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Extrem unwahrscheinlich

Haslach und Finkenschlag – Die Langzeit bespielung eines Stadtteils und der nicht zu ersetzende menschliche Faktor

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Einer unserer wichtigsten Partner wurde Thomas Hartwich, Rektor der Haslacher Vigeliusschule II, einer Hauptund Werkrealschule, den wir bereits bei „Haslach 2010“ kennengelernt hatten. Wir erfuhren viel über Schulpolitik, sogenannte Brennpunktschulen und informelle Exklusionsmechanismen. Das gegenseitige Interesse führte zu den Schulprojekten „Hurra, Hurra, die Schule tanzt“ ebenso wie zu „Learning by Moving“. Und einmal spielte Thomas Hartwich mit in der Vorband des Konzerts von Bernadette La Hengst. Der Historiker Michael Berger freute sich nach einer langen Karriere an der Uni Freiburg noch einmal über ganz neue Vortragsformen, wenn zu seinen Abenden über den „Alltag der Stadt“ Graham Smith tanzte. Die Kettenreaktionen lassen sich fortsetzen. Im Finkenschlag mischten sich die Kreise und Generationen.

Rohholz, Dampfsauna und sonstige Erhitzung
Einmal im Monat kamen immer alle beim „Badisch Sushi“ zusammen. Autor Paul Brodowsky kochte, und Tänzer, Schauspieler und andere Mitarbeiter des Theaters wuschen Salat, bevor sie zwischen den Tischen performten. Der Wein stammte wiederum aus Emil Gallis Kaiserstühler Heimat und wurde gelegentlich vom Winzer persönlich vorgestellt. Der Platz war eng und begrenzt, aber leisten konnte sich für 3,50 Euro jeder das köstliche Fünf-Gänge-Menü. Der Finkenschlag war zwar ein Loch, den Gästen wurde aber viel geboten. Wer Lust hatte, konnte des Nachts noch in die Dampfsauna im Garten gehen. Die war wiederum gezimmert aus dem Rohholz, mit dem die australischen Choreografen Grayson Millwood und Gavin Webber den Finkenschlag bei ihrer Sexdoll-Performance von innen vernagelt hatten. Ohnehin war der Finkenschlag dauernd im Auf- und Abbau während der Residencies und während der Performances zwischen den Gästen.

Die Zürcher Szenografen Ortreport & Meier/Franz krönten den Finkenschlag nach zwei Jahren kurz vor Schluss mit einem zweigeschossigen Vorbau und erklärten ihn zum „Palais de Haslach“. Zur Freude der Nachbarn, die für zwei Monate auf eine schöne und komplizierte Holzfront blickten, überrascht über die vollendete Schweizer Handwerksarbeit den drei Szenografen zuschauten und bei Bedarf ihr Werkzeug ausliehen. Der Dramaturgie des Freiburger Theaters diente der kleine Raum mit Blick über die Straßen von Haslach ein paarmal zur Spielzeitplanung. Mit „Gutleutmatten“ führten wir den Sommer über die Open-Air-Variante des Finkenschlags auf der Brache der ehemaligen Kleingartenkolonie auf.

Mister Smith
„Ich bezeichne mich nicht als Künstler. Ich tue einfach das, was ich für sinnvoll halte.“ (Graham Smith)

Ziemlich sicher ist Graham ein Künstler, mit einem extrem breiten Wirkungsfeld und einem lebenspraktischen Verständnis von Kunst. Aber vor allem ist er Tänzer, Überzeugungstänzer. Er versucht, die Qualitäten, die er von klein auf und dann als Profi im Tanz entdeckt hat, in die breite Bevölkerung zu tragen. Er will nicht eine neue Liga von Tanzprofis heranbilden, sondern möglichst vielen die Wahrnehmung der Realität durch tänzerische Kategorien ermöglichen. Mister Smith, wie ihn die meisten Kinder in seinen vielzähligen Projekten nennen, ist der nicht zu ersetzende menschliche Faktor.

„Mein Ziel ist nicht, eine neue Generation von Theaterprofis zu rekrutieren. Ich hoffe, dass die Kinder, egal ob sie Schreiner, Lehrerin, Topmanagerin oder Schauspieler werden, gestärkt aus unserer Zusammenarbeit hervorgehen.“ (Graham Smith)

Mehrmals pro Woche unterrichtet er im Tanzstudio des Theaters Freiburg oder auch im Altenheim. Anfänglich war es eine Gruppe Jugendlicher zwischen 14 und 23 Jahren, die aus dem pvc-Projekt „Herr der Fliegen“ hervorging. Inzwischen unterrichtet er auch die SOLD-Sprossen, Kinder von 7 bis 12, und SOLD Gold, Erwachsene ab 50 Jahren. Das professionelle Training ist umsonst. Dafür sind alle SOLD-Tänzerinnen und Tänzer immer wieder an Projekten innerhalb und außerhalb des Theaters beteiligt, performen in großen und kleinen Projekten, pflanzten mit Graham „Bambis Beet“. An den unzähligen positiven Reaktionen, der täglichen Benutzung des Gartens durch die Freiburger ist Grahams Resonanzfeld ebenso zu spüren wie an den Hassbriefen, die ihn erreichen.

Grahams Arbeit ist eine einzigartige, kontinuierliche, umfeldbezogene künstlerische Arbeit, aus der sich immer neue Anschlüsse und Themenstellungen aufbauen. Er nutzt alle positiven Bedingungen des Theaters Freiburg, und er trotzt allen widrigen.

Eine Vertiefung: Learning bei Moving
Gerade an dem zweijährigen Pilotprojekt „Learning by Moving“ (LBM) zeigt sich, welche besonderen Bedingungen es manchmal braucht, nicht zuletzt eine finanzielle Förderung, die durch den „Tanzfonds Partner“ der Kulturstiftung des Bundes gegeben war. LBM ist der Versuch, Tanz auf Dauer an Schulen zu etablieren, wohlgemerkt nicht Tanzpädagogik, sondern Tanz, wie ihn Profis ausüben. In LBM konnten wir viele Überlegungen und Erfahrungen den Tanz mit Schülerinnen und Schülern betreffend sowie diskursive Zusammenhänge zwischen Stadt und Bildungspolitik einfließen lassen, die zu einer besonderen Qualität des Projekts führten.

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