Strange Migrations

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Typischerweise beschäftigen sich meine Bücher ganz explizit, wenn auch fast unbewusst, mit Themen, die mich immer wieder faszinieren: Kolonisierung, Migration, Übersetzung, Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede. Das Überwinden von Grenzen gehört zu den Wesensmerkmalen einer Geschichte. Es ist zudem ein universeller Teil des Lebens, den ich hier mit Blick auf meine Erfahrungen als Autor von Bilderbüchern, Graphic Novels und anderen illustrierten Geschichten reflektiere. Es ist mein Glück, dass meine Werke in viele verschiedene Sprachen übersetzt werden und dass sie den Spagat zwischen Nationen und Kulturen schaffen. Dieser Spagat verbindet auch unterschiedliche Lesetraditionen oder „-kulturen“ zwischen Kinderbüchern, Science Fiction, bildender Kunst, Film, Theater und Comic und die Geschichten wandern zwischen den Genres von Fantasy bis sozialem Realismus. Zugleich gehören die Leser*innen verschiedenen Generationen an und schaffen damit eine weitere Verbindung. Das Sprechen über unterschiedliche Kulturen sollte also auch die Unterschiede zwischen Kindsein und Erwachsensein thematisieren.

Freiheit an der Peripherie
Migration spielt auch in meinem eigenen Leben eine Rolle. Ich komme aus Perth, Australien, und habe chinesische, malaysische, irische und englische Wurzeln. Obwohl meine Arbeit nicht besonders autobiographisch daherkommt und ich diese Aspekte nicht in den Vordergrund stelle (sie galten in meiner Kindheit als uninteressant), vermute ich, dass dieses Erbe in indirekter Weise von großer Bedeutung ist. Zum Beispiel interessieren mich Fragen nach Zugehörigkeit, Unterschiedlichkeit und der Unterscheidbarkeit von bekannt und „normal“ bzw. exotisch und „seltsam“ mit schöner Regelmäßigkeit.

Das Perth meiner Kindheit war ein peripherer Ort, nicht nur geographisch, sondern auch generell. Peripherie ist hier positiv zu verstehen als ein Ort der Möglichkeiten und Chancen. Die Idee der Peripherie war immer wichtig für mich wie wahrscheinlich für die meisten kreativen Menschen. Es ist ja viel einfacher, Grenzen zu überschreiten oder innerlich Migrationsprozesse zu durchleben, wenn es nicht allzu viele Zäune gibt oder wenn man – durch äußere Umstände oder die eigene Entscheidung – ohnehin schon ein Außenseiter ist. Wenn mich das Wechselspiel zwischen Kunst und Leben etwas gelehrt hat, dann die Gewissheit, dass es so etwas wie „normal“ nicht gibt. Kultur, Natur, Familie, Glaube, Arbeit, Spiel, Sprache – all diese Dinge sind flexible Realitäten.

Universelle Fremdheit
Kulturelle Unterschiede sind per se interessant und oft amüsant, aber sie erzählen uns auch eine Menge über uns selbst und das Wesen der Menschen. Was haben wir also alle gemeinsam? Was verbindet uns und definiert Menschlichkeit? Wo ist die eine „Haltestelle“, an der jeder „Kulturzug“ hält? Diese großen, philosophischen Fragen müssen nicht groß und philosophisch gestellt werden, denn sie sind überall, auch klein und bescheiden, vor allem in der Literatur für ein junges Publikum.

Interessanterweise suchen Autor*innen und Künstler*innen (wie auch Kinder) nicht nach Antworten, indem sie das Leben in Einzelteile zerlegen und es auf diese reduzieren. Stattdessen imitieren wir die Evolution und experimentieren konstant mit Abzweigen und Nebenwegen als Variationen des Bekannten und schauen prüfend, ob diese Veränderung einen Effekt hat. Es entstehen kleine andere Universen, die sich – so hoffen wir – auf ungewöhnliche oder überraschende Weise mit unserer Welt, wie wir sie kennen, überkreuzen. So ähnlich erforschte Charles Darwin unterschiedliche Arten von Käfern, um herauszufinden, was das Wesen des Käfers ausmacht.

Meine illustrierten Geschichten sind das Material, an dem ich diese Argumentation festmache, vor allem mein Buch „Ein fremdes Land“ („The Arrival“). Dieses Buch begann sehr ambitioniert als Idee einer universellen Migrationsgeschichte. Das Ergebnis meiner Recherche über die Grenzen verschiedener Länder und Jahrhunderte hinweg sollte eine einzige Geschichte mit einem Jedermann als Protagonisten sein. Es zeigte sich aber, dass es nicht möglich ist, so viele echte Lebensgeschichten auf ein solches „Destillat“ zu reduzieren. Sie waren alle zu einmalig und zu divers und reichten von Asien bis in den Nahen Osten, von Europa nach Australien, von der Massenmigration des 19. Jahrhunderts bis zu aktuellen Fluchtbewegungen, von Kindern bis zu alten Leuten, von Ungelernten bis zu Akademiker*innen, von reich bis arm, handelten von Verfolgten und Abenteurer*innen, Absicht und Zufall, kurz: von vielen verschiedenen Gründen für verzweigte Lebenswege, von individuellen Entscheidungen mit ganz unterschiedlichen Resultaten, positiv wie negativ. Es gab natürlich Elemente, die sich ähnelten und sich wiederholten: Heimweh, Familie, fremdes Essen, Sprache, Arbeit, aber wie kann man die Essenz dieser Dinge so zeigen, dass es interessant bleibt, ohne zu abstrakt oder zu stark vereinfacht zu sein? Anders gefragt: Wie erzählt man so, dass es sich ehrlich und echt anfühlt?

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