Krusten, Hürden und Gewohnheiten

von

Ungekannte Herzlichkeit

Auf einmal war es da. Das Ei auf zwei Füßen, das sich in ausgelatschten Turnschuhen durch Frankfurt vortastete. (Schautafel 1) Und nicht nur in den Straßen der Stadt an der Oder tauchte es im Herbst 2015 auf, auch in den Frankfurt- Gruppen auf Facebook waren bald die ersten Fotos zu sehen. Das Rätselraten der Netzgemeinde begann: Was ist denn das? Spätestens zu diesem Zeitpunkt war es selbstredend Aufgabe der Lokalreporterin, der Spur zu folgen. Schnell führte die Suche ins Kleist Forum. Hier, so erzählte man sich, soll das Ei gelegt worden sein. Von einer freien Künstler*innengruppe namens Club Real, die, bezahlt von der Bundeskulturstiftung, zwei Jahre lang ausloten soll, welche neuen kulturellen Formen möglich sind in dieser Stadt.

Schautafel aus Seite 39
Schautafel aus Seite 39

In einem der vielen Büros des Kleist Forums, die von langen, ruhigen Fluren abgehen, traf die Reporterin zwei Mitglieder von Club Real zum ersten Mal: Marianne Ramsay-Sonneck und Georg Reinhardt. In schönstem Wienerisch erzählten die beiden auf der Tischkante hockend von ihren künstlerischen Grundsätzen: der Offenheit, der Teilnahme, dem Einebnen vom Gegensatz zwischen Akteur*in und Rezipient*in. Die Reporterin staunte. Solche Gedanken in diesem Haus, das waren neue Töne. Die Künstler*innen strahlten vor allem Neugier aus, Offenheit und Lust, sich unvoreingenommen in diese Stadt zu begeben. Und die Ei-Exkursionen funktionierten. Strahlend berichtete Marianne Ramsay-Sonneck: „Die Frankfurter*innen nehmen es so nett auf, herzlicher, als es in Berlin der Fall wäre.“

Wirklich? Die Frankfurter*innen und Herzlichkeit? Normalerweise wird ihnen zurückhaltende Skepsis nachgesagt. Kommt etwas Neues, egal ob Solar-Fabrik oder Künstler*innengruppe, heißt es erstmal: abwarten. Denn von Auswärtigen, die sich in der Stadt versuchen und verwirklichen und bald wieder türmen, hat man eigentlich schon zu viele gesehen. Doch das Ei rührte offensichtlich an. Die Reporterin entdeckte auf diese Weise eine neue Seite an den Frankfurter*innen: eine arglose Freude am Seltsamen. Einige riefen das Ei sogar an oder schrieben Nachrichten. Sie wollten ihm ihre Stadt zeigen, ihre Lieblingsecken verraten, Stadtgeschichten zuraunen. Denn bei aller Skepsis sind die Frankfurter*innen auch überzeugt davon, dass ihre Stadt etwas ganz Besonderes ist. Und vor allem ganz anders als das schlechte Image, das ihr vorauseilt. Was wurde nicht alles aus der Stadt überregional berichtet nach der Wiedervereinigung? Alle Ost-Klischees, die die aus Westdeutschland nur haben können, schienen sich hier zu bestätigen. Eine zusammenschrumpfende Bevölkerung, leere Neubau-Wohngebiete, grassierende Arbeitslosigkeit. Nazigruppen, die die ausländischen Studierenden der neu gegründeten Universität das Fürchten lehrten; ein polnischer Bus, der nach der Grenzöffnung von Steinewerfern begrüßt wurde; eine Frau, die ihre Babys tötete und sie in Balkonkästen verscharrte; eine andere, die ihre Kinder in der Neubauwohnung verdursten ließ … Trotz und Scham über solche Negativ-Geschichten mischen sich bei den Frankfurter*innen aber immer auch mit dem Beharren darauf, dass es doch auch schön ist in ihrer Stadt. In der schönen Oder-Natur. Im Herzen des neuen Europa. Doch es gibt Wunden, an denen auch der Club Real nicht vorbeikommt.

Wo tut‘s denn weh?

Die Künstler*innen vom Club Real spüren schnell, dass die Stadt Frankfurt etwas mit Schmerzen und Wunden zu tun hat. Doch statt sich abzuwenden oder darüber lustig zu machen, nehmen sie diese Risse ernst. Graben teilweise auch darin herum, dass es schon beim Darüberschreiben wehtut. Das hat vor allem auch mit dem Partnertheater zu tun, mit dem sie im Rahmen des Doppelpass-Programms verkuppelt wurden. Wobei Partner-„Theater“ schon zu viel gesagt ist. Mitten in der Stadt thront das Kleist Forum, betrieben von der städtischen Tochter Messe und Veranstaltungs GmbH. Ausgestattet ist es mit der raffiniertesten Bühnentechnik im großen Saal; es gibt lichtdurchflutete Probenräume, ein geniales halbrundes Foyer mit Glasfront über mehrere Etagen, Studiobühnen, eine eigene Bar. Nur eins fehlt: das Ensemble. Das wurde mit der Schließung des alten Kleist-Theaters abgeschafft. Dieses etwas abgelegen im Westen der Stadt stehende Gebäude wird seitdem dem Verfall, der Natur und Jugendlichen überlassen – und den sehnsuchtsvollen Erinnerungen der Frankfurter*innen. Marianne Ramsay-Sonneck stellte am Ende des zweijährigen Aufenthalts von Club Real fest: „Das leere Kleist-Theater ist immer noch positiv aufgeladen, das Kleist Forum aber gar nicht.“ In all den Jahren waren die Frankfurter*innen in ihrer Mehrheit noch nicht den emotionalen Weg vom Kleist-Theater zum Kleist Forum gegangen. Das Künstler*innenkollektiv Club Real musste es mit Geister (häuser)n aufnehmen. Georg Reinhardt verdeutlicht diese Situation in der Äußerung: „Wir waren Partner des Kleist-Theaters, obwohl es gar nicht mehr existiert.“

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