Luk Perceval

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Probe zu „Black / The Sorrows of Belgium I: Congo“ am NTGent (2019). Foto Annette Kurz
Probe zu „Black / The Sorrows of Belgium I: Congo“ am NTGent (2019). Foto Annette Kurz

Luk Perceval hat nach zwanzig Jahren Arbeit im deutschen Theater – an der Berliner Schaubühne, den Münchner Kammerspielen und am Thalia Theater in Hamburg – ein großes Kapitel abgeschlossen und mit der Rückkehr nach Belgien, ans NTGent, zugleich ein neues eröffnet. Er, der sich einst vom deutschen Theater angezogen fühlte, hat es nun mit einiger Enttäuschung verlassen. Doch es ist, so scheint es, eine produktive Enttäuschung, die den kritischen Rückblick des großen Regisseurs mit der Suche nach neuen Wegen verbindet, einer Suche nach den Möglichkeiten eines internationalen Theaters für das 21. Jahrhundert.

Diese künstlerische Neuausrichtung ist Anlass für Bilanz und Ausblick: Das vorliegende Arbeitsbuch versammelt ausführliche Gespräche mit dem Regisseur, langjährige Arbeitspartner wie die Bühnenbildnerinnen Katrin Brack und Annette Kurz dokumentieren mit eigens von ihnen ausgesuchten Bildstrecken den Perceval-Kosmos, die Schauspieler Patrycia Ziolkowska, Thomas Thieme und Burghart Klaußner berichten von ihrer Zusammenarbeit mit dem Regisseur, der Pianist Jens Thomas beschreibt seine musikalische Live-Arbeit für drei Perceval-Inszenierungen.

Die Rückkehr nach Belgien ist für den flämischen Regisseur auch mit der Wiederaufnahme eines Themas verbunden, das er als einer der Ersten im Theater aufgriff und das uns nun als eines der wesentlichen Probleme unserer Gegenwart beschäftigt. Die Rede ist von der postkolonialen Aufarbeitung, zu der Belgien mit seiner Geschichte im Kongo Entscheidendes beizutragen hat. Das deutsche Theater wiederum fängt gerade erst an, sich der Kolonialgeschichte anzunehmen. Dass Perceval am neuen Wirkungsort mit seiner Trilogie „The Sorrows of Belgium“ auf einen Intendanten wie Milo Rau trifft, also auf den Aktivisten eines globalen Realismus, ist wohl alles andere als Zufall.

Zudem hat Perceval, dessen Arbeiten von Publikum, Theatermachern und Festivalkuratoren bis hin nach China hoch geschätzt werden, inzwischen auch mehrfach in Sankt Petersburg gearbeitet, wo seine beiden Shakespeare- Adaptionen in einen völlig anderen gesellschaftspolitischen Kontext vorstießen. Die Londoner Theaterwissenschaftlerin Maria Shevtsova erläutert diesen russischen Perceval zwischen Stanislawski und einer in Russland speziellen „Macbeth“-Rezeption. Asja Woloshina befasst sich mit seiner Inszenierung „Romeo & Julia oder Die barmherzige Erde“ für das Baltiski Dom in Sankt Petersburg.

Insofern zeichnen die Beiträge, ausgehend von Belgien und Deutschland, über Afrika und Russland, eine Art Landkarte von Luk Percevals aktueller Theatergeografie. Jede einzelne seiner Inszenierungen vermag, mit dieser Landkarte gelesen, in etwas Größerem aufzugehen: Dazu will das Buch seinen Beitrag leisten.

After twenty years in German theatre – at Berlin’s Schaubühne, the Münchner Kammerspiele and Thalia Theater in Hamburg – Luk Perceval is bringing one major chapter to a close and starting a new one as he returns to Belgium, and to NTGent. Having once felt drawn to German theatre, he now leaves with a measure of disappointment. But it seems like a productive disappointment that links the great director’s critical look back with a search for new pathways, a search for the potential of international theatre in the 21st century.

It is an artistic reorientation that provides an opportunity for review and forecast. This workbook collects extensive interviews with the director, long-term partners like stage designers Katrin Brack and Annette Kurz, documented with their own selection of images representing the Perceval world; the actors Patrycia Ziolkowska, Thomas Thieme and Burghart Klaußner talk about their work with the director; while pianist Jens Thomas describes the live music he provided for three Perceval productions.

For the Flemish director, this return to Belgium also represents a return to a theme that he broached before many in the theatre world but which is now one of the key problems of present-day society – post-colonial reapraisal, an issue to which Belgium has made a decisive contribution in light of its history in the Congo. German theatre, on the other hand, is only just beginning to address the country’s own colonial history. And it is probably no accident that in staging his trilogy “The Sorrows of Belgium” in his new home, Perceval encountered an Artistic Director like Milo Rau – activist of a global realism.

Perceval, whose work is highly valued by audiences, theatre professionals and festival curators as far afield as China, has also worked on multiple occasions in Saint Petersburg, where his Shakespeare adaptations play out in a completely different socio-political context. Londonbased theatre professor Maria Shevtsova explains this Russian Perceval between Stanislavski and a particularly Russian reception for “Macbeth”. Asja Woloshina investigates his production “Romeo & Juliet, or The Merciful Earth” for the Baltic House Theatre in Saint Petersburg.

Together these contributions – starting in Belgium and Germany before proceeding through Africa and Russia – plot a map of Luk Perceval’s current theatrical geography. By reading this map we can see each of his productions as a part of something greater. That’s what this workbook aims to do, too.

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