Kaisers Sprechstunde

Wir müssen reden! Bad-Practice-Beispiele aus elf Jahren Junges Theater Freiburg. Eine Bestandsaufnahme für eine produktive Zukunft

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Dennoch ist es im Stadttheaterbetrieb bisweilen schwierig, ergebnisoffene Recherche- und Forschungsphasen auszuhalten und lange Zeit nicht zu wissen, worauf etwas hinauslaufen wird. Spätestens im Frühjahr, wenn der neue Spielplan der Öffentlichkeit präsentiert werden soll, muss man Farbe bekennen und die Vorhaben des nächsten Theaterjahres benennen können. Was zu Beginn unserer Freiburg-Zeit gut funktioniert hat – nämlich ausführlich, nachhaltig und vor allen Dingen jenseits der Theatermauern einen Modus des Empfangens einzunehmen –, wurde im laufenden Spielbetrieb zunehmend schwerer, zumal die Förderung des „Orbit“-Projekts durch die Kulturstiftung des Bundes nach einem Jahr auslief. Mit unserem Satelliten verloren wir ein Werkzeug theatraler Stadterkundung, das uns dazu ermahnt hatte, Projekte nicht vom Mutterschiff Theater aus am Reißbrett zu kreieren.

Ich selbst habe unter anderem einmal pro Woche „Kaisers Sprechstunde“ im „Orbit“ abgehalten und dabei wahrscheinlich mehr über das Freiburger Publikum, seine Besonderheiten und seine Sicht auf das Theater gelernt als in all den Spielzeiten danach. Denn ein, zwei Jahre später steckte ich meist in drei Produktionen gleichzeitig, war massiv vom Alltagsgeschäft in Beschlag genommen und bemerkte irgendwann, dass sich das Prozedere bis zu einem gewissen Grad umgedreht hatte: Wir generierten diverse Positionen unseres Spielplans nun nicht mehr aufgrund unserer Erfahrungen im Stadtraum, sondern entwickelten sie zunehmend in Dramaturgie-Klausuren. Das kann man natürlich tun, und ich bin sicher, dass uns dabei viele spannende und künstlerisch aufregende Projekte gelungen sind. Doch manchmal entstanden so Kopfgeburten – Projektkonstellationen, die in der Praxis mäßig funktioniert haben und die wir so eigentlich vermeiden wollten.

Bei einer Produktion, von der ich hier stellvertretend berichten möchte, hatten wir die Idee, Schülerinnen und Schüler aus einem Gymnasium (Umland) und einer Hauptschule mit hohem Migrationsanteil (Freiburg-Stadt) in einem musikalischen Projekt zusammenzubringen, das sich mit dem Thema „Heimat“ auseinandersetzen sollte. Die gemeinsame Sprache sollte die Musik sein, die künstlerische Reibung in der Heterogenität beider Gruppen begründet sein. Als ein Ziel wurde die Chance formuliert, Menschen in einem künstlerischen Prozess zusammenzubringen, die sich sonst nicht begegnet wären. Das klingt zunächst nach einem schlüssigen Konzept.

Nachdem einige Zeit geprobt worden war, stand ich einmal mit einer übel gelaunten Gruppe im Fahrstuhl; es handelte sich um Teilnehmer der Hauptschulklasse. Sie waren ins Gespräch vertieft und schimpften heftig über die Gymnasiasten, die alle Noten lesen und Instrumente spielen könnten und sowieso total arrogant seien. Was war geschehen? Im Prozess war eine Art Wettkampf beider Gruppen entstanden. Hatte man anfangs auf der Probebühne noch mit Lust am Improvisieren gemeinsam Spielthemen und -formen erkundet, wurde der Druck zunehmend größer, als sich das Premierendatum näherte: So, Schluss mit lustig, ab heute wird es ernst! Ein Knackpunkt, der letztlich bei jedem Kinder- oder Jugendprojekt droht. Hatte zuvor noch die Freude am Ausloten und Fabulieren die Proben dominiert, wurde mit einem Mal an Eigenschaften wie Ehrgeiz und Perfektion appelliert. Man kann den Frust der Schüler verstehen, da Spontaneität und Kreativität zugunsten von Reproduzierbarkeit und Genauigkeit aufgegeben wurden – und damit Werte in den Mittelpunkt rückten, die nicht das gesamte Ensemble vertreten wollte. Und an diesem Punkt zeigt sich für mich, wie kontraproduktiv es war, das Projekt mit einem fixen Premierendatum und Folgevorstellungen disponiert und das mission statement bereits in der Jahresvorschau formuliert zu haben. Hier wäre es wahrscheinlich klüger gewesen, erst einmal die Gruppen getrennt voneinander kennenzulernen, sie irgendwann zusammenzuführen und nach und nach zu erkunden, wohin die Reise gehen könnte. Vielleicht wären daraus am Ende zwei getrennte Projekte entstanden, eventuell hätte man den musikalischen Schwerpunkt aufgegeben oder das Thema „Heimat“ fallen gelassen. Auf jeden Fall hätten wir uns mehr Raum geben müssen, denn am Ende war niemand wirklich glücklich. Zwischen den Klassen war ein doch recht tiefer Graben entstanden, der zwar in den Endproben ein wenig geschlossen werden konnte, jedoch nie mehr komplett verschwand.

Die Presse wusste wenig Positives über das Stück zu berichten, und das führt mich zu einer weiteren offenen Frage, wenn es um Kinder- und Jugendprojekte geht: Natürlich möchte man gesehen werden – will, dass die lokale Zeitung über die Premiere berichtet und mit ihrem Artikel darüber neugierig macht. Wenn die Kritik dann aber wenig euphorisch oder gar vernichtend ausfällt, entwickelt sich unter Umständen ein größeres Problem. Denn man hat monatelang intensiv mit Menschen gearbeitet, die Zeit, enorm viel Kraft und meist ebenso viel Herzblut investiert haben. Selten wurden unsere nichtprofessionellen Spielerinnen und Spieler in Rezensionen negativ bewertet, aber auch ein Verriss des Konzepts oder des Leitungsteams nagt oft nachhaltig an der Moral im Ensemble. Wir arbeiten schließlich mit Menschen zusammen, die Theater als Hobby betreiben und sich beim Erscheinen der Premierenkritik mit einer professionellen Berichterstattung konfrontiert sehen. Was also tun: Die Presse nicht mehr einladen oder sie um eine rein deskriptive Berichterstattung bitten? Damit würden wir diesen Bereich unseres Theaters aber auch wieder sehr klein denken.

Groß zu denken ist letztlich wichtig, wenn man die Strahlkraft von Theaterarbeit mit jungen Menschen sichtbar machen möchte. Dennoch bin ich zunehmend skeptischer geworden, wenn es um Großprojekte geht. Denn man argumentiert hier oft in erster Linie über den Faktor Quantität: „Ein Theaterstück mit 250 Beteiligten“ – liest sich gewaltig (die drei Ausrufezeichen ergänzt man fast automatisch im Geiste) und möchte deutlich machen, wie viele Menschen Kunst mobilisieren kann.

Ich möchte nicht generell gegen Produktionen dieser Ausmaße argumentieren. Wenn mein Kollege Graham Smith über Jahre mit seinen unterschiedlichen Gruppen der School of Life and Dance forscht, probt und tanzt und sie punktuell für Vorhaben auf der großen Bühne zusammenbringt, ist das in meinen Augen ein sehr produktiver und sinnvoller Vorgang. Ich habe es jedoch leider schon einmal zu oft erlebt, dass an anderer Stelle riesige Menschenmengen auf die Bühne gezerrt und dort ohne individuellen Spielraum choreografiert wurden. „Da muss man klare Ansagen machen, das geht mit so vielen Menschen gar nicht anders.“ Aha. Und vielleicht liegt ja genau hier das Problem. Um das Interesse am Gegenüber und gegenseitige Lerneffekte kann es hierbei nicht gehen, in der Regel kennt die Regie bei solchen Vorhaben nicht einmal die Namen der Beteiligten. Am Ende steht der Verdacht im Raum, dass mithilfe einer gigantischen Überwältigungsdramaturgie verschleiert werden sollte, dass das in diesem Zusammenhang bevorzugt verwendete Label „Beteiligung“ nur ein Schlagwort war, nicht zuletzt da Kategorien wie „Partizipation“ und „Bürgerbühne“ in der Theaterlandschaft so wichtig geworden sind.

Und wenn die Dernière über die Bühne gegangen ist, muss man sich die Frage stellen, was aus den 250 (!!!) Beteiligten wird, die man ins Haus geholt hat: Gibt es für sie kontinuierlich Folgeangebote, oder handelte es sich am Ende doch nur um ein einmaliges Prestigeprojekt? Und was nehmen die Einzelnen wirklich aus dem Prozess mit, neben dem Umstand, einmal unter professionellen Bedingungen mit 249 anderen auf einer Bühne gestanden zu haben?

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