Eine polnische Feministin am Rollenden Tisch

von

Als ich an einem sonnigen Samstag nach Słubice kam, wusste ich nicht wirklich, was mich erwartete. Rollender Tisch? (Schautafel 9) Natürlich, die deutschen Partner*innen des Projekts hatten mir diese Idee vorgestellt, aber Wissen und Sehen sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Tatsächlich, ein solider Tisch mit zwei etwas weniger soliden Bänken waren in der Nähe der Brücke für die Aktion bereitgestellt. Der Tisch war imponierend und machte mich noch gespannter darauf, wie er sich denn dann bewegen würde. Das alles verhieß Erlebnisse, die ich in meiner Arbeit in einer NGO bisher noch nicht gehabt hatte.

Foto: Adam Czernenko
Foto: Adam Czernenko

Meine NGO heißt Lubuskie Stowarzyszenie na Rzecz Kobiet BABA und hat ihren Sitz in Zielona Góra. Zum Alltag von BABA gehören die Begegnungen mit Menschen – meistens Frauen –, die Hilfe suchen, weil sie von Männern geschlagen oder gedemütigt werden. Wir bieten für sie kostenfreie juristische, psychologische und berufsbezogene Beratung an. Meine Aufgabe ist die Koordination der Büroarbeit, die Gestaltung von Beratungen, die Koordination der Freiwilligenarbeit und die Kooperation mit ähnlichen Organisationen im Ausland. Und natürlich auch das ständige Kämpfen um Finanzierungsquellen für unsere Tätigkeit. Ja, das ist ein Kampf, weil wir leider für unsere Tätigkeit keine stabile und langfristige Förderung bekommen und im Wett kampf um Spenden von privaten Personen und Unternehmen mit vielen gemeinnützigen Organisationen konkurrieren. Der alltägliche Kontakt mit häuslicher Gewalt und dadurch geschädigten Personen und auch die finanziellen Pro bleme bedeuten aber nicht, dass unsere Arbeit langweilig oder traurig ist. Alle unsere Freiwilligen (nur weiblich) haben sich selbst für diese Tätigkeit entschieden, also mäkelt niemand und jeder Erfolg freut uns alle sehr. Außer dem unterstützen wir uns gegenseitig, lachen oft zusammen und sind offen für alles, was neu ist.

Auch die Initiative der Gruppe Club Real, die uns die Teilnahme an dem Projekt Der rollende Tisch von Słubice angeboten hat, fanden wir sehr interessant – aber auch etwas unheimlich. Als die Person, die gut Deutsch spricht, wurde ich delegiert, um an diesem Projekt teilzunehmen. Natürlich musste ich meinen Kolleginnen versprechen, dass ich ihnen darüber genau berichten würde!

Also, der Tisch fängt an zu rollen und für mich erklärt sich, wie er sich bewegt: Eine Person zieht und eine Person schiebt und so beginnt, viel einfacher als ich gedacht hatte, der Tisch seine Fahrten auf der Brücke zwischen Deutschland und Polen. Ich setze mich bequem hin und begutachte, was zu essen angeboten wird. Frisches süßes Brot und Kaffee mit Milch! Ich bediene mich mit Vergnügen, weil ich vor dem Losfahren in Zielona Góra nur Tee getrunken hatte. Am Anfang ist die Zahl der Gäste am Tisch nicht besonders groß und die Fußgänger*innen gucken unsicher, aber auch mit Neugierde auf dieses ungewöhnliche Fahrzeug. Auf die Schnelle versuchen wir, sie einzuladen, mit uns zu frühstücken und am Gespräch teilzunehmen. Die Fußgänger*innen sind unterschiedlichen Alters, die meisten aber jünger als ich. Ich sitze bequem, beobachte diese Leute und muss über die Vergangenheit nachdenken. Genauso wie sie heute habe ich mehrmals die Grenze zwischen Deutschland und Polen überschritten. Wie viele von diesen Fußgänger*innen erinnern sich noch an die Zeiten der Reisepässe, Währungsbücher, östlicher und westlicher Deutschmark? Ich glaube, nur wenige. Ich erinnere mich an diese Zeiten sehr gut. Ich habe in Dresden studiert und einige Jahre später bin ich mit meiner Familie nach Deutschland gezogen, wo ich in veschiedenen Regionen gewohnt habe. Ich erinnere mich, dass die Grenzübertritte an der Oder und Neiße immer mit größeren oder kleineren Schwierigkeiten verbunden waren. Deswegen bin ich jetzt nach vielen Jahren sehr berührt, wie einfach, angenehm und sogar erhebend der Grenzübertritt durch unsere gemeinsame Teilnahme an diesem künstlerischen Projekt sein kann.

Bei Kuchen und Kaffee fangen wir also an, über die Themen zu reden, die Club Real vorschlägt:

1.
Was sind aktuell wichtige Themen und Kämpfe des Feminismus in Polen und Deutschland?

Ich erzähle, womit wir Feministinnen in Zielona Góra uns gerade beschäftigen. Zu den wichtigsten Themen gehört das Thema Abtreibung. In Polen ist sie generell verboten, außer in drei besonderen Fällen: wenn das Leben der Mutter bedroht, die Leibesfrucht schwer beschädigt oder die Schwangerschaft durch eine Gewalttat verursacht ist. Die Ärzte machen aus Opportunismus und aus Angst nicht einmal „legale“ Abtreibungen, also suchen die Frauen nach Alternativen im Internet und werden mit Betrügern konfrontiert, die gefälschte Tabletten anbieten, um Fehlgeburten einzuleiten.

Organisationen wie unsere versuchen, ein Abtreibungsrecht einzuführen, das u. a. die Schwangerschaftsunterbrechung bis zur zwölften Woche erlaubt, bessere sexuelle Bildung in den Schulen einführt und einfacheren Zugang zu Verhütungsmitteln garantiert. Aus diesen Gründen gehen wir auf die Straße, organisieren Demonstrationen und schreiben Petitionen. Auf diesen Demonstrationen thematisieren wir auch weitere für uns wichtige Themen wie den Kampf gegen häusliche Gewalt oder die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen.

Als weiteres Problem sehen wir die zu kleine Anzahl an Frauen an, die in Polen in den Regierungsgeschäften vertreten sind. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Demonstrationen auf den Straßen allein nicht helfen. Jetzt versuchen wir, unsere weibliche Repräsentation im Sejm, den Stadträten, amtsfreien Gemeinden und den Wojewodschaften zu vergrößern. Die nächsten Kommunalwahlen werden schon im Herbst 2018 stattfinden – deswegen bereiten wir uns intensiv vor, schreiben Listen mit Frauen, die an den Wahlen teilnehmen wollen usw.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Frauengesellschaft in Polen ist die Bekämpfung der häuslichen Gewalt. Unsere Tätigkeiten in dieser Richtung werden vom Staat ungern gesehen, weil sie die Kohärenz in den Familien gefährden. Dass eine geschlagene Frau ihren Mann verlässt, ist aus der Perspektive des Staats, genauer gesagt, der katholischen Kirche, die die ethischen und rechtlichen „Standards“ bestimmt, etwas Böses. Der Staat erhöhte die Kosten für eine Scheidung drastisch, was vor allem arme und von ihren Ehemännern finanziell abhängige Frauen schädigt, die so keine Chance haben, wegzugehen und das Sorgerecht für ihre Kinder zugesprochen zu bekommen. Polizei und Sozialarbeiter*innen wollen sich nicht in das Leben der Menschen einmischen und Anlass zur Klage geben, dass sie Familien zerstören und zu Scheidungen überreden. Unser Verein war einer der Vereine, bei denen die Polizei Durchsuchungen durchgeführt, die Vereinsvorsitzende verhört und die Computer und Dokumente beschlagnahmt hat. Dadurch wurde das Vertrauen, dass Informationen über Frauen, die bei uns Hilfe finden, sicher sind und nicht nach außen getragen werden, wesentlich geschmälert. Als eine Organisation, die nicht im ganzen Land arbeitet und keine Vertretung in Warschau hat, wo man die Probleme einfacher schildern kann, hätte das für uns das Ende bedeuten können. Aber wir funktionieren weiter. Die gerichtlichen Angelegenheiten zu erledigen und rechtlichen Schutz vor Schikanen und ständigen Kontrollen durch die staatliche Organe zu erlangen, bedeutet sehr viel Arbeit für die Vereinsmitglieder, dabei ist dies nur die Voraussetzung, um eine effektive Hilfe für die anderen zu ermöglichen. Ein Teil unserer BABA-Mitarbeiterinnen hat sich von dieser feindseligen Einstellung einschüchtern lassen. Sie sind ausgetreten, weil sie ihre hauptberufliche Tätigkeit nicht verlieren wollten.

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Brechts Galilei

1 1938 vollendet Brecht in Skovsbostrand im dänischen Exil die erste Fassung seines…

Extrem unwahrscheinlich

Haslach und Finkenschlag – Die Langzeit bespielung eines Stadtteils und der nicht zu ersetzende menschliche Faktor

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Falk Richter

Falk Richter