Zum vorliegenden Buch

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Wie soll, wie kann Theater über konkrete Verhältnisse der Wirklichkeit entstehen, wenn diese sich aktiv der Kenntnisnahme entziehen, wenn „immer größere Bereiche der gesellschaftlichen Organisation [...] unter Schweigeklauseln, unter die Stillschweigeabkommen“ fallen, wenn ganze gesellschaftliche Bereiche unsichtbar werden (15)? Wie kann Gesellschaft erfasst und glaubwürdig vermittelt werden, wenn der Alltag von den „gewaltigen Medienstürmen“ unserer Gegenwart geprägt ist (26), von Blödmaschinen (28) und einer gewaltigen „Derealisierungsmaschinerie“ (75), von „Ausbeutungs- und Infantilisierungswirklichkeiten“ (28), von postdemokratischen Zuständen (52, 54), flexiblen Subjekten (61) und der Ersetzung von „Klassenstandpunkt[en]“ durch Posing (72), vom „Mainstreamisierungswahnsinn“ (75), von Zerstreuung und Ablenkung (76), vom „Spiegelkabinett des personalized Internet“ (das einen nur sehen lässt, was ihn/sie ohnehin interessiert; 77), von Big Data (das die Erinnerung an alles bewahrt und uns zum Vergessen motiviert, indem wir die Erinnerung auslagern; 78), von „Bürokratien und Expertokratien“, in denen die Expertenbefragung „jede argumentative Durchdringung“ ersetzt (28) – wenn zugleich die Welt in ihren Grundstrukturen gefährdet scheint?

Das Wissen, dass sich die rettenden Orte aufgelöst haben, umspült uns täglich, [...] die Ahnung, dass es jeden Augenblick unseren Alltag, den ganz normalen Gang der Dinge nicht mehr geben wird, dass sich jede Sekunde alles auflöst, wie ein Nebel verzieht [...]. Der Berg ist ins Rutschen gekommen, der Finanzkrisenberg, der Klimawandelberg, der Sozialkriegsberg, und hört nicht mehr auf, sich fortzubewegen, über uns hinweg. (42)

Die Konsequenzen sind nicht zu unterschätzen: „Auf was kann sich ein kritisches ästhetisches System noch berufen“ (72)? Wenn unsere Wahrnehmung von Zerstreuung bestimmt ist, „wie soll man“ mit diesem „Wahrnehmungsmodus“ eine „kritische Position einnehmen“ (76)? Wenn Big Data unser Leben bestimmt, wie sollen wir es noch analysieren und erfassen: „Ich kann mich im Grunde nur noch selber sehen, während ich von anderen beobachtet werde, ob ich auch nichts falsch mache. Es ist natürlich paradox, dass so jemand etwas Kritisches ausrichten will“ (77).

Und wie kann die literarische Durchdringung eines Stoffes, die Entwicklung einer ästhetischen Position angesichts eines stetig zunehmenden „Theaterproduktionsdruck[s]“ gelingen (17)? Literatur funktioniert „ganz gewiss nicht nach dem Konkurrenz- und Effizienzprinzip, zumindest nicht alleine, sie folgt genauso gut der Logik der Gabe, des Potlatches und des Überflusses, sie ist ein Versuch der commons, des Gemeinschaftsbesitzes“ (17). Braucht ein Text, der literarisch in einem ernsthaften Sinn sein will, nicht „Distanz zum Material“ (18), Theorie, ästhetische Impulse, kurz: Zeit?

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