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Ueli Jäggis Suche nach der Tragi-Komödie

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„Zustände sind das!“, tönt es aus dem Lautsprecher an der Wand. Die Stimme von Nikola Weisse als alte Kinderfrau Marina in Tschechows „Onkel Wanja“ durchzieht die Inszenierung, ein Lamento über eine aus den Fugen geratene Welt. Kunstvoll verwoben sind Rede und Gegenrede, Atmung, Seufzer. Fünf Inszenierungen hat Ueli Jäggi, der als Schauspieler seit Jahren kontinuierlich mit Christoph Marthaler arbeitet, am Luzerner Theater auf die Bühne gebracht. Immer mit dabei: der Bühnenbildner Werner Hutterli, die Kostümbildnerin Gerti Rindler-Schantl und der Musiker Martin Schütz.

Foto: Tanja Dorendorf
Foto: Tanja Dorendorf

Begonnen hat alles 2004 mit einer Anfrage von Peter Carp, ob Ueli Jäggi nicht einmal ins Regiefach wechseln und eine Komödie inszenieren wolle. Schnell war eine Idee geboren: „Das Ende vom Anfang“ von Sean O’Casey sollte es sein, und noch schneller die Entscheidung gefällt, die Geschichte aus der ländlichen Szenerie Irlands in die Schweizer Berge zu verlegen und ins Schweizerdeutsche zu übersetzen. O’Caseys streitbares Ehepaar wurde zu einem multikulturell gemischten Gespann, der Bergbauer hatte eine Asiatin auserwählt: „Gekauftes Glück im Muotathal“. Der Clash der Kulturen zündete komödiantische Funken. Wenn sich Lebensklugheit und Tatkraft mit fernöstlicher Kampfkunst vereinen, kann die männliche Selbstgerechtigkeit schon mal ins Hintertreffen geraten.

2007 folgte „Das Versprechen“ von Friedrich Dürrenmatt in einer Fassung von Gerhard Meister, die den beklemmenden, unversöhnlichen Schluss der Romanfassung wählte. Jahrelang wartet der Kommissar auf den Mörder der kleinen Mädchen und verliert darüber den Verstand. Sprachliche Interventionen kamen vom Tonband, der Autor als Figur mischte sich vermeintlich in das Bühnengeschehen ein: Ueli Jäggi imitierte die Diktion Dürrenmatts so perfekt, dass mancher Zuschauer die Originalstimme zu vernehmen glaubte.

Der nächste Streich war „Der Gehülfe“ nach dem Roman Robert Walsers, die Geschichte des Konkurses eines kleinen Unternehmens, ein wortgewaltiger Abgesang auf das alte Bürgertum und 2009, kurz nach dem Börsencrash, von unvermuteter, schmerzhafter Aktualität. Beständig lebt man hier über seine Verhältnisse, ohne zu merken, dass die Zeit über einen hinweggeschritten ist. Jäggi gelang eine atmosphärisch dichte, zwischen Stillstand und Slapstick changierende Annäherung an den Walserschen Kosmos; tatenlos sieht man dem eigenen Untergang zu.

Und schließlich 2011 „In Amrains Welt. Auf der Suche nach der wiedergefundenen Zeit“ nach Texten von Gerhard Meier. Die Bühnenfassung entwickelte Ueli Jäggi wie schon beim „Gehülfen“ gemeinsam mit dem Dramaturgen Malte Ubenauf. Gerhard Meier, der sein Leben lang am gleichen Ort – Niederbipp im Kanton Bern – wohnte, war der Überzeugung, nur ein Provinzler könne ein Weltbürger sein. Entwurzelung definierte er als Tragödie, mit dieser Haltung stand er quer zur Zeit, heute im Angesicht globaler Migrationsströme scheint sie geradezu visionär. „Ich fragte mich, ob man eventuell lebt, um sich zu erinnern“, lautet Jäggis Lieblingssatz von Gerhard Meier. Wobei das Erinnern nicht Stehenbleiben bedeute, sondern ein Zeitabbremsen, ein Zurückblicken, um dann wieder nach vorne zu schauen.

Ueli Jäggi interessieren vor allem die tragikomischen Aspekte des Lebens und damit einhergehend auch die des Theaters. Er zitiert Woody Allen: „Man wird ohne Grund geboren und stirbt auch wieder genauso. Was dazwischen liegt, ist komisch.“ Was lässt uns lachen, diese Frage treibt ihn um. „Es gibt keine wahre Komödie ohne das Wörtchen Tragi davor“, davon ist Jäggi überzeugt, „sonst lachen wir aus reiner Schadenfreude, und das ist im Kern völlig uninteressant.“

Zum Schluss also „Onkel Wanja“, der Versuch, sich Tschechows Welt der gescheiterten Hoffnungen mit den Mitteln des subtilen Humors zu nähern. Ueli Jäggis Inszenierungen sind hochmusikalische, genau durchkomponierte Abende. Auf wundersamste Weise wird Luftklavier gespielt, traumverloren mit den Füßen gewippt, eine Symphonie der Gesten, Geräusche und Klänge. „Natürlich entwirft man in der Vorbereitung gewisse Bilder, doch dann entdeckt man auf den Proben das kreative Potenzial jedes einzelnen Schauspielers und begibt sich gemeinsam auf eine Spurensuche“, sagt Jäggi. Am Ende von „Onkel Wanja“, wenn jegliches Aufbegehren ins Leere gelaufen und alle Träume zerstoben sind, verharren sie bewegungslos, selbst die Sprache versagt. Niemand wird den hermetischen Raum, der von einer Falttür, einem Klavier und einem Aquarium dominiert wird, verlassen. Unaufhörlich verrinnt das, was diese Menschen ihr Leben nennen. „Ja, ja.“ Ein letztes Seufzen aus dem Lautsprecher. Dann ein Knacken. Stille.

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