Freiraum unterm Fernsehturm

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Ein von den Herausgebern am 3. Mai 2013 an der Technischen Universität Berlin durchgeführtes und mit zahlreichen Expertinnen und Experten aus Kunstgeschichte, Stadtgeschichte, Gartengeschichte, Denkmalpflege, Planungsgeschichte, Sozialgeschichte, Landschaftsarchitektur und Planungspolitik besetztes Symposium zum Freiraum unter dem Fernsehturm setzte sich daher eingehend mit unterschiedlichen Facetten der Geschichte dieses Stadtraums auseinander. Wie bereits die Debatten in den Jahren zuvor, so zeigte auch dieses Symposium die außerordentlich unterschiedlichen Wahrnehmungen, Wertungen und Einschätzungen bezüglich der historischen Dimensionen und der Zukunftspotenziale dieses Stadtraums. Es verdeutlichte aber auch, dass die in den Vorträgen angelegten Forschungspfade weiter verfolgt und in einer Publikation dokumentiert werden sollten. Das vorliegende Buch basiert daher in großen Teilen auf den Erträgen des Symposiums, ergänzt durch zahlreiche weitere Positionsnahmen und Einschätzungen bezüglich der Wertigkeit und der Zukunftspotenziale des Freiraums.

Freiräume als staatliche Repräsentationsorte sind das Thema des ersten Beitrages, dessen Autor Christian Freigang den Blick bewusst über Berlin hinauslenkt. Ihm geht es um historisch relevante Handlungsräume im Sinne sozialer und politischer Entfaltungsräume jenseits dieser Stadt. Am Beispiel von Paris, Washington, Brasília und Peking erörtert er das semantische Potenzial zentraler, politisch genutzter und gedeuteter Freiräume im urbanen Kontext: Angefangen bei der Place de la Concorde als royale und später revolutionäre politische Bühne, über die National Mall in Washington als Landschaftstreifen mit kollektiver Erlebnis- und Erinnerungsfunktion sowie die zehn Kilometer lange, Erhabenheit und Unendlichkeit vermittelnde Monumentalachse Brasílias bis hin zum Tiananmenplatz in Peking als politischem Aktionsraum. Ein Beitrag, der verdeutlicht, dass sich die Bedeutung städtischer Freiräume mit staatlicher Repräsentationsfunktion keinesfalls auf ikonografisch dechiffrierbare Begriffszeichen beschränkt.

Paul Sigel lenkt in seinem Beitrag zunächst den Blick zurück auf die Entwicklung des Ortes seit dem 19. Jahrhundert und beleuchtet dabei, in welchem Maße bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitreichende planerische Interventionen vorgesehen waren und einige faktische Eingriffe zu partiell starken Transformationen des Berliner Stadtkerns führten. Doch besonders der Blick auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts macht deutlich, wie grundlegend und drastisch hier Neuordnungen vorgenommen, Bezugssysteme transformiert, ideelle Neusetzungen und städtebaulich- architektonische Neukonfigurationen durchgesetzt wurden. Darüber hinaus untersucht er die Entwicklungen des Areals nach 1990 sowie vor allem die Diskurse bezüglich seiner Bewertung, Potenziale, Defizite und seiner zukünftigen Entwicklungsperspektiven.

Roman Hillmann vertieft in seinem Text die Darstellung zur Entstehung des Freiraums von den ersten Planungen für ein zentrales, das sozialistische System repräsentierendes Hochhaus bis hin zur schließlich gefundenen Konzeption als „Festraum der Stadt“ und als integrales Element der sozialistischen Umgestaltung des historischen Stadtkerns. Deutlich wird in seinen Darstellungen zum einen die für die gefundene Konzeption typische raumtypologische Ambivalenz zwischen Platz und Park. Zum anderen verweist Hillmann auf die auf große Teile der gesamten Stadt ausstrahlende Signifikanz des Freiraums, die vor allem durch die am Ort gegebenen großmaßstäblichen Bezugssysteme begründet wird. Hillmann macht deutlich, dass der große Freiraum auch jenseits des Systems DDR und auch angesichts der beträchtlichen architektonischen und inhaltlichen Transformationsprozesse im direkten Umfeld des Freiraums sowohl als komponierter Stadtraum als auch als Ort neuer gesellschaftlicher Adaptionspotenziale gesehen werden kann.

Gabi Dolff-Bonekämper und Stephanie Herold nähern sich dem städtischen Freiraum über die vertikale Dominante des Fernsehturms. Im Zentrum des Beitrags stehen jedoch nicht Kugel und Turmschaft, sondern die expressive Fußumbauung nebst Freiraum zwischen Turm und Spree. Die Fußumbauung setzt einen wichtigen baukünstlerischen Akzent, dessen architektonische Qualitäten detailliert erörtert werden – inklusive gestalterischer Verluste, die aus teils gravierenden Veränderungen nach der Wende resultieren. Ausgehend von der Entwurfsgeschichte des Bauwerks, illustriert mit historischem Entwurfsmaterial, verknüpfen die beiden Autorinnen die Architektur- mit der gartenkünstlerischen Gesamtplanung. Sie reflektieren kritisch die aktuellen Planungen und die Entwicklung, wobei sie stets das gesamte Areal zwischen Turm und Spree sowie Rathaus und Karl-Liebknecht-Straße inklusive der den Freiraum konstituierenden Gestaltungselemente berücksichtigen. Ein Beitrag, der mit der Synthese aus Bau und Raum für die aktuelle Debatte von besonderer Bedeutung ist.

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