Freiraum unterm Fernsehturm

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Während einerseits das Areal als signifikantes Geschichtsdokument und als Potenzial für neue Adaptionsmöglichkeiten wahrgenommen werden kann, erscheint dieser Stadtraum aus anderer Perspektive und oftmals stark polemisch zugespitzt als „Brache“, als verfehlter Städtebau, als Ergebnis von Enteignung, als Produkt und Dokument eines überwundenen Systems. In dieser Perspektive wird die Architektur der DDR-Moderne als banal beziehungsweise geradezu als brutal abgewertet. Eine differenzierte Annäherung an den so gegensätzlich wahrgenommenen, gewerteten und im Blick auf seine Potenziale eingeschätzten Stadtraum ist daher unverzichtbar. Im Zentrum dieses Buches steht demzufolge eine breite Auseinandersetzung mit dem Areal in seinen planungsgeschichtlichen, architektonischen, gartenarchitektonischen, künstlerischen Dimensionen, aber auch im Blick auf seine unterschiedlichen sozialen Adaptionspotenziale und Probleme. Die vielschichtige Beschäftigung mit dem Bestand, seinen Voraussetzungen, seinen Eigenschaften, seiner Wertigkeit und seiner Situierung in einem sich grundsätzlich neu definierenden städtischen Umfeld muss die Basis für eine zukünftige Entwicklung sein. Damit ist noch nichts über den Charakter dieser zukünftigen Entwicklung gesagt. Doch es bleibt im Sinne einer historischen Verantwortung unabdingbar, sich darüber klar zu sein, dass auch dieser Raum, mit all seinen Prägungen und Lädierungen ein vielschichtiger Geschichtsraum ist, prägnant, signifikant und in hohem Maße ikonisch.

Während seit den 1990er Jahren größte Teile des Berliner Zentrums durch Sanierung und großflächige Neubauprojekte in hohem Maße neu angeeignet und überformt wurden, verharrte der Stadtraum unterm Fernsehturm scheinbar im Wartezustand, wenn auch kontrovers diskutiert. Erst mit dem Beginn der Baumaßnahmen am Humboldt-Forum sowie der Verlängerung der U5 rückte die Frage nach der Zukunft dieses zentralen Areals – und damit auch die Auseinandersetzung mit seinen unterschiedlichen historischen Dimensionen sowie die Frage nach seiner Vernetzung im Mittelpunkt eines in vielerlei Hinsicht sich neu konfigurierenden metropolitanen Umfelds – in das Zentrum leidenschaftlicher öffentlicher Debatten, begleitet von zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen und publikumswirksamen Ausstellungen. Eine 2015 von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung initiierte und professionell organisierte und begleitete „Stadtdebatte“ etablierte Dialogebenen, die einerseits historische Aufarbeitung und andererseits Austausch über unterschiedliche Zukunftsperspektiven für diesen Ort ermöglichen sollten. Doch erst mit den geplanten Fertigstellungen der neuen U-Bahnlinie und des Humboldt-Forums 2017 beziehungsweise 2019 werden auch Plankonkretisierungen für den Bereich des Freiraums möglich sein. Er wird dann vor allem von zwei entscheidenden Entwicklungen an seinen Rändern bestimmt werden: einerseits durch das Humboldt-Forum und seinen hinter den Schlossfassaden angestrebten global ausgerichtetem Kulturdialog und andererseits durch den Alexanderplatz, der vor allem in den Jahren nach 2000 grundlegende Veränderungen erfuhr. Am Beginn der Planungen für den Alexanderplatz stand noch die Eliminierung des städtebaulichen Konzepts, angedacht war der Abriss des Hauses des Lehrers nebst Kongresshalle. Doch ebenso wie die Behrensbauten als Zeugnisse der Zwischenkriegszeit und der Bahnhof als Bauwerk der Zeit um 1900 wurde schließlich Henselmanns Bauensemble als Relikt der DDR-Zeit in den neuen Stadtraum einbezogen.

Der Freiraum wiederum wird auch in hohem Maße durch die absehbaren Transformationen, städtebaulichen Neuordnungen und Nutzungsanreicherungen des Molkenmarkts, des Klosterviertels und des Bereichs Alt-Cölln beeinflusst werden. Die sich im gesamten Umfeld des Freiraums abzeichnenden Verdichtungen sowie die zukünftig an zahlreichen Orten des historischen Kerns sichtbaren beziehungsweise benennbaren Geschichtsspuren – etwa in Zusammenhang mit dem geplanten Archäologischen Zentrum am Köllner Petriplatz oder mit Blick auf eine geplante Neubebauung des Jüdenhofs östlich des Molkenmarkts – werden die Frage nach den Potenzialen und Defiziten des Freiraums als Teil des historischen Zentrums noch einmal neu beeinflussen.

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