Italienisches Theater in Europa

von und

Auch wenn in Palermo 1875–91 mit dem Teatro Massimo das von der Anlage her größte Opernhaus Italiens erschaffen wird, so bleibt doch die Mailänder Scala (1778) als der Opernbau, der um die 2000 ZuschauerInnen fasst und seit einiger Zeit eine nationale und europäische Vorbildfunktion hat, Inbegriff für die bürgerlich-romantische Oper. Hier arbeiten ab den 1840er und 1850er Jahren Francesco Maria Piave und Arrigo Boito, die im Gegensatz zu vielen andern Librettisten nicht als bloße Gebrauchsliteraten gelten, mit Giuseppe Verdi zusammen, u. a. für die Opern Ernani (nach Victor Hugo, UA 1844) und Otello (nach William Shakespeare, UA 1887) (vgl. Bentoglio). Verdis hochdramatische Opern spiegeln den romantischen Zeitgeist der Shakespeareomanie ebenso deutlich, wie sie mit den Konventionen der Opera seria brechen, auch wenn die Sprache hochliterarisch bleibt. Verdi steht so v. a. ab den 1840er und 50er Jahren mit Werken wie Nabucco (1842) oder I Lombardi alla prima crociata (1843), die geschichtliche Ereignisse aufgreifen, für ein originär italienisches Theater im Sinn einer national-populären Erzählung. Er setzt gewissermaßen Manzonis Ideal einer für breite bürgerliche Schichten verständlichen nationalen Literatursprache musikalisch um68 und baut zudem auf einen Plot, der eine grundlegend bürgerlich-patriarchale Familienmoral akzentuiert. Sein Erfolg und die im 19. Jahrhundert noch einmal zunehmende Anzahl an Opernhäusern, v. a. aber die Verbreitung der identifikationsstiftenden Chöre und anderer Höhepunkte der Opern mittels Blaskapellen, Schallplatten und Radio, tragen so im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zur Festigung einer katholisch-bürgerlichen Kultur Italiens bei.69

Anderen Theaterformen, wie dem regional geprägten (Dialekt-) Theater, kommt nur innerhalb Italiens Bedeutung zu. Es etabliert sich im späten 19. Jahrhundert in einer modernisierten Form und greift in unterschiedlichem Maße auf Traditionen der Farce, des Vaudeville und des Varieté sowie auf Adaptionen italienischer und französischer Prosa bzw. Stücke zurück. Dieses (Dialekt-) Theater ist in Sizilien, wo neben den Veristen u. a. Giovanni Grasso und Nino Martoglio aktiv sind, und im neapolitanischen Raum mit den schauspielernden Autoren Antonio Petito, der noch an der Pulcinella-Maske festhält, sowie Eduardo Scarpetta mit seiner Figur des Felice Sciosciammocca (u. a. Miseria e nobilità, 1887) ab den 1860 bzw. 70er Jahren prominent verankert.70 Aber auch in Norditalien, u. a. im Piemont und der Lombardei, spielt es eine wichtige Rolle, so dass auch Autoren der literarisch-frankophilen Moderne der Mailänder Scapigliatura wie Cletto Arrighi (Carlo Righetti) oder der v. a. als Librettist Puccinis bekannte Luigi Illica Dialektkomödien verfassen (u. a. Nodar e perucchee, 1872 oder L’eredità del Felis, 1891).71 Ein Grenzfall zwischen regional verankertem und hochliterarischem Theater ist Giovanni Vergas Theaterversion seiner sizilianischen Erzählung Cavalleria rusticana (1880). Mithilfe Eleonora Duses und der Schauspieltruppe Cesare Rossis feiert es ab 1884 von Turin und Mailand aus internationale Erfolge und verkörpert so eines der wenigen italienischen Erfogsstücke seiner Zeit,72 später wurde es als eine der wenigen italienischen Literaturvorlagen für die Opernbühne adaptiert. Das Textbuch und damit die nochmalige Anpassung an ‚kommerzielle‘ Konventionen besorgen mit Giovanni Targioni-Tozetti und Guido Menasci zwei toskanische Autoren, die bis in die 1930er Jahre für Pietro Mascagni arbeiten, mit dessen Musik die Oper 1890 in Rom im Teatro Costanzi uraufgeführt wird (vgl. Werr).

Gerade die erwähnten Sprechtheatertraditionen zeigen, dass Italien auch in der sogenannten Moderne durch starke regionalkulturelle Traditionen und Divergenzen geprägt bleibt, während die Oper bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein, u. a. mit Giacomo Puccinis Erfolgen auf Basis französischer Vorlagen (u. a. La Bohème, 1896; Tosca, 1900), die nationale und kommerziell dominierende (Export-) Gattung bleibt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts treten allerdings eine Reihe von Autoren wie Gabriele D’Annunzio und Filippo Tommaso Marinetti, Eduardo De Filippo und Luigi Pirandello auf den Plan, die sich an der Schnittstelle zwischen Avantgarde und Regionalkultur ansiedeln.73 V. a. der Sizilianer Pirandello, der 1934 den Nobelpreis für Literatur erhält, wird im Laufe seiner Entwicklung von Dialektstücken hin zum grotesken Theater und zum Metatheater (Lumiè di Sicilia, 1910; Liolà, 1916; Enrico IV, 1922; Sei personaggi in cerca d’autore; 1921) dem Sprechtheater des 20. Jahrhunderts weit über Italien hinaus zu neuen Formen und Elan verhelfen.74 Doch ein mit Frankreich oder Deutschland vergleichbares öffentlich finanziertes (Stadt-) Theatersystem mit festen Ensembles kann sich in Italien auch mit diesen Entwicklungen nicht etablieren.

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