Theater für die Postmoderne

Freies Theater und die Modernisierung der deutschen Theaterlandschaft

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Die Freie Szene und das Freie Theater, die ab Mitte der 1970er Jahre entstehen, sind insofern Neuansätze der politischen und gesellschaftlichen Bewegung, in denen sich die oppositionelle Sehnsucht nach „anders arbeiten, anders leben“ manifestiert, die zum einen auf der Kritik der Politikformen der Ausläufer der Protestbewegung beruhen, in denen aber ein utopischer Reformismus der Gegen- oder Alternativkultur praktiziert wird, mit dem konkrete Kritik an den Produktionsverhältnissen und Verkehrsformen (Naturzerstörung, Herrschafts- und Gewaltverhältnisse, Entfremdung, Unmenschl ichkeit) in praktische Projekte umgesetzt werden. Dabei ist die Politik dieser Bewegungen – das heißt ihr Konzept gesellschaftlicher Wirksamkeit – zunächst vor allem eine Praxis der Beispielhaftigkeit:

Die linksalternative „Politik der ersten Person“ setzte auf die „Revolutionierung des Alltagslebens. […] Selbstbestimmung, Selbsttätigkeit, Selbstverwirklichung waren weder hohle Phrasen noch ideologische Versatzstücke“, so hat es Dieter Kunzelmann formuliert. In einer lebensweltlichen Erweiterung des marxistischen Begriffs der Entfremdung geht es den Linksalternativen darum, „die Grundlagen der Gesellschaft in den Individuen selbst aufzusuchen“ und dort mit der Veränderung zu beginnen. Das war es auch, was den Politikbegriff des linksalternativen Milieus von traditionelleren wie denen der K-Gruppen oder der Sozialdemokratie unterschied. […] Gegen den Attentismus der traditionellen Linken setzen die alternativen Gruppierungen schon frühzeitig ihren augenblicklichen Veränderungswillen. Sie wollen sich nicht auf ferne Revolutionen und klassenlose Gesellschaft in weiter Zukunft vertrösten lassen, sondern ihr aktuelles und einziges Leben neu gestalten. Anstatt Angst, Ausbeutung und Entfremdung nur intellektuell und nüchtern zu analysieren, wurde die gesellschaftliche Situation als emotionale Erfahrung gedeutet und auf das eigene Leben bezogen. Statt Persönliches und Politisches voneinander zu trennen, wurde der eigene Lebensalltag politisiert.17

Es kann hier nicht diskutiert werden, ob Reichardts Fassung des Politikbegriffs womöglich allzu unkritisch dem zeitgenössischen Gebrauch folgt und diese Entwicklung der „Politisierung des Alltagslebens“ womöglich als Inflationierung oder Substanzverlust der Begrifflichkeit beschrieben werden sollte. Für den Kontext dieser Arbeit ist aber festzuhalten, dass zumindest die Verbindlichkeit politischer Begründungszusammenhänge für gesellschaftliches Handeln massiv nachlässt, zumal in den 1980er Jahren. Die Herausbildung eines „grün-alternativen Biedermeiers“, die in der Einleitung zur letzten Ausgabe des Berliner Stattbuches18 beklagt wird, beschreibt diese Entwicklung der Entpolitisierung von Alternativbewegung und Freier Szene, auch was das Theater angeht. Das System des Freien Theaters und seine künstlerischen Ausprägungen entstehen also ebenso wenig als „Weiterentwicklung“ des Theaters der Freien Szene, wie letzteres als Transformation des Theaters der Freien Gruppen zu verstehen ist. Vielmehr sind es Auseinandersetzungen mit künstlerischen Impulsen aus dem Ausland und aus den Dissidenzverhältnissen der DDR (vor allem bei Frank Castorf und Heiner Müller), die in den neuen Ausbildungsstrukturen und auf der Grundlage der Systeminfrastruktur der Freien Szene zur Entfaltung kommen. Dabei bleiben die frühen politischen Impulse als Dramaturgie der Relevanz der Theaterarbeit, die spezifische Adressierung der Arbeit an das Publikum, die Forderungen nach kollektiver Produktionsweise in den Ensemble- oder Teamstrukturen der Freien Produktion, die anti-hochkulturellen Impulse als postmoderne oder postdramatische Orientierung und die Projektorientierung als auch positive Wendung der anti-institutionellen Impulse durch die gesamte Geschichte des Freien Theaters bis in die Gegenwart erhalten. Diese im Verlauf einer in gewisser Weise auch erratischen, jedenfalls weniger immanenten als vielmehr außengesteuerten Geschichte gleichsam „aufgenommenen“ Merkmale bilden die besonderen Eigenschaften des Freien Theaters, die seine Formen und Strukturen in Deutschland zum Ausgangspunkt einer Dynamik der permanenten Innovation qualifizieren.

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