Geburt in Berlin-Friedenau

von und

© Ben Wolf
© Ben Wolf

Das Datum Ihrer Geburt im September 1949 liegt zeitlich ganz nahe zur Gründung der Bundesrepublik. Bedeutet Ihnen das etwas, sozusagen ein „Windelkind“ der Bundesrepublik zu sein?

Das bedeutet mir schon was. Ich denke immer wieder mal darüber nach, dass ich ein „Windelkind“ zweier deutscher Staaten bin, einer Nachkriegsordnung.

Inwiefern zweier deutscher Staaten?

Die wurden ja relativ kurz nacheinander gegründet, und wenn man in Berlin geboren ist und lebt, dann ist die Nähe unweigerlich größer. In Berlin sagte man ja auch all die Jahre: Wir fahren jetzt mal nach Westdeutschland.

Wo genau war das in Berlin?

Ich bin in Friedenau geboren. Im elterlich-großelterlichen Haus in der Hähnelstraße 14. Das war mal eine Art Villenkolonie, wie im Südwesten Lichterfelde, die von dem Kaufmann und Stadt- entwickler Carstenn gegründet wurde. Oder die Kolonie Alsen in Wannsee. Hier waren sogenannte Terraingesellschaften aktiv, die die Grundstücke parzellierten und verkauften, und so wurde wohl auch Friedenau gegründet. Also schon durchaus gehoben, was man – da Friedenau relativ unzerstört geblieben ist – auch heute noch gut sehen kann: sehr bürgerlich.

... also in der Nähe der Niedstraße, der berühmten Literatur­ meile, wo Günter Grass und Uwe Johnson wohnten und quasi die halbe westdeutsche Literaturszene versammelt war?

Die Friedenauer Presse, die Verlagsgründung aus der Gegend, ist ja auch nicht umsonst so genannt worden. Aber ich kannte diese Adressen damals nicht und wohnte auch schon nicht mehr in Berlin, oder noch nicht wieder. Ich bin zu jung! Ich bin bei allem mindestens fünf Jahre zu spät gekommen.

Im Alter von zwei Jahren – die Eltern 1951. (c) Martin Valentin Menke/zero one film
Im Alter von zwei Jahren – die Eltern 1951. (c) Martin Valentin Menke/zero one film

Das können wir vielleicht als Leitmotiv behalten: das Zuspät­ kommen oder das spät Ankommen.

Zu vermelden wären erst einmal die ganz normalen Eckdaten: Ich wurde in einen Kindergarten neben der St. Annen Kirche in Dahlem-Dorf geschickt. Die Kirche, auf deren Friedhof Rudi Dutschke beerdigt ist. Da gibt es einen evangelischen Kinder- garten. Das war meine erste Station. Die zweite Station war die Grundschule der Königin-Luise-Stiftung in der Podbielskiallee. Ansonsten haben wir in Friedenau ziemlich feudal gelebt: Wir wohnten in dem Mietshaus der Großeltern, die das Haus gebaut hatten und besaßen. Danach wurde eine Villa in Dahlem, in der Limonenstraße 20, bezogen. Ein schönes Haus. Mein Schulweg führte durch Felder und Wiesen. Zum Teil stehen heute Bauten der Freien Universität darauf. Die FU wurde, wenn man das so sagen kann, von meiner Mutter mitgegründet, die an der Humboldt-Universität Kunstgeschichte studierte und mit einem Stuhl, den man sich unter den Arm klemmte, so ging die Legende, nach Dahlem zog, um da eine freie Universität in unmittelbarer Nachbarschaft zu gründen. Meine Mutter hat das Studieren allerdings aufgegeben, als ich geboren wurde. Ich erinnere mich an ein sehr, sehr ländliches Dahlem und den Botanischen Garten. In Dahlem-Dorf gibt es heute noch einen Meierei-Betrieb. Kühe wurden in der Domäne Dahlem gehalten. Und die Amerikaner mit ihren Headquarters in der Clayallee waren auch nicht weit.

Und da waren die Eltern mit ihrer berühmten Gastwirtschaft?

Zu dieser Zeit nach dem Krieg war die Familie noch durchaus vermögend und, als Gastwirtsfamilie, von reger Feierfreudigkeit geprägt. Das Gästebuch unseres Lokals ‚Zum Klaußner‘ ist mit prominenten Namen gesegnet: Willy Brandt, Theodor Heuss, Heinrich Lübke, Gustav Heinemann ...

Das heißt, der ‚Klaußner‘ war ein gehobenes Lokal, keine Berliner Eckkneipe.

Unter keinen Umständen. Vor dem Krieg war es sogar eher ein Treffpunkt für Kunst und Politik. Im Gegensatz zu irgendwelchen Kneipen oder auch im Gegensatz zum Beispiel zur Wirtschaft des bayerischen Schauspielers Josef Bierbichler in Ambach, in der gelebt und zum Teil auch gewohnt wurde, war das bei uns vollkommen anders: Das „Geschäft“ hatte mit dem Haushalt nichts zu tun, hatte sich nicht zu kreuzen. Wir Kinder hatten im Geschäft überhaupt nichts zu suchen, sondern da wurde höchstens mal auf dem Heimweg von der Schule hingegangen, wobei es noch die Dependance des ‚Zum Klaußner‘ im Albrechtshof – ein Ensemble von Häusern mit Hinterhof und Biergarten – gab. Da, wo heute in Steglitz der Kreisel steht. Da gab es dann ab und zu mal ein Eis nach der Schule oder, beliebt auch, Pariser Schnitzel, und das war es. Also, von dem ganzen Kneipen- wie Restaurantleben war nichts zu spüren. Mein Vater war nie zu Hause. Wenn er mal da war, wollte er „erziehen“, was sofort zu Riesenkrächen auf allen Seiten führte. Die Großmutter wohnte im Haus. Sie hat aus irgendwelchen Gründen immer bei uns gewohnt und wollte wohl auch ein Auge auf ihre Tochter behalten, denn mit der Heirat mit mei- nem Vater war sie nicht so recht einverstanden. Ich habe das in meinem Roman Vor dem Anfang einmal karikiert: „Was willst du bloß mit dem Budiker?“ Budiker ist in Berlin einer, der eine Budike hat, eine Boutique, also eine Kneipe. Aber es war insgesamt eine wohlbehütete Kindheit. Daran lässt sich überhaupt nicht rütteln. Es war alles da, was man einem wirklich vermögenden Haushalt zuschreiben kann. Wir hatten zwei Hausmädchen und es gab – ich habe das neulich mit Staunen, aber auch mit gewisser Erleichterung festgestellt, nachdem ich über meine Eltern nochmal nachgedacht habe – nie auch nur den geringsten Anflug von Antisemitismus in unserem Haushalt, was ich ihnen hoch anrechnen muss. Das ist im Nachhinein betrachtet auffällig, weil zum Beispiel in Regina Schillings Dokumentarfilm Kulenkampffs Schuhe (2018) über eine ähnliche Kindheit das Gegenteil gesagt wird, nämlich dass auf der Straße wie im Haushalt Antisemitismus einfach ohne großes Bewusstsein gepflegt wurde.

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