Kaisers Sprechstunde

Wir müssen reden! Bad-Practice-Beispiele aus elf Jahren Junges Theater Freiburg. Eine Bestandsaufnahme für eine produktive Zukunft

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Als wir 2012 vier Schauspielerinnen und Schauspieler unseres Ensembles in „Die Unbeschulbaren“ auf vier Schulverweigerer treffen ließen, ging sicherlich keiner der Beteiligten ungerührt aus der Produktion heraus. Die Gemengelage war schwierig, der Prozess ein enormer Kraftakt für alle Beteiligten. An dieser Produktion entzündete sich eine heftige Diskussion, welche Aufgaben Darsteller an unserem Haus haben und ob die Vision der Leitung von einem „Stadttheater der Zukunft“ Sozialarbeit zugunsten von Kunst in den Vordergrund stellen würde. Die Probenarbeit in dieser Konstellation mit „Problemjugendlichen“ war komplex, gerade weil der Regisseur sie nicht als Pädagoge, sondern als Künstler ansprach. Es gab unendlich viele Gespräche und Verwerfungen – und dennoch war „Die Unbeschulbaren“ einer der spannendsten Theaterabende der letzten elf Jahre, der das Scheitern auch auf der Bühne verhandelt hat. Zwar war auch dieses Vorhaben am Reißbrett entworfen worden, aber das Team hatte den Mut, die Probleme zu thematisieren und den Prozess bis zum Schluss flexibel zu gestalten. Scheitern kann auch interessant sein, wenn man abrückt von einer Ästhetik des Perfekten und Getrimmten. Ich persönlich finde es immer spannender, junge Menschen auf der Bühne zu beobachten, die ihre Individualität, ihre ureigene Lebensgeschichte oder auch ihre Unangepasstheit sichtbar werden lassen.

Am Jungen Theater interessieren wir uns also für Menschen und ihre Geschichten – oftmals besonders für solche, deren Biografien von Brüchen und Diskontinuitäten geprägt sind. Wir haben gelernt, dass „gut gemeint“ nicht gleich „gut“ ist und dass man sich keinesfalls naiv in diese Arbeit begeben sollte. Intensive Vorbereitung, Vorortrecherche und Gespräche mit externen Experten sind unabdingbar, denn gerade bei Projekten mit heterogenen oder multikulturellen Ensembles kann man unendlich viele Fehler machen. Beispielsweise Vorstellungen am Schabbat anzusetzen, ausschließlich Schweinefleisch-Hotdogs bei der Premierenfeier zu servieren, während der Proben von den „deutschen Teilnehmern“ zu sprechen – diese Liste ließe sich seitenweise erweitern.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, sämtliche Kolleginnen und Kollegen mit ins Boot zu holen. Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, hätte es unsere Arbeit vor elf Jahren wahrscheinlich ungemein erleichtert, hätten wir vorab Grundsatztermine einberufen und sämtliche Beschäftigte ausführlich über unsere Ideen informiert. So jedoch mussten wir das neue Konzept der Öffnung immer wieder zwischen Tür und Angel (er-)klären und nahezu wöchentlich Krisensitzungen mit einzelnen Abteilungen abhalten. Nachdem beispielsweise an der Theaterpforte über Jahrzehnte die Losung ausgegeben worden war, dass nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Theaterinnere kommen, stellte unsere Herangehensweise einen größeren Paradigmenwechsel dar. Denn mit einem Mal wurde nicht mehr an der Idee der Trutzburg festgehalten und von der künstlerischen Leitung gar die Losung ausgegeben, dass alle eingeladen seien, das Theater zu entern. In den ersten Jahren war das durchaus eine Belastungsprobe, da junge Menschen sich wartend am Bühneneingang oder in Aktion auf einer Probebühne nicht zwingend wie Schauspieler oder Sängerinnen vor und während der Probe verhalten. Und es wurden von Spielzeit zu Spielzeit mehr.

Das führte auch dazu, dass der bürokratische Aufwand hinter den Kulissen zunehmend komplexer wurde. Wenn junge Menschen in einem professionellen Theaterbetrieb auf der Bühne mitwirken, fällt diese Teilnahme unter das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG). Dieses Gesetz regelt die Rahmenbedingungen und gibt unter anderem vor, in welchem zeitlichen Umfang Kinder und Jugendliche an Proben und Aufführungen mitwirken dürfen. Außerdem müssen alle Schulpflichtigen ein Formular vorlegen, das von den Erziehungsberechtigten, der Schule und einem Arzt zu unterschreiben ist. Dieser Vorgang ist sinnvoll, da dadurch gewährleistet werden soll, dass Gesundheit und schulische Leistungen nicht unter dem Theaterengagement leiden. Im Falle der Produktion „Carmen now!“ brachte uns diese Formalität 2008 jedoch in größere Schwierigkeiten und führte zu unangenehmen Situationen, die wir so nie vorhergesehen hätten.

Die Idee dieses Projekts war, dass wir die „Carmen“- Geschichte aus einer heutigen Perspektive erzählen und die Grundkonstellation umdrehen wollten: In unserer Version war die Protagonistin eine Deutsche namens Carmen Müller, die sich in einen jungen Roma-Mann verliebte, sehr zum Argwohn der Familien auf beiden Seiten. Beteiligt waren Jugendliche und junge Erwachsene aus Freiburg und junge Roma aus einem Flüchtlingswohnheim, die gemeinsam zu den Besonderheiten der jeweiligen Kultur und zu gegenseitigen Vorurteilen recherchierten. Die Stimmung auf den ersten Treffen war hervorragend, kippte jedoch sehr schnell, als wir auf besagte Formulare zu sprechen kamen. Bürokratie und Formulare sind bei Geflüchteten zwangsläufig ein schwieriges Thema, da sie damit in der Regel bei ihrer Ankunft in Deutschland weniger gute Erfahrungen gemacht haben oder sogar traumatische Erinnerungen assoziiert werden. Besonders heikel war jedoch der Umstand, dass ein Arzt das Formular unterschreiben sollte. Die Roma wurden augenblicklich misstrauisch: Warum ist eine medizinische Untersuchung nötig, um Theater spielen zu können? Es kam das Gerücht auf, dass das Theater fürchtete, sie könnten Krankheiten in das Projekt einschleppen. Uns wurde schnell klar, dass die Produktion auf der Kippe stand. Würden wir die Formulare weiter einfordern, würden die Roma aussteigen. Würden wir keine Formulare vorlegen, würde die Premiere von Amts wegen nicht gestattet werden. Wir befanden uns in einer Sackgasse und mussten konsterniert festhalten, dass ein Projekt, bei dessen Proben die deutsche Gründlichkeit und Bürokratie immer wieder als Problem benannt worden waren, tatsächlich daran zu scheitern drohte. Letztlich konnten wir „Carmen now!“ nur durch den Schritt retten, dass das Theater als Veranstalter zurücktrat und die Leitung des Projekts an einen Kooperationspartner übergab. Hierbei handelte es sich um einen Verein für Jugendkultur, der als eingetragener Verein nicht unter das JArbSchG fiel und die Formulare somit nicht vorzulegen hatte.

Mit jeder neuen Produktion haben wir also dazugelernt und unsere Expertise erweitert. Parallel wurden die Fachdiskussionen zum Themenfeld „Kulturelle Bildung“ immer differenzierter geführt, und vielerorts ist deutlich geworden, dass ein neuer Weg einzuschlagen ist: Hangelte man sich früher oft von Projekt zu Projekt („Projektitis“), geht es heute vermehrt darum, dauerhafte Partnerschaften einzugehen und Strukturen zu schaffen, die eine auf Kontinuität basierte Arbeit ermöglichen. Mein Team und ich haben mit voller Überzeugung, beharrlich und sehr hart am Theater Freiburg daran gearbeitet, die Kinder- und Jugendsparte zu einem festen Bestandteil des Hauses zu machen. Als Barbara Mundel ihre Intendanz jedoch 2014 zur Disposition gestellt hat und unklar war, wer ihr 2017 folgen würde, stellte ich mir die Frage, was nun aus alldem werden würde – aus unseren Konzepten und den vielen Menschen dieser Stadt, mit denen wir kollaborierten. Wäre es möglich, dass all das in Zukunft zurückgefahren, minimiert oder gar abgeschafft werden würde? Nein, das Potenzial dieser Sparte müsste doch erkannt werden. Oder etwa nicht?

Glücklicherweise wird die Arbeit des Jungen Theaters auch künftig fortgesetzt. Dennoch steht für mich die Frage weiter im Raum, wie man es ermöglichen kann, Strukturen in diesem Bereich über die Dauer von Intendanzen hinaus zu begründen und sie unabhängig von Personalien fest zu verankern. So etwas zu gewährleisten wäre in meinen Augen ein Best-Practice-Beispiel, von dem ich mir gerne ausführlich auf dem nächsten Kongress, den ich besuche, berichten lassen würde.

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