Kollegen haben das erkannt und haben sich formiert: DramaTisch hieß ein Versuch, ein Zusammenschluss, der eine Zeit lang Manifeste und Erklärungen abgab und gegen die schlechten Arbeitsbedingungen und geringen Honorare protestierte.15 Doch was ist aus ihm geworden? War es nur der in diesem Fall abwegige Versuch einer Kartellbildung? Mist, schon wieder im Marktdenken gelandet! Sie sehen, aus dieser Marktumschlingung komme ich nicht raus. Dabei funktioniert Literatur ganz gewiss nicht nach dem Konkurrenz- und Effizienzprinzip, zumindest nicht alleine, sie folgt genauso gut der Logik der Gabe, des Potlatches und des Überflusses, sie ist ein Versuch der commons, des Gemeinschaftsbesitzes, der von der in dieser gesellschaftlichen Ordnung notwendigen, da verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Urheberrechtsidee sowie von dem Geniegedanken oder dem bürgerlichen Subjektkonzept durchkreuzt wird. Mit dem radikalen Marktdenken kommt man da nicht weiter.

Aber auch mit der wirklichen Wirklichkeit komme ich nicht weiter. Das heißt, ich bin eine ganze Weile mit ihr weitergekommen, doch derzeit herrscht Wirklichkeitsstopp auf meinem Schreibtisch, eine Auszeit, da ist die Pausentaste gedrückt, bis ich wieder loslegen möchte, denn da war zu viel wirkliche Wirklichkeit in den letzten drei Jahren und zu wenig Zeit für ästhetische Gedanken, obwohl ich weiß, dass das nicht aufgeht. Nach über zehn Jahren intensivster Recherchetätigkeit fürs Theater ist doch längst klar: Ich brauche die Verzettelung in der Recherche, da komme ich nicht drumherum (warum wirken die Recherchen der anderen so viel unverzettelter?), ich brauche die Distanz zum Material, ich brauche Theorie und systemische Überlegungen sowie ästhetische Impulse, ich brauche mein Interesse, meine ästhetische Herkunft. Das bläst ein Vorhaben zeitlich unheimlich auf. Für den derzeitigen Theaterbetrieb ungeeignet, und so wurde es gerade bei der letzten Produktion, Der Lärmkrieg,16 verführerisch, gewisse Abkürzungen zu nehmen. Die Abkürzungen führten zu dem, was dann eben schnell Dokumentartheater genannt wird – wobei ich absolut kein Dokumentartheater machen möchte, nein, ganz und gar nicht, denn das erzeugt nur Missverständnisse – kurz: Es entstand ein Theaterabend, an dem das durchaus brisante Recherchematerial hörbar wurde, während die ästhetische Setzung eher im Hintergrund blieb.

Ich muss mich also wieder entkoppeln, muss einen Schritt raustreten aus diesem Theaterbetrieb, aus den Erwartungen, den plötzlich entstandenen. An mich selbst. Insofern Stopptaste, Pausenzeichen. Raustreten und mich vielleicht fragen, warum meine interessantesten Stücke auch Prosavorhaben sind oder an anderen Arbeiten dranhängen? Doch diese Frage, unterbreche ich mich selbst, ist strategisch zu Beginn einer Dramatikerpoetikvorlesung schlecht, man verabschiedet sich doch nicht gleich zu Beginn aus dem Theaterbetrieb, man zieht doch nicht gleich auf Seite 18 sich selbst in Zweifel, da ist es doch besser, mit der Liste des Ungeschriebenen weiterzumachen (...).

Aus S. 11-18.

1Am 02.04.2014 luden das Österreichische Bundeskanzleramt und die Kontaktstelle Creative Europe Desk Austria unter dem Titel Bleibt alles beim Alten? Oder doch alles neu? in die Urania Wien zur Auftaktveranstaltung zum neuen EU-Rahmenprogramm für die Kultur in Europa für die Jahre 2014 bis 2020, Creative Europe. „Rund 200 Kunst- und Kulturschaffende, ProduzentInnen und VertreterInnen von Interessensverbänden und Institutionen“ besuchten die Konferenz (vgl. www.ccp-austria.at/view.php?id=453), auf der u. a. der Österreichische Kulturminister Josef Ostermayer und Kathrin Röggla (Die fehlende Zeit. Über Kunst und Markt) sprachen und eine Grußbotschaft von Androulla Vassiliou publik gemacht wurde.

2Claudia Lenssen: Liste des Unverfilmten. In: Alexander Kluge (Hg.): Bestandsaufnahme: Utopie Film. Zwanzig Jahre neuer deutscher Film / Mitte 1983. Frankfurt/M.: Zweitausendeins 1983, S. 240–256.

3Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2007.

4Peter Handke: Die Stunde da wir nichts voneinander wußten. Ein Schauspiel. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1992; UA: 09.05.1992 / Theater an der Wien / Regie: Claus Peymann.

5Vgl. Philippe Quesne / Vivarium Studio: D’Après Nature (dt: Nach der Natur); UA: 09.01.2006 / Théâtre de la Bastille, Paris / Regie: Philippe Quesne.

6Eine Beschreibung des Stücks, das während des Festivals Belluard Bollwerk International am 24.06.2011 im Bollwerk in Fribourg uraufgeführt wurde, bietet Forced Entertainments Webseite: „[Tomorrow’s Parties] imagines a multitude of hypothetical futures. On a makeshift fairground stage, wreathed in coloured lights, two performers speculate about what tomorrow might bring. Exploring utopian and dystopian visions, science fiction scenarios, political nightmares and absurd fantasies, the audience is carried along on a flowing tide of dreams and conjecture. Sometimes collaborative, sometimes competitive the two performers exaggerate, contradict and invent, as their playful suppositions take them in different directions. Tomorrow’s Parties is Forced Entertainment in intimate and comical mode – a playful, poignant and at times delirious look forwards to futures both possible and impossible“ (www.forcedentertainment.com/page/144/Theatre-Performances/132).

7Gemeint ist Life and Times, dessen erste Episode am 07.09.2009 im Kasino des Burgtheaters Wien uraufgeführt wurde. Für eine Selbstbeschreibung des 2014 noch nicht abgeschlossenen Projekts vgl. http://oktheater.wordpress.com/ok-theater2/: „Life and Times is a planned 10 episode project, generated from a single question, which director Pavol Liska asked of company member Kristin Worrall: ‚can you tell me your life story?‘ […] When Pavol called Kristin, she talked for 2 hrs and was still not done talking, so they made plans to call again, and again, and again – finally ten phone calls and 16 hours of recordings later – she had told us the story of her life. It was an incredibly generous and thoughtful answer, and we decided it deserved an equally generous and ambitious response by the company. Life and Times is […] divided into ten episodes, each of the episodes corresponds to a separate phone call. Episode 1 starts with birth and goes to age eight. Episode 2 is roughly 8–14. Episodes 3&4 tackle the period from 14–18, etc… although we do edit the material for length and some names are changed, we have committed to the actual transcripted text ‚as-is‘. We do not re-write the material or edit for sense or change the actual texture and nature of the language as spoken. With each episode we attempt to tackle a different formal challenge. For Episode 1, we work within the form of musical/opera and mass spectacle. Episode 2 we explore dance. Episodes 3&4 are dealing with theater and the genre of the ‚whodunit‘ or locked-room murder mystery. Episodes 4.5 & 5 explore drawing, painting, animated film, and book arts. Episode 6 will be radio, and so on“ (Stand: 22.08.2014).

8Vgl. Alexander Kluge / Joseph Vogl: Soll und Haben. Fernsehgespräche. Zürich / Berlin: Diaphanes 2009, S. 256.

9L’Abécédaire de Gilles Deleuze ist eine fast achtstündige Interview-Serie von Claire Parnet mit Gilles Deleuze, die von Pierre-André Boutang 1988 für das französische Fernsehen produziert wurde. Die Erstausstrahlung erfolgte 1996.

10UA: 06.02.2010 / Nationaltheater Mannheim / Regie: Marcus Lobbes; ED in: Kathrin Röggla: besser wäre: keine. Essays und Theater. Frankfurt/M.: S. Fischer 2013, S. 333–382.

11UA: 11.01.2013 / Staatstheater Stuttgart / Regie: Andres Veiel. Das Himbeerreich basiert auf Interviews mit ehemaligen und aktiven Bankern aus den Führungsetagen großer Finanzinstitute. Aus dem Gesprächsmaterial wurde der Spieltext für sechs fiktive Figuren generiert: fünf Investmentbanker, darunter eine Frau, sowie deren Chauffeur.

12Am 25.04.2013 fand im Akademietheater Prinzregententheater (München) unter dem Titel Von Neuem Handeln erstmals ein Akademietag der Bayerischen Theaterakademie August Everding zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk (Bayern 2) statt. Autoren, Theater- und Radiomacher sollten diskutieren, wie das Theater neues Handeln anstoßen und kritisch begleiten kann. Neben Vorträgen von Jörg Bochow, Mathias Greffrath, Hans-Werner Kroesinger, Kathrin Röggla, Hans-Thies Lehmann sowie Laura Schäffer und Jan Philip Steimel (machina eX) diskutierten u. a. Barbara Vinken und Klaus Zehelein zur Frage „Wie gestaltet Theater Gegenwart?“

13Carl Hegemann kam zur Spielzeit 2011/2012 als Dramaturg an das Thalia Theater Hamburg. Im November 2011 lud das Thalia Theater, auch auf Hegemanns Initiative, das Publikum zur Beteiligung an der Spielplangestaltung ein. In der Pressemitteilung vom 03.11.2011 hieß es: „Spielplanwahl für die Saison 2012/2013. Das Publikum macht Vorschläge. Wir nehmen sie an. Partizipation ist erwünscht am Thalia Theater, mehr denn je. Bis zum 16. Dezember bietet es seinen Zuschauern eine einzigartige Möglichkeit: Sie können den Spielplan für die Saison 2012/2013 mitbestimmen. Vier Positionen der acht Neuinszenierungen sind frei wählbar. Es gibt lediglich eine Einschränkung: Das gewünschte Stück oder auch die Roman- oder Filmvorlage darf in den vergangenen fünf Jahren nicht im Thalia-Programm gespielt worden sein. […] Eine der vier Inszenierungen unterliegt dem Minderheitenschutz, das bedeutet, ein besonders origineller oder wichtiger Vorschlag wird unabhängig von der Stimmenzahl ausgewählt. Die Teilnahme ist per Post und Urnenwahl […] oder per Mail spielplan@thalia-theater.de möglich. Ab dem 4. November kann die Wahl beginnen.“ (Ursula Steinbach: Pressemitteilung – Spielplanwahl für die Saison 2012/2013. Hamburg, 03.11.2011; online: www.thalia-theater.de/uploads/Spielplanwahl_2012_2013.pdf). Zur Debatte um die Abstimmung vgl. u. a.: Carl Hegemann/ Joachim Lux/Armgard Seegers: Darf Publikum über Theater entscheiden? Deutschlandpremiere: Das Thalia-Theater lässt Zuschauer über Teile des Spielplans abstimmen. Ein Streitgespräch über Sinn und Unsinn der Aktion. In: Hamburger Abendblatt v. 12.12.2011; Till Briegleb: Von wegen Schwarmintelligenz. Das Hamburger Thalia Theater hat öffentlich über seinen Spielplan abstimmen lassen – das Ergebnis ist ein Reinfall. In: Süddeutsche Zeitung v. 20.12.2011.

14In L’Invention du Quotidien (1980; dt.: Kunst des Handelns), einer soziologischen Theorie des Alltagslebens und des Verbraucherverhaltens, untersucht Michel de Certeau (1925–1986) grundlegende Techniken, Tricks, Finten und Listen von Verbrauchern, die die Alltagskultur etablieren.

15Vgl. das als pdf zugängliche Material zu Schleudergang neue Dramatik. Symposium zur Zukunft der zeitgenössischen Dramatik vom 09. bis 11. Oktober 2009 im Haus der Berliner Festspiele (http://archiv2.berlinerfestspiele.de/media/2010/theatertreffen_4/schleudergang/schleudergang09_material.pdf), unpag. Bl. 6: „2008 fanden die ersten frei und unabhängig vom öffentlichen Theaterbetrieb organisierten DramaTischTage im Orphtheater in Berlin statt. Seit Herbst 2007 beschäftigen sich die Autoren Katharina Schlender, Rolf Kemnitzer und Andreas Sauter intensiv und engagiert mit den Arbeitsbedingungen zeitgenössischer Dramatiker. Sie forderten – im Namen aller Autoren – ‚mehr Pflege‘ und formulierten zehn vornehmlich an die Theater gerichtete Forderungen, um die Arbeitsbedingungen der Autoren zu verbessern: ‚10 Wünsche für ein zukünftiges Autorentheater‘.“ Das Manifest findet sich unter: www.nachtkritik.de/index.php?id=447:10-wuensche-fuerein-kuenftiges-autorentheater-mit-der-bitte-um-unterschrift-und-unterstuetzung&option=com_content&Itemid=84).

16UA: 03.10.2013 / Schauspiel Leipzig / Regie: Dieter Boyer; bisher ungedruckt.

17Lenssen: Liste (1983), S. 244.

18Vgl. Roland Barthes: Die Lust am Text. Aus d. Frz. v. Traugott König. 6. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1990, S. 13.

19„Ich glaube grundsätzlich, daß Literatur dazu da ist, dem Theater Widerstand zu leisten. Nur wenn ein Text nicht zu machen ist, so wie das Theater beschaffen ist, ist er für das Theater produktiv oder interessant.“ Heiner Müller: Literatur muss dem Theater Widerstand leisten. Ein Gespräch mit Horst Laube über die Langweiligkeit stimmiger Stücke und eine neue Dramaturgie, die den Zuschauer bewußt fordert. In: Ders.: Werke. Bd. 10: Gespräche 1: 1965–1987. Hg. v. Frank Hörnigk. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008, S. 52–73, hier S. 57.

20Herbert Fritsch: Ohne Titel Nr. 1. Eine Oper. UA: 22.01.2014 / Volksbühne Berlin / Regie: Herbert Fritsch.

21Premiere: 27.10.2013, Schauspielhaus Stuttgart. Die anonyme Kritik auf nachtkritik.de notierte etwa: „Der Stillstand dieser Tschechow’schen Gesellschaft, die sich da auf einem Landgut um einen mediokren Professor schart (den Elmar Roloff mit zerquälter Kraft vor dem Klischee der Witzfigur bewahrt), wird in mitunter nervtötender Langsamkeit zelebriert“ (www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8681%3Aonkelwanja-&catid=39%3Aschauspiel-stuttgart&Itemid=99).

22Frank M. Raddatz: Erobert euer Grab! Die Zukunft des Theaters nach der Rückkehr aus der Zukunft. In: Lettre International Nr. 104, Frühjahr 2014, S. 84–91.

23Raddatz: Grab (2014), S. 88.

24Heiner Müller: Ein Gespräch zwischen Wolfgang Heise und Heiner Müller. In: Ders.: Werke. Bd. 10: Gespräche 1: 1965–1987. Hg. v. Frank Hörnigk. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008, S. 496–521, hier S. 514. Raddatz zitiert diese Passage in: Raddatz: Grab (2014), S. 88.

25Raddatz: Grab (2014), S. 88.

26Bernd Stegemann: Kritik des Theaters. Berlin: Theater der Zeit 2013.

27Ijoma Mangold / Thomas Oberender: „Die alten Schemata greifen nicht mehr“. Steht die Kultur vor dem Kollaps? Ein Gespräch mit Thomas Oberender, dem Intendanten der Berliner Festspiele, über Etats, Konzepte und Arbeitsbedingungen. In: Die Zeit (49/2003) v. 08.12.2013.

28Mangold / Oberender: Schemata (2013).

29Raddatz: Grab (2014), S. 88.

30Vgl. Alexander Kluge: Gelegenheitsarbeit einer Sklavin. Zur realistischen Methode. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1975, S. 216: „Ein Verehrer der Wirklichkeit läßt diese, wie sie ist, geht z. B. darin spazieren, ‚lebt‘. Scheinbar hat er eine kongruente Beziehung – es kommt zu keinem Protest. Das ist jedoch ein Irrtum. […] Das Motiv für Realismus ist nie Bestätigung der Wirklichkeit, sondern Protest.“

31Roland Barthes: Die Vorbereitung des Romans. Vorlesung am Collège de France 1978–1979 und 1979–1980. Hg. v. Éric Marty. Texterstellung, Anmerkungen u. Vorwort v. Nathalie Léger. Aus d. Frz. v. Horst Brühmann. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008, S. 237–240.

32UA: 16.10.2002 / Volkstheater Wien / Regie: Tina Lanik; ED: Dies.: fake reports. In: Theater, Theater. Aktuelle Stücke 13. Hg. v. Uwe B. Carstensen u. Stefanie von Lieven. Frankfurt/M.: S. Fischer 2003, S. 387–434.

33Vgl. Stegemann: Kritik (2013), S. 95 u. a.: „Im griechischen Begriff der Mimesis ist die Dialektik von Nachahmung, Darstellung und Ausdruck bedacht. Erst die römische ‚Imitatio‘ vereinfacht sie zu einer Spiegelung der Realität“.

34Die Formulierung Stegemanns lautet im Detail: „Wenn man heute Theater macht, stellt sich die Frage: Welchen Weg muss man in einer Probenarbeit beschreiten, damit das, was am Ende auf der Bühne den Abend strukturiert, mehr ist als die Bestätigung der ästhetischen Intelligenz der Zuschauer? Denn das wäre eine zutiefst affirmative Geste, die allein ein bestimmtes Selbstbild feiert. Dieses Selbstbild ist das des Eigentümers. Eines Eigentümers an seinen eigenen seelischen Fertigkeiten, seiner eigenen Bildungsgeschichte, also seiner Stellung in der Gesellschaft und seiner Stellung innerhalb des Regimes des Kapitalismus. Diesem Narzissmus gegenüber dem eigenen symbolischen und realen Kapital wird gehuldigt, wenn auf der Bühne Ereignisse produziert und vorgeführt werden, die die Wahrnehmungsfähigkeit des Zuschauenden oszillieren lassen. Er fühlt sein Fühlen, er hört sein Hören, er wird sich seiner Komplexität behaglich bewusst.“ In: Frank M. Raddatz / Bernd Stegemann: Das Ende der Versöhnung. Schuld, Schmerz und Widersprüche sicht- und fühlbar zu machen ist die Zukunftsaufgabe des Theaters. Ein Gespräch. In: Theater der Zeit 4/2014, S. 26–27.

35Während des Akademietags im Prinzregententheater in München im Frühjahr 2013 (s. Anm. 12).

36Vgl. etwa Milo Rau: Die Zürcher Prozesse / Die Moskauer Prozesse. Berlin: Verbrecher Verlag 2014, sowie: Ders.: Hate Radio. Berlin: Verbrecher Verlag 2014.

37Vgl. etwa: Rimini Protokoll: ABCD. Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik. Hg. v. Johannes Birgfeld. Berlin: Theater der Zeit 2012.

38Barthes: Vorbereitung (2008), S. 239.

39Anonymus: Vorwort. In: Heinrich Geiselberger / Tobias Moorstedt (Redaktion): Big Data. Das neue Versprechen der Allwissenheit. Berlin: Suhrkamp 2013, S. 7–20, hier S. 12.

40Barthes: Lust (1990), S. 46.

41Vgl. Markus Metz / Georg Seeßlen: Blödmaschinen: Die Fabrikation der Stupidität. Berlin: Suhrkamp 2011, sowie: Dies.: Kapitalismus als Spektakel: Oder Blödmaschinen und Econotainment. Berlin: Suhrkamp 2012.

42Vgl. zu dem Projekt Ausländer raus! Schlingensiefs Container im Rahmen der Wiener Festwochen 2000: Matthias Lilienthal / Claus Philipp: Schlingensiefs Ausländer raus. Bitte liebt Österreich. Dokumentation. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2000.

43Deleuze zitiert hier Marcel Prousts Contre Sainte-Beuve (ED 1954; dt.: Gegen Sainte-Beuve), vgl. Gilles Deleuze: Kritik und Klinik. Aus d. Frz. v. Joseph Vogl. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2000, S. 7.

44Deleuze: Kritik (2000), S. 16.

45Alexander Kluge: Intimität. Lob der Mündlichkeit. In: Bund der Kriegsblinden Deutschlands/Filmstiftung Nordrhein-Westfalen (Hg.): HörWelten. 50 Jahre Hörspielpreis der Kriegsblinden 1952–2001. Red.: Hans-Ulrich Wagner u. Uwe Kammann. Berlin: Aufbau 2001, S. 222–224.

46Vielleicht ausgehend und geschult von dem, was Heiner Goebbels in seiner Ästhetik der Abwesenheit beschreibt, die er und Künstler wie Robert Wilson aber rein immanent ästhetisch entwickelt haben. Ich gehe da mittlerweile sozusagen inhaltlicher ran. Meine Abwesenheiten haben eine politischere Funktion, aber da steckt auch ein Generationenproblem dahinter. Bei Heiner Goebbels zumindest handelt sich diese Abwesenheit noch um eine Form der Freiheit, die bei mir in eine Art negativen Verlust umgeschlagen ist, eine neoliberale „Strategie der Schlange“ (vgl. Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften), sich unsichtbar und unangreifbar zu machen.

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