Afrika ist zu mir gekommen

Ein Gespräch über Umweltprobleme in Westafrika, überbordende Vitalität und Lazare – lost in Bonn

von und

Welche Unterschiede gibt es in der Arbeit zwischen Burkinabe Schauspielern und den europäischen? Oder gibt es überhaupt welche?
Ich kann ja nur beschreiben, wie die konkrete Arbeit im und mit dem gesamten Ensemble – also den Burkinabe zusammen mit den Deutschen – lief. Dabei war eine große Bereitschaft zu erleben, alles sofort auszuprobieren. Wir hatten während der Arbeit eine spezielle Art von Kollektivität, die den Burkinabe, glaube ich, eher näher und selbstverständlicher ist als uns. Da ging es nie um Eitelkeiten, wie man das bei uns im Theater doch oft findet: Wer hat die wichtigste Rolle, den meisten Text, wer hat den Text verfasst? Das hat mir bei der Arbeit sehr geholfen.

Wie würdest Du Deine Arbeitsweise beschreiben?
Ich bin kein Freund des psychologischen Theaters. Ich liebe das freie Spiel auf der Bühne. Und ich liebe es, wenn bei den SchauspielerInnen neben der Bühnenfigur die eigene Persönlichkeit durchscheint. Deswegen bevorzuge ich auch offenere Formen. Klar, ich habe auch schon klassische Werke inszeniert, aber mehr Lust habe ich auf Stücke, die keine geschlossene Dramaturgie haben, bei denen die Materialerstellung/Textgenese ein Teil des gemeinsamen Projekts ist.

Welche Probleme gab es in der Arbeit?
Erstmal keine speziellen, die in der Interkulturalität begründet wären. Natürlich gab es Phasen, die mal mehr oder weniger produktiv waren, mehr oder weniger inspirierend. Mein Motto war dann „Leave the zone of comfort“, mit dem gerade auch die Burkinabe sehr viel anfangen konnten. Es kam mir und uns zugute, dass ich die SchauspielerInnen alle schon gut kannte und mit ihnen gearbeitet hatte. Und sie mit mir.

Haben die verschiedenen Hautfarben eine Rolle gespielt?
Wir haben das am Anfang thematisiert, aber dann im Laufe der Produktion vergessen. Die beiden weißen Schauspielerinnen haben beispielsweise eine schwarze Frau gespielt, aber das war dann im Laufe der Produktion nicht mehr wichtig. Das hätten auch zwei Männer spielen können, weil Gender und andere Zugehörigkeiten wie Ethnien und Hautfarben uns nicht interessiert haben.

Du betonst, dass ihr kollektiv und gleichberechtigt gearbeitet habt. Wie man in Deutschland so schön sagt, auf Augenhöhe. Aber Du hattest das Geld, und wer das Geld hat, hat auch die Macht- und Entscheidungsbefugnis.
Ja, das stimmt – das Geldthema ist tatsächlich eins, was uns im Vorfeld bei den Absprachen zwischen dem Partner, dem Espace Culturel Gambidi, und uns beschäftigt hat. Das haben wir in Gesprächen klären können und war dann auch während der Arbeit kein Thema mehr. Es lohnt sich auf jeden Fall, für diese Themen – Wessen Geld ist das eigentlich? Wie läuft die Abwicklung? Was braucht jeder? – ausreichend Zeit für die Klärung aufzuwenden.
In der Arbeit bin ich der Regisseur und habe daher bestimmte Aufgaben, die auch mit Ordnen, Entscheiden und Ansagen zu tun haben. Das beruht auf einer unausgesprochenen Einigung über Aufgabenverteilung – da gab es keine grundlegenden Unterschiede zwischen unserem Verständnis und dem der Burkinabe. Ich bin „le directeur“. Das haben auch alle so akzeptiert und quasi eingefordert.

Die Aufführung tourt im Sommer 2019 in Deutschland und wird am Theater Bonn, wo in diesem Jahr auch die zweite Produktion des Gold-Projekts entstehen wird, und an anderen deutschsprachigen Theatern gespielt. Sie wird versetzt aus einem uns fremden Kulturraum in einen für die Produktion fremden Rezeptionsraum.
Darin sehe ich eine große Chance. Der Entstehungskontext der Produktion ist natürlich nicht wegzudenken. Die konkreten Aufführungsbedingungen sind andere. Die Bühnen in Deutschland sind nicht outdoor, die Schauspieler vielleicht verunsichert wegen der Publikumsreaktionen bei uns. Nicht die Slammer, die sich sicher schnell in unsere für sie andere Umgebung eindenken können, aber vielleicht wird sich der etwas ältere Schauspieler Lazare, der – soviel ich weiß – noch nie in Europa war, etwas verloren vorkommen. Lost in Bonn.
Aber wenn es gelingt, dann beginnt ein neuer Dialog mit einem neuen Publikum. Darin liegt sowohl für das eingeladene Gastspiel und alle beteiligten KünstlerInnen als auch für die Gastgeber ein ästhetischer und politischer Mehrwert.

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