Extrem unwahrscheinlich

Haslach und Finkenschlag – Die Langzeit bespielung eines Stadtteils und der nicht zu ersetzende menschliche Faktor

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Langzeitbespielung des Freiburger Stadtteils Haslach 2010 – 2013 mit „Haslach – deine Heimat“, „Finkenschlag“, „Gutleutmatten“ und der Performance im Großen Haus „Showtime Finkenschlag“. Foto: Maurice Korbel
Langzeitbespielung des Freiburger Stadtteils Haslach 2010 – 2013 mit „Haslach – deine Heimat“, „Finkenschlag“, „Gutleutmatten“ und der Performance im Großen Haus „Showtime Finkenschlag“. Foto: Maurice Korbel

Es begann mit „Hit & Run“, bei dem eine Tänzer-Action-Einheit auf zwei Motorrädern im Geiste Luke Skywalkers durch die Stadt heizte. Eine Wohnung, ein ritueller Laserschwertkampf, das Ziel: die Performance. Von 2006 bis 2012 hieß die Tanzsparte am Theater Freiburg pvc: physical virus collective, ein kleines Ensemble von neun festen Mitarbeitern, darunter fünf Tänzerinnen und Tänzer, anfänglich unter der Leitung des Choreografen Joachim Schlömer gemeinsam mit dem späteren Leitungsteam aus Graham Smith, Tänzer und Choreograf, Tom Schneider, Regisseur, Inga Schonlau, Dramaturgin, und Johannes Kasperczyk, Manager. Hinzu kamen in einzelnen Produktionen viele assoziierte, ansonsten aber frei in der internationalen Tanzszene fluktuierende Kollegen.

pvc hat sich nicht nach dem ganz großen Plan, nach einem vollendeten künstlerisch-ästhetischen Konzept vollzogen. Die Gründer von pvc gaben sich vielmehr ein paar Aufträge, unter anderem: die radikale Öffnung institutioneller Grenzen, die Infragestellung von Heiligkeiten sowie die Mission, sich viral weiterzuentwickeln und den „Geist des Tanzes“ ausgehend von der kleinen Tanzgruppe immer weiter auszubreiten. Vielleicht ist die mission nicht accomplished, vielleicht wirkt sie noch fort. Neben Bühnenproduktionen, die oft Schauspiel und Tanz zusammenführten, wurde von Anfang an viel mit kleinen Aktionen und Performances im Stadtraum experimentiert. Es gab Bootlegs, Tanzraubkopien von bekannten Tanzstücken mit Laien, es wurden monatlich Milongas angeboten, bei denen die Community vom Bühneneingang bis zum Tanzstudio im vierten Stock Schlange stand. Es gab Tanztelegramme, die von Zuschauern ersteigert werden konnten. Wir tanzten Line Dance auf den Fluren und mit den Mitarbeitern des Arbeitsamts. Und mindestens zweimal pro Woche zogen zwanzig bis dreißig Jugendliche vom Tanzstudio im vierten Stock aus los in die Stadt, um l’art du déplacement zu feiern. Auch im Theater fügten die Jugendlichen der klanglichen und atmosphärischen Mischung aus Gesangsübungen, Wort- und Schreifetzen aus der Schauspielprobebühne Schweiß und Rhythmus der Konditionsübungen in Fluren und an Geländern hinzu.

pvc verstand sich von Anfang an als eine Art künstlerisches Aktionsbündnis, mit einem zeitgenössischen Verständnis von Tanz und einem Hang zur Folklore und der Lust, sich auf unsicherem Terrain zu bewegen. Neue Tänzer plumpsten nicht selten schonungslos ins kalte Impro-Wasser, aber auch ins „German Stadttheater“, wie Gavin Webber, Grayson Millwood, Kate Harman, Sumi Jang oder Tommy Noonan zu sagen pflegten. Damit meinten sie nicht zuletzt eine diskursiv höchst anspruchsvolle Dramaturgie, mit Interesse an „Tiefenbohrungen“, uaaahh anstrengend, die ein phänomenal anderes Bild sowie ein anderes Förderund Forderinteresse erzeugte als jene Kulturproduzenten, die ihnen aus dem internationalen Transfermarkt bekannt waren.

Aus anfänglichen sprunghaften und durchaus hormongesteuerten Ansätzen entwickelten sich mit der Zeit langfristige Projekte, darunter der Finkenschlag und „Learning by Moving“ (LBM). Mitbegründer und aktivistisches Zentrum von pvc wurde der Choreograf und Tänzer Graham Smith, der die großen Projektlinien auch nach dem Ende von pvc 2012 bis heute und in Zukunft am Theater und in der Stadt Freiburg weiterführt. Mit seinem Urban-Gardening-Projekt „Bambis Beet“ auf der Repräsentationsfläche des Theaters Freiburg – dem Blumenbeet vor dem Haupthaus, wo jahrzehntelang Lavendel und rosa Röschen blühten – hat er sich regelrecht physisch in die Erinnerung der Freiburger eingegraben. So niedlich, wie der Titel des Projekts klingt und die Zartheit von Pflanzen es vermuten lässt, war es gar nicht. Denn der Urban Garden florierte und spiegelte, wie höchst unterschiedlich die Vorstellungen von Kultur und Erinnerungskultur sind, wenn man Eis schleckend zwischen Himbeersträuchern der riesigen millionenschweren Baustelle gegenüber des Theaters zusah, wo zum Gedenken an die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung Freiburgs der Erdboden auf rund 3300 Quadratmetern mit Granitplatten versiegelt wurde.

Als letzten Beitrag zur Intendanz von Barbara Mundel wird Graham im Juli 2017 die Dietenbach-Festspiele aufführen, als visionären Beitrag zu dem neu entstehenden Freiburger Stadtteil. Während bisherige Projekte geradezu auf sozialen Schieflagen gründeten, ist Graham diesmal schneller und noch vor den Baggern da. Weil er vorhat, vorsichtshalber und gemeinschaftlich mit vielen Anwohnern eine „andere Seite von Dietenbach“ zu beleuchten, ist sein Projekt bereits jetzt ein städtisches und immobilienschweres Politikum. Graham steht inzwischen zwar kein eigenes Profi-Tanz-Ensemble mehr zur Seite, dafür aber eine riesige Gruppe von über zweihundert Laientänzern. In wöchentlichen Trainings, die Graham gemeinsam mit seiner Arbeits- und Lebenspartnerin Maria Pires seit Jahren Interessierten zwischen 5 und 95 gibt, führt er die Laientänzer an die künstlerische und tänzerische Arbeit heran. Er wirkt so aktiv an der Verortung des Tanzes in der Stadt. Der Name der Tanzgruppe ist Programm: die „School of Live and Dance“, kurz „SOLD“. Kurioserweise nennt Graham sie gelegentlich auch die „Söldner“.

Vielleicht drückt der militärische Slang ja auch die strukturelle Überforderung von pvc und einzelner Akteure aus – quasi eine selbst gewählte, künstlerisch begründete Überforderung, aber auch eine auferlegte. Denn pvc ist aus Spardruck entstanden. Anno 1999 waren die Tanzsparten der Theater Heidelberg und Freiburg so zusammengekürzt worden, dass die damaligen Intendanten auf die Idee kamen, die Tänzer für beide Häuser arbeiten zu lassen. Oft gelang es, die aus der Kooperation und Verpflichtung gegenüber beiden Theatern und Städten entstehenden Belastungsgrenzen pragmatisch zu nehmen, sie auch kreativ zu verwandeln, es führte aber immer wieder auch bis an den Rand der Selbstausbeutung.

Im Zwischenraum
Eh es tragisch/systemkritisch wird, leiten wir über zu dem äußerst günstigen Zwischenraum, den pvc sich dadurch zu schaffen vermochte. Denn durch die Kooperation gab es eine eigene kleine Verwaltungsstruktur mit eigenem Manager, Kaffeemaschine und bereits 2006, oh Wunder, die einzige WLAN-Verbindung am Theater Freiburg: „FreePVC“. So lag die finanzielle Planung beim Leitungsteam von pvc und ermöglichte lange Zeit eine gewisse Unabhängigkeit von den üblichen Theaterstrukturen und -hierarchien, vor allem in bürokratischer Hinsicht. Die Produktionen profitierten von den technischen Mitteln der Häuser, und wir operierten in der Nische. Wir planten noch kurzfristiger als das Schauspiel und ermöglichten teils sehr eigenwillige künstlerische Zusammenarbeiten oder stellten anderen Choreografen und Regisseuren Arbeitsmöglichkeiten in Form von Geld, Räumen, Vertrauen und Lässigkeit zur Verfügung. Junge Teams hatten die Möglichkeit, erste eigene Arbeiten zu entwickeln und ihre Netzwerke einzubringen. Es entstanden immer wieder überraschende Eigendynamiken. pvc war Hybrid und brachte andere Hybride hervor.

Die Stadtprojekte „Haslach 2010“ und „Finkenschlag“ (2011–2013) setzten ohne anstrengenden Überbau an und entwickelten sich zu einem großen Teil aus künstlerischem Eigeninteresse, aus Spaß an realer Konfrontation, aus Interesse an vielseitigen Begegnungen mit Menschen. Sie wurden künstlich-soziale Gebilde, die ganz eigene Realitäten hervorbrachten und alle Beteiligten überraschten. Diese spezielle Mischung aus künstlerischer Produktivität und Entspannung führt heute noch gelegentlich zur Mystifizierung des Finkenschlags.

Letztlich war pvc ein Schwellengang, eine künstlerische Überlebensstrategie, ein ziemlich unwahrscheinliches Konstrukt, das seine Qualität aus dem Charakter des Tanzes bezog – und der ist nun mal beweglich, emotional und vergänglich.

Haslach – deine Heimat!
Die Entscheidung für Haslach fiel aus der Ahnung heraus, dass in diesem etwas abgehängten Freiburger Stadtteil eine interessante soziale Spannung vorliegen könnte. Haslach ist eine eigenartige Mischung aus Dorf und Getto. Nebeneinander her existieren hier völlig unterschiedliche Lebensformen, Kleinbürger, Arbeiter, Migranten und in den äußeren Bereichen eine ganze Sinti-und-Roma-Siedlung in losen Behausungen und Wohnwagen.

Wir reaktivierten 2010 also den etwas maroden „Orbit“ (ein von Raumlabor Berlin in der ersten Mundel-Spielzeit konzipierter Wohn- und Arbeitscontainer, der in den Stadtteilen als künstlerisches Labor oder sogenannter Sozialraumgenerator aufgestellt worden war), setzten ihn auf das verwunschene Gelände der Staudinger Gesamtschule und ein durchsichtiges Tanzzelt dazu. Am Tag trainierten darin die Profis, am Nachmittag gaben wir Workshops, und ab dem frühen Abend luden wir zu Präsentation und Gespräch so ziemlich jeden irgendwie redewilligen Haslacher oder jede in Haslach vertretene Vereinigung dazu ein, sich vorzustellen: die Ringer, die Katholiken, die Protestanten, die Feuerwehr, den Stadtteil-Bürgermeister, die exjugoslawische Boule-Gruppe, Geschichtenerzähler und Archivare, Omas und Opas, Seniorenheimleiterinnen, die Polizei, Schulleiter, Kindergärtner, eine Aloha-Tanzgruppe, Yogalehrer, Fußballverein-Vorsitzende, Bewohner der französischen Militärsiedlung, Bewohner der denkmalgeschützten Gartenstadt, Bäcker, Eisdielenbesitzer. Metin Aldemir, Inhaber der türkischen Gastwirschaft „Zum Fuhrmann“, verkaufte Getränke.

Parallel dazu bereiteten wir mit einem Team von Choreografen, Tänzern und Dramaturgen eine Stadtreise durch Haslach vor, bei der am Ende ein Performance-Parcours entstand, den Zuschauer in vierstündigen Gruppenspaziergängen erleben konnten.

Wir bleiben länger: Finkenschlag
Als die Stadtreise und unser Aufenthalt in Haslach als Erfolg gehandelt wurden und wir unzählige Kontakte geknüpft hatten, wäre es einfach zu schade, schlicht nicht sinnvoll gewesen, wieder zum nächsten Projekt zu hoppen. Hier beginnt die Geschichte vom Finkenschlag, einer hässlichen Kneipe in einer Arbeitersiedlung von Haslach, eher ein Loch, eine Geisterbude, eine Männerhöhle, ein halböffentliches Wohnzimmer, um das sich manche düstere Legende rankte. Der Regisseur Wolfgang Klüppel wurde von pvc zum Kurator des Finkenschlags benannt. Er wurde selbst ein Haslacher Faktotum, indem er nach einem eigenen metafluiden, megaintuitiven, aber auch sehr menschenfreundlichen System, mit extremer Hartnäckigkeit und der Bereitschaft, im rechten Moment einen Schnaps/ Müller-Thurgau mitzutrinken, den Finkenschlag zu einer eigenen Matrix machte, zu einem Ort oder Fluchtpunkt, der eine eigene Realität schaffte. Der Finkenschlag war nie eine normale Außenstätte des Theaters. Wäre er eine gewesen, dann hätten sich andere Fragen zwischen den Polen Kontrolle und Vernachlässigung gestellt.

Residencies mit Gästen
Für zwei Jahre luden wir je vier Wochen internationale Tänzer, Choreografen und andere Künstler zu Residencies in den Finkenschlag ein. Manche nutzten die Zeit für tänzerische Forschung, manche operierten mit Themen wie „Winner und Loser“. Andere machten ihre eigene Herkunft zum Thema, wie der israelische Choreograf Ruby Edelman, der den Finkenschlag einzäunte, eine israelische Fahne hisste und wartete, ob das die Muslime im Viertel interessierte. Zum Ende wurden immer Performances oder Installationen präsentiert. Zwischen Nachbarn und den Künstlern ergaben sich lose Beziehungen, manchmal waren die Haslacher auch tiefer in Projekte eingebunden.

Zum Witz und zur harten Bedingung des Finkenschlags gehörte, dass die Residencies keinesfalls das sonst mit dem Titel verbundene abgeschottete künstlerische Arbeiten der Künstler ermöglichte, sondern sie dem Finkenschlag-Treiben an vielen Abenden ausgesetzt waren. Denn neben den Residencies luden wir zu so etwas wie niederschwelligen Unterhaltungsangeboten ein, die der Finkenschlag-Größe halber im Arbeitsraum/Wohnzimmer der Künstler stattfanden, das Bier holte man sich im gegenüberliegenden Kiosk. An den anderen Abenden besetzten oft die Haslacher Kinder die Sofas, bis die Tür irgendwann rabiat verschlossen wurde.

Die Künstler waren nicht Beobachter eines Milieus, der Finkenschlag ermöglichte keine Draufschau. Eher setzten Haslach und seine Bevölkerung Ideen und Themen frei. Wer aus den anliegenden Straßen oder aus anderen Teilen Freiburgs in den Finkenschlag geraten war, nahm interessiert an einer Art gegenseitiger Bespiegelung teil und war bereit, dabei seinen Humor einzubringen.

Lieber Folklore als Fakelore
Ein paar Beispiele: Bei der „Talkshow Haslach“ wurde der Finkenschlag wieder zu dem öffentlichen Wohnzimmer, das er als Kneipe einst gewesen war. Vier Moderatoren in ähnlichen Anzügen stellten Menschen aus Haslach vor. Weil man im Wohnzimmer Fernsehen schaut, orientierte sich die Show am üblichen deutschen Samstagabendprogramm. Vor der Tür lag ein roter Teppich, Scheinwerfer waren aufgestellt, und ein Kameramann filmte die Zuschauer und die jeweils ankommenden Gäste. Innen hatte der Bühnenbildner Jens Dreske drei einfache großformatige Holzrahmen an den Wänden aufgehängt, auf die die Kameraaufnahmen projiziert wurden. Es war ein Chaos, weil dauernd neue Zuschauer eintrafen oder Gesprächsgäste vor dem Interview hinaus- und wieder hineingeführt wurden. Das Publikum applaudierte jedem und sich selbst. Die eingeladene Ex-Wirtin des Finkenschlags traf erst um neun anstatt um sieben ein, aber dann redete sie gleich los. Beim ersten Mal dachten die anwesenden Kinder den ganzen Abend, sie seien live im ZDF.

Alle zeigten etwas, das sie konnten, oft am selben Abend in wilder Mixtur, die gelegentlich die eigene Community überraschte. In der „Russland-Woche“ sang der russische Hochschulchor am selben Abend dramatische heimatliche Volkslieder, an dem ein junger deutsch-russischer Singer-Songwriter seine eigenen Nietzsche-Übersetzungen präsentierte. Bei „Haslach Recordings“ gab Schauspielerin Sandra Hüller, die in der vorangegangenen Spielzeit ein Tanzprojekt mit Graham Smith und Regisseur und Musiker Tom Schneider gemacht hatte, ebenso ein Konzert wie Gigolo Reinhardt aus der Nachbarschaft.

Der Finkenschlag führte zu unzähligen Verzweigungen, Neu- und Wiederbegegnungen, künstlerischen und menschlichen Verschiebungen. Wir haben nie versucht, etwas besser zu machen, in Haslach oder für Haslach, wir haben eher neue Geschichten hinzugefügt.

Finkenschlag plus: Das erweiterte Ensemble
Besondere Qualitäten entstanden durch die inhaltliche und programmatische Einbeziehung von Nicht-Theater-Leuten. Dieses „erweiterte Ensemble“, wie es das Theater irgendwann nannte, profitierte vor allem vom Zusammenspiel mit den Künstlern. Bei einem seiner „Streifzüge“, bei denen er Zuschauer durch den Stadtteil führte, lernte Wolfgang Klüppel den Architekten Frank Zamboni kennen, der die Aussicht aus seinem Wohnzimmer zur Verfügung stellte und sich als Literaturexperte präsentierte. Er war dann nicht nur selbst ständiger Gast im Finkenschlag, er bekam mit „Zambonis Literatursalon“ auch eine eigene Veranstaltung. „Zambonis heißer Stuhl“, auf dem er Gäste in verwinkelte Zonen ihres Selbstbildes führte, wurde ein Highlight bei der „Talkshow Haslach“. Eine ganz andere Verzweigung entstand durch den Soziologen Emil Galli, der seinerseits seit einigen Jahren mit Studenten der Uni Freiburg durch die Stadt flanierte. Er eröffnete uns spezielle Erkenntnisse zu Haslacher Orten, Räumen und zur Historie, importierte seine Camera Obscura aus dem französischen Grenzgebiet in den Garten des Finkenschlags und brachte uns unter dem Titel „Stadt Land Flux“ zu Landpartien in den Kaiserstuhl. An den städtischen Psychodynamiken interessierte ihn unter anderem der Media Markt als moderne Kathedrale, die an einer Ausfallstraße Freiburgs einen infernalischen Suchtfaktor auf alle Auswärtigen ausübt, die ihn passieren. Wolfgang Klüppel nahm aufgrund dieser interessanten Sicht Kontakt zum Leiter des Media Markts auf, der bei einem weiteren Streifzug den Zuschauern ausführlich über die hauseigene Werbestrategie Auskunft gab. An gleicher Stätte, also im Media Markt, fand einige Zeit später eine irre Performance in folgender Konstellation statt: Graham Smith tanzte zu den normalen Öffnungszeiten vor den Kunden, zugleich sah man ihn auf sämtlichen Bildschirmen, während die Musik zur Performance von dem Tabla-Spieler und Musiker einer ehemaligen pvc-Produktion, Amjad Khan, live aus Bangalore beigesteuert wurde. Das Gesamtexperiment wurde wiederum live in die Kammerbühne des Theaters Freiburg übertragen. Dieses Projekt verantwortete der Medienwissenschaftler Daniel Fetzner, der seine künstlerische Forschung im Finkenschlag leibhaftig werden ließ.

Bei einer anderen seiner experimentellen Suchbewegungen rannte Graham Smith, von Kopf bis Fuß verkabelt, in einem lebensgroßen durchsichtigen Ball mit 15 Minuten Luftvorrat halb nackt durch Haslach. Das Ganze hatte ein Ende, als die uns aus vielfältigen Projekten bekannten Kinder in Unkenntnis der komplizierten Performance anfingen, Graham in seinem Ball zu jagen – bis er fiel und sich die Schulterbänder riss. Das war beinahe das Ende von Grahams tänzerischer Karriere.

Einer unserer wichtigsten Partner wurde Thomas Hartwich, Rektor der Haslacher Vigeliusschule II, einer Hauptund Werkrealschule, den wir bereits bei „Haslach 2010“ kennengelernt hatten. Wir erfuhren viel über Schulpolitik, sogenannte Brennpunktschulen und informelle Exklusionsmechanismen. Das gegenseitige Interesse führte zu den Schulprojekten „Hurra, Hurra, die Schule tanzt“ ebenso wie zu „Learning by Moving“. Und einmal spielte Thomas Hartwich mit in der Vorband des Konzerts von Bernadette La Hengst. Der Historiker Michael Berger freute sich nach einer langen Karriere an der Uni Freiburg noch einmal über ganz neue Vortragsformen, wenn zu seinen Abenden über den „Alltag der Stadt“ Graham Smith tanzte. Die Kettenreaktionen lassen sich fortsetzen. Im Finkenschlag mischten sich die Kreise und Generationen.

Rohholz, Dampfsauna und sonstige Erhitzung
Einmal im Monat kamen immer alle beim „Badisch Sushi“ zusammen. Autor Paul Brodowsky kochte, und Tänzer, Schauspieler und andere Mitarbeiter des Theaters wuschen Salat, bevor sie zwischen den Tischen performten. Der Wein stammte wiederum aus Emil Gallis Kaiserstühler Heimat und wurde gelegentlich vom Winzer persönlich vorgestellt. Der Platz war eng und begrenzt, aber leisten konnte sich für 3,50 Euro jeder das köstliche Fünf-Gänge-Menü. Der Finkenschlag war zwar ein Loch, den Gästen wurde aber viel geboten. Wer Lust hatte, konnte des Nachts noch in die Dampfsauna im Garten gehen. Die war wiederum gezimmert aus dem Rohholz, mit dem die australischen Choreografen Grayson Millwood und Gavin Webber den Finkenschlag bei ihrer Sexdoll-Performance von innen vernagelt hatten. Ohnehin war der Finkenschlag dauernd im Auf- und Abbau während der Residencies und während der Performances zwischen den Gästen.

Die Zürcher Szenografen Ortreport & Meier/Franz krönten den Finkenschlag nach zwei Jahren kurz vor Schluss mit einem zweigeschossigen Vorbau und erklärten ihn zum „Palais de Haslach“. Zur Freude der Nachbarn, die für zwei Monate auf eine schöne und komplizierte Holzfront blickten, überrascht über die vollendete Schweizer Handwerksarbeit den drei Szenografen zuschauten und bei Bedarf ihr Werkzeug ausliehen. Der Dramaturgie des Freiburger Theaters diente der kleine Raum mit Blick über die Straßen von Haslach ein paarmal zur Spielzeitplanung. Mit „Gutleutmatten“ führten wir den Sommer über die Open-Air-Variante des Finkenschlags auf der Brache der ehemaligen Kleingartenkolonie auf.

Mister Smith
„Ich bezeichne mich nicht als Künstler. Ich tue einfach das, was ich für sinnvoll halte.“ (Graham Smith)

Ziemlich sicher ist Graham ein Künstler, mit einem extrem breiten Wirkungsfeld und einem lebenspraktischen Verständnis von Kunst. Aber vor allem ist er Tänzer, Überzeugungstänzer. Er versucht, die Qualitäten, die er von klein auf und dann als Profi im Tanz entdeckt hat, in die breite Bevölkerung zu tragen. Er will nicht eine neue Liga von Tanzprofis heranbilden, sondern möglichst vielen die Wahrnehmung der Realität durch tänzerische Kategorien ermöglichen. Mister Smith, wie ihn die meisten Kinder in seinen vielzähligen Projekten nennen, ist der nicht zu ersetzende menschliche Faktor.

„Mein Ziel ist nicht, eine neue Generation von Theaterprofis zu rekrutieren. Ich hoffe, dass die Kinder, egal ob sie Schreiner, Lehrerin, Topmanagerin oder Schauspieler werden, gestärkt aus unserer Zusammenarbeit hervorgehen.“ (Graham Smith)

Mehrmals pro Woche unterrichtet er im Tanzstudio des Theaters Freiburg oder auch im Altenheim. Anfänglich war es eine Gruppe Jugendlicher zwischen 14 und 23 Jahren, die aus dem pvc-Projekt „Herr der Fliegen“ hervorging. Inzwischen unterrichtet er auch die SOLD-Sprossen, Kinder von 7 bis 12, und SOLD Gold, Erwachsene ab 50 Jahren. Das professionelle Training ist umsonst. Dafür sind alle SOLD-Tänzerinnen und Tänzer immer wieder an Projekten innerhalb und außerhalb des Theaters beteiligt, performen in großen und kleinen Projekten, pflanzten mit Graham „Bambis Beet“. An den unzähligen positiven Reaktionen, der täglichen Benutzung des Gartens durch die Freiburger ist Grahams Resonanzfeld ebenso zu spüren wie an den Hassbriefen, die ihn erreichen.

Grahams Arbeit ist eine einzigartige, kontinuierliche, umfeldbezogene künstlerische Arbeit, aus der sich immer neue Anschlüsse und Themenstellungen aufbauen. Er nutzt alle positiven Bedingungen des Theaters Freiburg, und er trotzt allen widrigen.

Eine Vertiefung: Learning bei Moving
Gerade an dem zweijährigen Pilotprojekt „Learning by Moving“ (LBM) zeigt sich, welche besonderen Bedingungen es manchmal braucht, nicht zuletzt eine finanzielle Förderung, die durch den „Tanzfonds Partner“ der Kulturstiftung des Bundes gegeben war. LBM ist der Versuch, Tanz auf Dauer an Schulen zu etablieren, wohlgemerkt nicht Tanzpädagogik, sondern Tanz, wie ihn Profis ausüben. In LBM konnten wir viele Überlegungen und Erfahrungen den Tanz mit Schülerinnen und Schülern betreffend sowie diskursive Zusammenhänge zwischen Stadt und Bildungspolitik einfließen lassen, die zu einer besonderen Qualität des Projekts führten.

Bereits das Schulprojekt „Hurra, Hurra die Schule tanzt“ hatte uns an die Vigeliusschule II geführt, an der wir ein halbes Jahr lang mit einer Gruppe von acht Künstlern den Schulunterricht am Freitagvormittag gestalten konnten. Nach solchen Projekten stellte sich aber immer wieder die Frage, wie die Kinder nach einem solchen künstlerischen Ausnahmezustand mit kräftigen Ausdrucksformen und ungewöhnlichen Begegnungen mit Tänzern zurück in den Schulalltag finden. Wir fanden es schwierig, etwas anzuregen, das sich im weiteren (Schul-)Leben womöglich nicht einlöst. Wir wollten uns unter anderem auch von der bildungspolitischen Idee freimachen, Tanzprojekte könnten zu besseren Schulnoten führen oder zumindest ganze Klassenverbände in hoffnungsvolles Licht setzen. Die Lehrer erzählten, dass ihre Schüler die Schulzeit oft als Blase, als Erholungsraum von harten Familienverhältnissen erleben oder als Schonzeit, bevor der berufliche Abstieg kommt. Wir waren dann wohl die Blase in der Blase.

Das Projekt „Learning by Moving“ setzt bewusst vor der in Deutschland üblichen Teilung in drei Schulformen an, also bereits während der Grundschule. Und es stellt kein voraussetzungsreiches inhaltliches Thema an den Anfang – bei Schulprojekten an sogenannten Brennpunktschulen sind das dann nicht selten explizit oder implizit Themen wie kulturelle Integration, Migration, Familie, soziale und persönliche Hintergründe.

„Das Curriculum für die dritten Klassen basiert auf der Laban-Bartenieff-Methode. In ihr werden Bewegungen in kleine Teile zerlegt und analysiert. In gewissem Sinne werden Kategorien des Tanzes wie Raum, Zeit, Dichte, Gewicht oder Energie buchstabiert. Diese Struktur wirkt trocken, stellt aber auch eine große Freiheit dar. Die Kinder sind nicht gezwungen, gleich etwas Persönliches einzubringen. Sie können zunächst sehr abstrakt forschen, ohne dass ein psychologisches Moment involviert ist. In diesem Punkt unterscheidet sich LBM von anderen Projekten, die sehr stark von den Persönlichkeiten der Kinder ausgehen.“ (Graham Smith)

LBM stellt den Kindern einen anderen Erfahrungsraum zur Verfügung. Das Curriculum ist auf zwei Jahre angelegt, in denen die Kinder dreimal wöchentlich über mehrere Monate ins Theater kommen, erst im zweiten Jahr ist eine künstlerische Produktion mit einer großen Bühnenpräsentation am Ende geplant. Der Probenprozess ist der abschließenden Vorführung mindestens gleichgestellt, sodass die Kinder von Aufführungs- und Präsentationsdruck möglichst befreit sind. Es gibt Trainingsrituale wie den Brain-Dance, tänzerische, choreografische und reflektierende Elemente. Die Kinder erfahren Nähe und Distanzen, erweitern ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung. Sprache ist mit den tänzerischen Aufgaben unmittelbar verbunden. Die Kinder nehmen Begriffe auseinander und erfahren körperlich den Unterschied zwischen ziehen, zerren, reißen, zwischen schwanken, fallen, plumpsen, zwischen rennen und rasen. Es geht kraftvoll, heftig, wild zur Sache, aber auch weich, zart, sensibel, poetisch, bei Mädchen und Jungen gleichermaßen. Nach den einzelnen Übungen geben sich alle gegenseitig konkrete Rückmeldungen. Etwas ist nicht einfach toll oder einfach blöd. Die Kinder können genau und konstruktiv beschreiben, was sie in den Bewegungen der anderen gesehen haben. Es geht darum, zu verstehen, warum etwas eine Wirkung hat, auch darum, was es beim Gegenüber auslöst. LBM setzt Freude und Konflikte frei. Alle sind gleichermaßen am Lernprozess beteiligt, Kinder, Tänzer und Lehrer. Alle üben. Und alle kooperieren.

„Ich glaube, dass zeitgenössischer Tanz, so wie er bei ,Learning by Moving‘ im Mittelpunkt steht, eine sehr offene Plattform ist, die Zugänge für unterschiedliche Menschen schafft, sowohl beim Machen als auch beim Zuschauen. Dabei geht es ja um eine andere Form der Erkenntnis, die normalerweise keine Rolle im Leben und in der Bildung spielt.“ (Graham Smith)

Im zweiten Jahr von LBM wurde die Barock-Oper „Hesch Affekte?“ entwickelt, ein Stoff, der auch vielen Eltern zunächst elitär erschien. Spätestens in den Vorführungen zeigte sich dann, wie weit die Schülerinnen und Schüler darin waren, das Thema des Barock, nämlich die Vielfalt und Tiefe von Emotionen, zu verstehen und sich zu trauen, sie zu zeigen oder zu teilen.

„Es geht bei LBM nicht nur darum, ein Gefühl von Stärke zu entwickeln. Mich als Künstler interessieren auch Momente des Fragilen und Labilen. In diesem Punkt unterscheidet sich ein künstlerischer Prozess von der Schule. Niemand interessiert sich in der Schule für ein fragiles Kind. Auf der Bühne darf ich traurig sein.“ (Graham Smith)

Auch in der im Tanz üblichen Zusammenarbeit im internationalen Ensemble drehen sich selbstverständlich viele Standards um: Die kulturelle Herkunft wird erst einmal als Reichtum angesehen und nicht als Problem der Integration. Und Sprache ist eine von vielen Möglichkeiten des Austauschs.

Showtime
Mit „Showtime Finkenschlag“ kam das ganze Unternehmen am Ende des ersten Jahres noch ins Theater und vervielfältigte sich beinahe ins Unendliche. Konkret standen da vier naturalistische Finkenschlag-Fassaden auf der Hinterbühne des Theaters Freiburg, und in einer zehnstündigen Live-Performance spulten wir durch ein Jahr Finkenschlag. Alle waren wieder da. Die Ringer, die Aloha-Frauen, Emil Galli, Gigolo Reinhardt. Mustafa Bozkurt verkaufte Getränke hinter einer Nachbildung seines Kiosks, Michael Berger erzählte über den Alltag der Stadt und war genervt vom Lärm der vielen Umbauten in den vielen Finkenschlägen, Gavin Webber und Kate Harman luden zu ihrer derben „Winners & Losers“-Show, wir schalteten live zu Ruby Edelman nach Tel Aviv, die Talkshow lief quasi die ganze Zeit, und Badisch und Sushi verschmolzen auf der sich langsam drehenden Bühne. Zur späteren Uhrzeit drehte sie auch schneller, innen und außen war nicht mehr zu unterscheiden, die Musik wurde elektronischer und der Tanz abstrakter. Operation am offenen „Heart of the City“. Es entstand tatsächlich ein Kunstwerk, in dem die Nachbarschaften, Erzählungen und Heterogenitäten verdichtet wurden und dennoch sehr real vor dem Zuschauer abliefen. Der Finkenschlag drehte und kochte dann noch eine ganze Spielzeit weiter, während 2012 das Ende von pvc besiegelt war. Die extreme Öffnung hat es in gewisser Weise die eigene Existenz gekostet. Jedenfalls konnte sich das Tanzkollektiv als künstlerische Einheit in der Theaterinnen- und -außenpolitik nicht mehr behaupten.

Vergänglichkeit ist ja ein schweres Los, aber eben auch ein wertsteigerndes Moment. Wenn jemanden tatsächlich die Frage interessiert, ob das Kunst oder Soziales sei, dann würde ich sagen, das war Realität im Gebrauch von Imagination oder, wie der Journalist Jürgen Reuß es nannte, „die Verteidigung der Grauzone“.

Konserviert wurde der Finkenschlag immerhin in der Hörspiel-Serie „Blaues Gras“ von David Lindemann, in der Compilation von „Haslach Recordings“, aufgenommen von Tom Schneider, und in der kompletten fotografischen Dokumentation von (Danke!) Maurice Korbel.

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/buch/heart_of_the_city_ii/35374/komplett/