- Anzeige -

Entscheidung für das Asyl

von

IV.
Wie schon der Titel eine durchaus bösartige Verschiebung der Perspektive darstellt, sofern es uns, das Publikum, denen die Flüchtlinge zum Schutz anbefohlen sind, ins Spiel bringt, entfernt sich Jelinek insgesamt sehr weit vom Text der Hiketides. Mehr oder weniger direkte Zitate aus Aischylos kann man mit der Lupe suchen, und sie werden auch sofort mit der Rede von heute verbunden. So in der folgenden Passage, die die Ermahnungen des Danaos an seine Töchter bei Aischylos31 aufgreift:

Wenn ich schreibe, darf ich alles und nutze das auch aus, wer sollte mir was tun? Euch aber, ihr Flüchtigen, euch rate ich das nicht, da ihr fremd und landflüchtig seid, ein keckes Mundwerk sollten die schwächeren sich abschminken bevor sie es losrattern lassen, ich werde mich erst nachher abschminken, nachdem die Menschen mich gesehen haben werden […]. Wenn man Erbarmen von Fremden möchte, sollte man nicht laut sein, aber auch nicht zu leise.32

Sehen wir uns den Anfang der Schutzbefohlenen näher an.

Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben nach Verlassen der heiligen Heimat. Keiner schaut gnädig herab auf unseren Zug, aber auf uns herabschauen tun sie schon. Wir flohen, von keinem Gericht des Volkes verurteilt, von allen verurteilt dort und hier.33

Ein Wir, das den gesamten Text trägt, steht am Anfang. Es ist so allgemein, dass es wie ein alle Menschen umfassendes Subjekt erscheint. Das wiederholte Stichwort „leben“ lässt uns hören: Wir alle, die wir leben, wir Lebendigen. In der Theatersituation tut es noch mehr: Es umfasst potentiell das Wir aller im Theatersaal Versammelten. So wie ganz ähnlich der Satz „But you have friends“,34 der ebenso kontextlos Sarah Kanes 4.48 Psychosis eröffnet, das Publikum ebenso adressiert wie mögliche Mitspieler auf der Bühne.

Heilige Heimat wurde verlassen. Topos der Flüchtigen, er könnte von Hölderlin stammen, jedenfalls ist Wir, sind Wir „verlassen“, in einer Götterferne. Denn kein Gott schaut auf das Wir herab, das sich jetzt als Zug bezeichnet, ein Flüchtlingszug, ein Treck wie man ihn von den Fotografien und Filmbildern von Flüchtlingen früher aus dem Osten, aus der „heiligen Heimat“ Schlesien kennt. Kein rettender Gott also, kein Gott der Gnade, weder ein antiker noch ein christlicher. Vom fehlenden Gott da oben liegt die Assoziation zum herabschauen nahe, von da zur Erniedrigung, das man auf „uns“ herabschaut. Über einen Klang gelangt der Text zu seinem nächsten Thema. Das O in schon, das erste O im Text überhaupt, bringt mittels Gleichklang die erste konkrete Erwähnung der Idee der Flucht: schon. Wir flohen. Wo Flucht ist, muss Verfolgung sein, wo Verfolgung, da eine Verurteilung. So kommen wir zum Stichwort kein Gericht des Volkes, kein Volksgerichtshof, es sind einfach alle, die „uns“ verurteilt haben, „dort und hier“. Dieses Subjekt, chorisches Wir, eröffnet den Text also mit einer Serie von Assoziationen und Anklängen, die mit deutscher Geschichte mehr zu tun haben als mit den Medienbildern der gegenwärtigen Flüchtlinge.

Die folgenden Sätze, erschütternde Erfindung, spielen mit dem Sprachmaterial weiter: „Das Wißbare aus unserem Leben ist vergangen, es ist unter einer Schicht von Erscheinungen erstickt worden, nichts ist Gegenstand des Wissens mehr, es ist gar nichts mehr.“35Wir sind von allem getrennt, was irgend zu wissen wäre. Es ist aus unserem Leben verschwunden, hinausgegangen, ist zugleich vergangen, gestorben, oder ermordet worden, erstickt. Geschichte. Vergangene Schicht: Geschichte. Ob aber das Leben unter den Erscheinungen erstickt ist oder das Wissbare, bleibt syntaktisch offen, wodurch wir hören können, dass das Leben eigentlich identisch ist mit dem Wissbaren darin. Dieses Leben wird durch die hartnäckig wiederkehrende Vokabel nichts markiert – es – das Leben ist gar nichts mehr. „Es ist auch nicht mehr nötig, etwas in Begriff zu nehmen. Wir versuchen, fremde Gesetze zu lesen. Man sagt uns nichts, wir erfahren nichts, wir werden bestellt und nicht abgeholt, wir müssen erscheinen, wir müssen hier erscheinen und dann dort […].“36 Nichts, Nichts, Nichts. Die Wendung etwas in Begriff zu nehmen fällt auf, man erwartet etwas zu begreifen, aber es schiebt sich der Gedanke dazwischen, dass solches Begreifen auch ein „in Haft nehmen“ bedeutet oder ein in den Griff kriegen. Im „Zwischen“ dieses Zugs, im Hier und Dort, sind wir alle wie bestellt und nicht abgeholt.

Wir haben den Gestus der Sätze bislang nicht erörtert. Er changiert bis hierher kunstvoll zwischen neutralem Beschreibungston, Klage und Anklage. Doch nun folgt eine Zäsur. Ein neuer Gestus tritt auf, das Fragen: „[W]ir müssen hier erscheinen und dann dort, doch welches Land wohl, liebreicher als dieses, und ein solches kennen wir nicht, welches Land können betreten wir? Keins. Betreten stehn wir herum.“37 Absichtsvoll ist die Wortstellung verändert, um den Hiatus „Wir? Keins“ zu erzeugen. „Keins“ wirkt wie die Antwort von anderswoher, die der Wir-Stimme als Echo nachspricht. Dazwischen ist eine Antwort impliziert. Betreten wird doppelt genutzt. Vom Betreten als Eintreten führt der Doppelsinn auf das betretene, will sagen: beschämte Dastehen. In der gleichen Weise fährt der Text fort, sich von Thema zu Thema voranzuarbeiten durch Äquivokationen, parallele Satzkonstruktionen, Wortspiele, plötzlich mit klassisch rhetorischen Wendungen – O droben ihr Himmlischen – in der Sprache der Gegenwart – müssen wir das alles noch einmal kopieren, noch einmal ausdrucken:

Wir werden wieder weggeschickt. Wir legen uns auf den kalten Kirchenboden. Wir stehen wieder auf. Wir essen nichts. Wir müssen doch wieder essen, wenigstens trinken. Wir haben hier so ein Gezweig für den Frieden, so Zweige von der Ölpalme, nein, vom Olivenbaum haben wir abgerissen, ja, und das hier auch noch, alles beschriftet; wir haben sonst nichts, wem dürfen wir ihn bitte überreichen, diesen Stapel, wir haben zwei Tonnen Papier beschrieben, man hat uns natürlich dabei geholfen, bittend halten wir es nun hoch, das Papier, nein, Papiere haben wir nicht, nur Papier, wem dürfen wir es übergeben? Ihnen? Bitte, hier haben Sie es, aber wenn Sie nichts damit anfangen, müssen wir das alles noch einmal kopieren, noch einmal ausdrucken, das ist Ihnen doch klar? O droben ihr Himmlischen, wir falten fromm die Hände, ja, ihr seid gemeint, schaut nur herab! wir beten zu euch […].38

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Brechts Galilei

1 1938 vollendet Brecht in Skovsbostrand im dänischen Exil die erste Fassung seines…

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Christine Wahl

Christine Wahl

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Dorte Lena Eilers

Dorte Lena Eilers

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Milo Rau

Milo Rau