Freies Theater

Die Modernisierung der deutschen Theaterlandschaft (1960–2010)

von

Das Freie Theater ist als Bestandteil der deutschen Kulturlandschaft etabliert. Das hat nicht zuletzt die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages festgestellt.1 Doch schon zu der Frage, welche Bedeutung ihm in der Theaterlandschaft zukäme, differenzieren sich die Positionen und werden unsicher: Ist das Freie Theater Probierfeld für Nachwuchskünstler, die, wenn sie sich hier bewähren, auch ins „richtige“ Theater dürfen? Ist es Experimentierfeld für abseitige Formen, soziokulturelle Versorgung für (bildungsferne, migrantische o. ä.) gesellschaftliche „Randgruppen“ oder auch breite Publikumsschichten, die vom Stadttheater nicht erreicht werden? Ist es Instrument der kulturellen Bildung? Ist es das politische Theater? Ist es gar die wichtigste Agentur theaterkünstlerischer, ästhetischer Innovation? Oder repräsentiert es die Produktions- und Organisationsweise von Theater, die – im Sinne der „Künstlerkritik“ – den neoliberalen Deregulierungen und Entstaatlichungstendenzen des „neuen Geistes des Kapitalismus“2 am besten entspricht und diesem Vorschub leistet? Und schließlich: Ist es überhaupt trennscharf vom Stadt- und Staatstheater zu unterscheiden oder löst sich seine Identität eigentlich schon wieder auf? Derartige Fragen werden vor dem Hintergrund der Theaterkrise gestellt, die seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts und mit zunehmender Dringlichkeit seit der Jahrtausendwende konstatiert und diskutiert wird. Allerdings ist das Freie Theater in diesen Debatten eher ein Nebenschauplatz. Über die Prekarität seiner Existenz besteht weitgehend Konsens und in Diskussionen über eine „Systemkrise“ der Theaterlandschaft spielt es bislang nur insofern eine Rolle, als es von den finanzpolitischen Verwerfungen in den Kommunal- und Länderhaushalten ebenso betroffen sein dürfte wie die Stadt- und Staatstheater. Wobei allerdings bei Sparmaßnahmen der Grad einer für das Freie Theater „tödlichen Dosis“ bei wesentlich kleineren Zahlen erreicht würde.

Die Begrifflichkeit, die diffuse Wahrnehmung des Freien Theaters und seiner Bedeutung sind Momente der spezifischen Entwicklung und Gestalt der Theaterlandschaft in Deutschland. Sie besteht, etwas salopp und gleichwohl pointiert formuliert, aus dem Theater einerseits, das meist mit dem deutschen System der Stadt- und Staatstheater identifiziert wird, und andererseits davon deutlich unterschieden aus dem Freien Theater, das gern auch als Freie Szene bezeichnet wird.

Diese Teilung der Theaterlandschaft, die seit Anfang des 21. Jahrhunderts etwas an Ausschließlichkeit und Gegensätzlichkeit verliert, wird unter den Bedingungen der finanzpolitischen Krisen zum ernsten kulturpolitischen Problem. Vor ihrem Hintergrund zeigt sich nämlich, dass über Bedeutung und Notwendigkeit der Kunst- und Kulturform Theater für die Gesellschaft kaum noch ein verbindlicher und belastbarer gesellschaftlicher Konsens besteht, auch wenn Politiker und Verbands- und Interessenvertreter meist das Gegenteil behaupten. Damit wird die Legitimationsgrundlage der Finanzierung der Theaterlandschaft aus Steuermitteln zunehmend problematisch, wie die Verläufe der Krisenphänomene in Gestalt von Schließungs-, Einsparungs-, Fusionierungs- und ähnlichen Debatten immer wieder zeigen, die vor allem im Kreise der Akteure und unmittelbar Betroffenen geführt werden, in denen aber „die“ Gesellschaft merkwürdig passiv bleibt.3 Die Nachrichten und Debatten zu diesen Entwicklungen wurden 2010/11 als „Krisometer“ auf dem Theaterportal nachtkritik.de dokumentiert und bilden dort auch immer wieder den Ausgangspunkt für Beiträge zur „Stadttheater-Debatte“.

Der in diesen Debatten aufscheinende und zunehmende Legitimationsverlust des deutschen Theatersystems und seiner Finanzierung ist deutlich erkennbar: Die separate Herausbildung des Freien Theaters ist Ausdruck einer verspäteten und unvollkommenen Modernisierung der deutschen Theaterlandschaft, in der wiederum wesentliche Gründe für die Legitimationsverluste zu suchen sind. Im Sinne dieser kulturpolitischen Perspektivierung zeigt diese Arbeit die Entstehung des Freien Theaters als abgetrenntes Territorium der Modernisierung des Theaters in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Überwindung dieser spezifischen Teilung ist eine wesentliche Voraussetzung für die Bewältigung der allfälligen Theaterkrise. Sie setzt wiederum klare Bestimmungen der Spezifika des Freien Theaters und seiner Bedeutung voraus, die in dieser Arbeit entwickelt werden.

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Technik in Frauenhänden

Das feministische Performancekollektiv Swoosh Lieu feiert die Produktionsmaschine Theater mit all ihren Störungen

Das Kolloquium von Äschnapur

München feiert fünfzig Jahre proT – doch statt eines Symposiums hätte man lieber ein neues Werk von Alexeij Sagerer gesehen

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Dorte Lena Eilers

Dorte Lena Eilers

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Christine Wahl

Christine Wahl

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler