Florentina Holzinger – Tanz

Koproduktion: Münchner Kammerspiele, Spirit und Tanzquartier Wien, Spring Festival, Theater Rotterdam, Künstlerhaus Mousonturm. Bühne Nikola Knezevic, Dramaturgie Renée Copraij, Sara Ostertag

von

„Ich habe gelernt, dass man Spaß haben muss“

Es gibt diese Abende, an denen man einfach nicht vorbeikommt. Diese absolut zwingenden Aufführungen, bei denen es so gut wie unmöglich ist, jemanden zu treffen, der sie nicht für bahnbrechend hält – selbst in der Theaterbranche, die ja nicht direkt unter Enthusiasmus-Generalverdacht steht. Die Gründe, die für die Begeisterung angeführt werden, sind dabei völlig unterschiedlich: ein untrügliches Zeichen dafür, dass es sich um echte Kunst handelt.

Tanz. Regie: Florentina Holzinger. 2019. Foto: Eva Wurdinger
Tanz. Regie: Florentina Holzinger. 2019. Foto: Eva Wurdinger

Genau so ein Abend ist Florentina Holzingers „Tanz“. Die Produktion, die letzten Herbst im Tanzquartier Wien Premiere feierte, nimmt das von Luftgeistern bevölkerte Ballett „La Sylphide“, mit dem das zweifelhafte Ideal von der federleicht schwebenden Ballerina herbeifantasiert wurde, beim Wort und zeigt die Arbeit hinter diesem Image. „Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ heißt die Aufführung im Untertitel, in der Profis der Flugkunst – also Stuntfrauen, Tänzerinnen und andere Spezialistinnen der Schwe- relosigkeit – abendfüllend durch die Luft wirbeln. Wie Holzinger selbst und ihre Kolleginnen dort – unter anderem – spektakuläre Akrobatikchoreografien an Motorrädern vorführen, die in luftiger Höhe vom Schnürboden hängen, brennt sich unmittelbar ins Thea- tergedächtnis ein.

Dabei beginnt alles ganz klassisch – als Ballettstunde. Die Elevinnen tragen die Stangen auf die Bühne und üben geschäftig ihre Pliés und Jetés. Gewöhnlicher Tanzschulenalltag, könnte man meinen – wenn nicht die Lehrerin, die ihre Schützlinge hier in einer abgründigen Mischung aus Hingabe und verbaler Übergriffigkeit zu Höchstleistungen animiert, splitterfasernackt wäre. Schwer zu entscheiden, ob es sich um eine Verheißung oder eine Drohung handelt, wenn diese Grande Dame des Balletts – großartig verkörpert von der über siebzigjährigen Beatrice Cordua, die 1972 in Frankfurt mit einem nackten Solo am Ende des „Sacre du Printemps“ einen Skandal aus- löste – den Unterricht mit den Worten eröffnet: „Today I’m going to teach you how to govern your body.“ Zu dieser Lektion in vollendeter Körperbeherrschung gehört auch die mit großer Selbstverständlichkeit vorgetragene Ermunterung, dass die Schülerinnen – „It‘s so hot in here!“ – doch bitte gleichfalls die Klamotten ablegen mögen, sodass auch sie bald nackt an der Stange stehen. Und sie werden sich im Verlauf des Abends auch nicht wieder anziehen.

Das sind natürlich grandiose Irritationsmomente für den kollektiven kulturellen Code, wenn signifikante Gruppenchoreografien der Ballettgeschichte statt von Ballerinen in Tutus plötzlich von nackten jungen Frauen getanzt werden, die zwar von Berufs wegen ebenfalls hart ihre Körper trainieren, aber nicht unbedingt fürs klassische Fach. Was Holzingers „Tanz“ dabei so außergewöhnlich macht, ist, dass dieses schwere- und gleichsam körperlose Ballerinenideal nicht einfach platt geerdet, sondern in einem wesentlich komplexeren, dabei aber unglaublich lässig anmutenden Selbstermächtigungsakt vielmehr vom romantisch verbrämten Kopf auf die eindrucksvoll arbeitenden Füße gestellt wird. Und das ist erst der Anfang dieses Abends, der scheinbar vertraute Bilder eben nicht schlicht dekonstruiert, sondern vielmehr über- raschend neu und umwerfend anders reinszeniert und bei dem sich überhaupt reichliche zwei Stunden lang lauter buchstäblich verrückte Dinge ereignen.

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