Lob des Realismus

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Eine Kunst, die nichts darstellen will und damit den Protest der konservativen Bürger erregt, eignet sich hervorragend als Beweis für die Freiheit der westlichen Gesellschaften. Hier zählt das freie Individuum mehr als jede gesellschaftliche Verabredung. Der abstrakte Expressionismus ist die passgenaue Entgegnung auf die Naivität des sozialistischen Realismus. Wird hier am Bild einer besseren Welt gearbeitet, wird dort der befreite Ausdruck des Künstlers zur kräftigen Erfahrung für den Betrachter. Das abstrakte Bild wird zum realistischen Ausdruck des freien und selbstbestimmten Subjekts.

Plötzlich erscheint es wenig überraschend, dass die CIA über viele Jahre und mit sehr viel Geld den abstrakten Expressionismus als Kunst der freien Welt durchzusetzen half.2 Die Feier des sich befreit ausdrückenden Subjekts, das gerade keine Darstellung einer wie auch immer gearteten Realität anstrebt, bildet das künstlerische Pendant zur Ideologie des Kapitalismus, in der der Einzelne im Wettbewerb steht, ohne jemals das Ganze begreifen oder verändern zu können.

Was folgt aus dieser Verdrehung, die abstrakte Kunst zu Realismus macht, in der eine Ideologie sich als menschliche Natur darstellen und zugleich jede Verantwortung für die Tendenz der Darstellung verstecken kann? Die Antwort liegt in der neuen Form des abstrakten Expressionismus: Hier wird nicht ein freies Subjekt dargestellt, sondern das Subjekt drückt sich als freies aus. Das Bild ist kein Bild mehr von etwas, sondern es selbst ist der Ausdruck eines Subjekts. Die Action Paintings von Jackson Pollock waren in ihrer monumentalen Kraft und dekorativen Flächigkeit die herausragenden Kunstwerke dieses Stils. Indem das Bild von der Last der Darstellung befreit wird, gilt es als Beweis dafür, dass sich sein Urheber keinerlei Zwängen unterwirft. Der abstrakte Künstler ist der freieste Künstler.

Der verdrehte Realismus dieser Kunst wird noch mal dadurch verstärkt, dass er als politische Haltung in einem Kampf der Weltanschauungen taugt. Er erfüllt damit die gleiche Funktion wie der sozialistische Realismus: Er hat einen Klassenstandpunkt und vertritt diesen mit den Mitteln der Kunst, die diesen Standpunkt zu einem ästhetischen Ereignis machen. Der Blick eines solchen Realismus wendet sich jedoch, im Unterschied zum sozialistischen Realismus, vom Subjekt, das seine Umwelt begreifen will, ins Subjekt zurück, wo es seine Unbegreiflichkeit als Antrieb für den künstlerischen Ausdruck stärkt. Dieser kapitalistische Realismus, wie wir ihn hier nennen wollen, hat weitreichende Konsequenzen für die Realität und das Verhältnis, das der Einzelne zu ihr einzugehen vermag. Eingeübt wird hier, und das wurde von der Propaganda der CIA intelligent erkannt, das isolierte Subjekt, das in einem Wettbewerb aller gegen alle auf sich selbst gestellt ist. Indem der Betrachter vor dem abstrakten Bild mit sich selbst und seinem Nichtverstehen konfrontiert wird, erlernt er, in seiner Umwelt immer zuerst den Blick auf sich selbst zu richten.

Ob Stalin von den Anstrengungen der CIA wusste, als er sagte, abstrakte Kunst sei Kunst für die Wall Street, ist unbekannt.3 Auf jeden Fall haben beide Seiten des Propagandakriegs eine künstlerische Sensibilität bewiesen, als sie die entgegengesetzten Konzepte von Realismus förderten, um sie gegeneinanderzustellen. Indem sie den weltanschaulichen Gehalt der künstlerischen Formen erkannten, waren sie die kenntnisreicheren Betrachter als viele Kunstwissenschaftler in ihrer Begeisterung für das Neue in der Abstraktion.

III.
Am Ende des langen Jahrhunderts der Avantgarden ist der Begriff des Realismus so weit aufgelöst, dass mit ihm entweder das polemische Feindbild einer naiven Abbildung gemeint wird, oder eben alles, was irgendwie in der Realität vorkommt. Die eine Richtung wollen wir als Commercial Realism bezeichnen und das große Feld der performativen Künste, mit der Realität des Materials, der Realness der Anmutung, der Liveness des Geschehens etc., als postmodernen Realismus. Der Commercial Realism ist leicht zu beschreiben und seine Wirkung wird uns fast nur in ihrer Funktion, ein vereinfachtes Bild der Realität zu geben, interessieren. Der postmoderne Realismus hingegen ist ein komplexes Feld, das immer wieder das Nachdenken über den Realismus heute bestimmt. Manchmal ist die Beeinflussung belebend und manches Mal auch einengend. Die Beengung liegt vor allem in der Dominanz der Ambivalenz, die die ästhetische Entsprechung zum Relativismus der Postmoderne ist. Die Befruchtung hingegen liegt vor allem in der besonderen Art der Widersprüche, die, werden sie nicht nur als formales Spiel begriffen, den Widersprüchen der komplexen Gegenwart zu entsprechen suchen. Die schwierige Unterscheidung zwischen einer folgenlosen, da nur formalen Ambivalenz, und den Widersprüchen, die konkret und komplex zugleich sind, wird unser Nachdenken über den Realismus begleiten.

Mit dieser Arbeit an der Unterscheidung von Relativismus und Realismus soll der Umbau einer ästhetischen Grundrichtung zu einem ungenauen Label aufgehalten werden. Die Wiederholung einer komplexen Welt mit komplexen Mitteln erliegt allzu leicht der Tendenz, das schlechte Ganze als ambivalentes Dazwischen erscheinen zu lassen. Denn wie bei all den anderen Vereinnahmungen von Begriffen in den Zitateschatz der Postmoderne ist auch hier der Relativismus der wahre Gewinner. Realismus heißt nun nicht mehr die Kunst, die die Behauptung aufstellt, dass die Realität eine von Menschen gemachte ist und sie darum auch von Menschen dargestellt, verstanden und verändert werden kann, sondern nunmehr sind alle Realitätseffekte damit gemeint, die ein einzelner Betrachter als realistisch empfinden kann.

Will man aber auch heute noch die wesentliche Bestimmung realistischer Kunst ernst nehmen, so muss der Begriff zuerst aus seiner postmodernen Gefangenschaft befreit werden. Realismus soll hier nicht all das heißen, was irgendwie eine eigene Realität hervorbringt oder den Effekt einer solchen hervorzurufen vermag. Mit Realismus ist hier immer eine dialektische Kunst gemeint, die eine gemeinsame Erfahrung von Realität provoziert. Wenn etwas Gegenständliches wiederzuerkennen ist, ist es dadurch noch keine realistische Kunst. Es bedarf immer noch der zweiten Begegnung, durch die das Erkennen eine Weitung erfährt, sodass dasjenige, was wiedererkannt wird, zugleich als etwas angeschaut werden kann, das so noch nicht erfahren wurde. In dieser realistischen Erfahrung liegt die hoffnungsvolle Einsicht, dass man nicht allein ist mit seinen Ängsten und seiner Abhängigkeit. Die Widersprüche des Lebens sind nicht nur das Problem des Individuums, sondern sie sind immer auch der Ausdruck für die gesellschaftlichen Widersprüche, in denen man zu leben gezwungen ist. Realismus soll hier also die ästhetische Methode heißen, mit der man einer immer widersprüchlicheren Welt noch beikommen kann.

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