Theater des Erlebnisses

Die MusikTheaterStadt HETEROTOPIA in der Oper Halle

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Als ich im August 2016 gemeinsam mit Veit Güssow und Michael v. zur Mühlen als neues künstlerisches Leitungsteam an der Oper Halle anfing und nach Jahren der freischaffenden Regiearbeit zum ersten Mal die Möglichkeit hatte, als Intendant die künstlerische Programmatik und Ausgestaltung eines Spielplans zu konzipieren, schwebte mir ein neues Musiktheater der Inhaltlichkeit, der Zeitgenossenschaft und der gesellschaftlichen Relevanz vor. Es sollte zugleich so mitreißend und erlebnisreich sein, dass es die Oper Halle auch für die vielen Menschen in der Stadt öffnen würde, die sich bislang nicht für das Haus interessiert hatten. Aus diesem Wunsch heraus entstand die Idee einer Raumbühne als Ort für eine spartenübergreifende Saisoneröffnung, die sich über die Zeit unserer Vorbereitungen immer weiter entwickelte, bis sie schließlich Wirklichkeit wurde: Am 23. September 2016 begannen die Spielzeit 2016/17 und die neue Intendanz der Oper Halle mit einem außergewöhnlichen zweiwöchigen Eröffnungsfestival, an dem sich auch das Ballett Rossa, das neue theater, die Staatskapelle Halle sowie Gastkünstler aus aller Welt mit zahlreichen Stücken, Projekten und Konzerten der unterschiedlichsten Genres beteiligten.

Der fliegende Holländer: Chor und Extrachor der Oper Halle, Robert Sellier, Publikum  Foto: Falk Wenzel
Der fliegende Holländer: Chor und Extrachor der Oper Halle, Robert Sellier, Publikum Foto: Falk Wenzel

Auf der großen Bühne der Oper Halle öffnete dafür die weitläufige MusikTheaterStadt HETEROTOPIA ihre Pforten. Vom überbauten Parkett über eine begehbare Großstadt auf der Hauptbühne bis in die entlegensten Winkel der Hinter- und Seitenbühne wuchs fortan eine Raumbühnen-Landschaft in den Himmel. Der prächtige Traditionsbau verwandelte sich in eine musiktheatralische Erlebniswelt, in der sich Zuschauerraum und Spielfläche verschränkten und die virtuelle Stadt zum Totaltheater wurde. Bühnenbildner Sebastian Hannak, der ‚Architekt‘ von HETEROTOPIA, hatte eine Bühneninstallation entworfen, in der die Zuschauer den Raum bei allen Projekten jeweils aus unterschiedlichen Richtungen und Perspektiven erleben konnten. Zwei Wochen lang wurden hier sieben Neuproduktionen gezeigt, es wurde diskutiert und gefeiert.

Am 23. September 2016 eröffneten der Generalmusikdirektor Josep Caballé-Domenech und ich die Spielzeit mit Richard Wagners romantischer Oper Der fliegende Holländer, und die Zuschauer saßen mitten im Zentrum des musiktheatralischen Ereignisses, als deren berühmte Sturmmusik über sie hinwegfegte. Kornelius Paede beschreibt in seinem Beitrag zu dieser Publikation über die „Demokratische Szenografie in der Raumbühne HETEROTOPIA“ unter anderem die Konzeption der Inszenierung und untersucht ihre partizipatorischen Implikationen als künstlerischen Reflex auf den globalisierten Kapitalismus im digitalen Zeitalter. Gleich am Tag darauf kam das neue theater mit Wut bei uns im Opernhaus heraus, dem damals aktuellen Schauspieltext von Elfriede Jelinek über das Massaker in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in der Regie von Henriette Hörnigk. Diese Produktion sollte der Auftakt für eine sehr intensive und inspirierende Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus der Stadt sein, zu der sich dessen Intendant Matthias Brenner in seinem Beitrag zu diesem Buch äußert. Am dritten Tag feierte mit Kein schöner Land! eine „musikalische Heimatbeschwörung mit der Staatskapelle Halle“ in einer szenischen Konzeption von Katja Czellnik Premiere und reagierte sportlich und direkt auf die überraschend hohen Wahlergebnisse der AfD bei der gerade zurückliegenden Landtagswahl in Sachsen- Anhalt. Diese festliche Gala zwischen Sinfonie-Konzert, Politshow und ritueller Beschwörung wurde von unserem neuen ersten Kapellmeister Michael Wendeberg dirigiert und stellte auf ganz andere Art als Wut das Potential der Raumbühne unter Beweis, in einem vorhandenen und nur leicht variierten Bühnenbild, das aber vollständig anders genutzt wurde als beim Fliegenden Holländer, extrem kurzfristig und zeitnah auf politische Entwicklungen der Gegenwart reagieren zu können.

Gleich in der folgenden Woche kehrte am 29. September 2016 der mit Werken wie Als wir träumten und Im Stein berühmt gewordene Autor Clemens Meyer zurück in seine Geburtsstadt Halle und setzte bei uns mit Ich werde eine Oper bauen! seine berüchtigte Leipziger Performancereihe Stallgespräche gemeinsam mit zahlreichen anderen Künstlern und Gästen fort. In einem kurzen Essay für diesen Band skizziert er die subjektive Relevanz der künstlerischen Neuausrichtung der Oper Halle, die er seit dem Sommer 2016 kontinuierlich begleitet hat.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 2018 spielten Musiker, Kammermusikensembles und Gäste der Staatskapelle Halle eine ganze Nacht lang zeitgenössische Musik im Raumbühnenbild und brachten in der künstlerischen Gesamtkoordination unserer Orchesterdirektorin Claudia Brinker mit einem Zwölf-Stunden- Konzert die neueste Folge von Farben der Moderne zur Premiere. Bei diesem Streifzug durch die musikalische Gegenwart blieb die Cocktailbar der Raumbühne selbstverständlich bis zum Morgengrauen geöffnet und die Zuschauer konnten Schlafplätze und Separees in HETEROTOPIA anmieten oder einfach im Orchestergraben schlafen, der bis zur Bühnenkante mit Schaumstoffwürfeln aufgefüllt war.

Sowohl die szenische Lesung von Clemens Meyer als auch der Neue-Musik-Marathon unserer Staatskapelle stehen beispielhaft für die Offenheit der Raumbühne nicht nur gegenüber großen Werken, sondern eben auch für kleine Formate, die innerhalb eines einzigen Tages eingerichtet, geprobt und geleuchtet werden mussten und doch zu abendfüllenden Kunst-, Theater- oder Musikveranstaltungen wurden. Durch die eindrückliche optische und räumliche Rahmung der Bühneninstallation und das diskursive Umfeld unseres Eröffnungsfestivals entstanden auch bei diesen flüchtigen und improvisierten Abenden wichtige künstlerische, sinnliche und gedankliche Impulse, die wieder auf die umfangreicheren Theaterproduktionen in der Raumbühne zurückwirkten. Dann stellten sich mit Laucke und Nemtsov anlässlich der Uraufführung des Auftragswerkes Sacrifice der Hallenser Dramatiker Dirk Laucke und die Berliner Komponistin Sarah Nemtsov mit einer Lecture-Performance aus Texten und Kammermusik vor und sprachen über ihr Vorhaben einer neuen politischen Opernkomposition für Halle.
In einem der vier weiteren Blöcke, in denen die Raumbühne bis Herbst 2017 für jeweils zwei bis drei Wochen aufgebaut wurde, kam im März 2017 als vieraktiges Episodendrama in Musik dann ihre abendfüllende Oper Sacrifice zur Uraufführung, welche die widersprüchlichen politischen und ideologischen Radikalisierungstendenzen unserer Gegenwart thematisiert. Ausgehend von der paradoxen Geschichte zweier deutscher Frauen auf dem Weg nach Syrien in den Dschihad, schufen die beiden ein vielstimmiges, essayistisches Musiktheaterwerk als Porträt einer medial vermittelten, krisenhaften Gegenwart. Bruchstückhaft verschränkt sich deren islamistischer Roadmovie quer durch Europa mit den disparaten Stationen dreier Journalisten an der europäischen Außengrenze, eines Flüchtenden aus Nahost und eines deutschen Ehepaares, das zwischen karitativer Selbstaufopferung und nationalistischer Abgrenzung schwankt und auseinanderdriftet. Widersprüchliche Lebenswelten und sich radikalisierende Ansätze zur Verbesserung der Welt prallen aufeinander und führen zu ideologischen Verhärtungen in der globalisierten Gesellschaft.

Musikalisch wurde Sacrifice wiederum von Michael Wendeberg geleitet und die Inszenierung entstand gemeinsam mit demselben Regieteam, mit dem ich zu Beginn der Spielzeit auch Wagners Der fliegende Holländer entwickelt hatte (der Kostümbildnerin Mechthild Feuerstein, dem Videokünstler Konrad Kästner und eben dem Bühnenbildner Sebastian Hannak). Dabei wurde die Raumbühnen-Installation ein halbes Jahr nach ihrer Eröffnung zugleich weiterentwickelt und übermalt. Die Besonderheit war bei dieser Arbeit, dass wir HETEROTOPIA bereits ein Jahr zuvor mit dem Holländer und dem Uraufführungsstoff im Kopf konzipiert hatten, noch ohne das konkrete Stück zu kennen. Wir kannten gewissermaßen das Bühnenbild, bevor die Oper existierte, und entwickelten nun beide in ständiger Wechselwirkung weiter, ließen sie sich gegenseitig beeinflussen und modifizieren. Das war ein äußerst faszinierender und im Musiktheater für mich bislang einzigartiger Arbeitsprozess, den Julia Spinola in ihrem Text für diesen Bildband ebenso reflektiert wie das Werk und seine Entstehung selber.

Unser Eröffnungsfestival endete schließlich am 7. Oktober 2016 mit der Uraufführung von Ralf Rossas neuem Ballett Groovin’ Bodies zu neu komponierter Livemusik der beiden Schlagzeuger Ivo Nitschke und Ralf Schneider. Diese Produktion und die ihr zugrunde liegende Musik finden ebenso eine nähere Untersuchung in dem Artikel von Kornelius Paede wie die verschiedenen Liederabende, die Poetry Slams und die Uraufführung von Leyan Zhangs und Hans Rotmans Kammeroper Spiel im Sand, die im Laufe der folgenden Raumbühnenblöcke in HETEROTOPIA realisiert wurden.

Sowohl die sieben Neuproduktionen, welche die Spielzeit 2016/17 im Rahmen dieses zweiwöchigen Festivals eröffneten, als auch die drei weiteren Projekte, die in HETEROTOPIA im Laufe der nächsten zwölf Monate folgten, bespielten und belebten die Raumbühne aus so unterschiedlichen Richtungen und auf so vielfältige Weisen, dass sich nicht nur immer neue Perspektiven auf das altehrwürdige große Haus der Oper Halle ergaben, sondern vor allem auch auf die Musik und das Theater selbst. Durch das breite Spektrum an Genres und Gattungen sollte ein neuer Dialog der Sparten und Kunstformen erwachsen, den es in dieser formalen Dichte und Vielfalt bis dahin weder an der Oper Halle noch an einer anderen Kulturinstitution der Region zu sehen gab.

Dabei wurden die verschiedenen Premieren in HETEROTOPIA maßgeblich durch den inhaltlichen Drang nach einer kritischen Bestandsaufnahme unserer Zeit und einer theatralischen Hinterfragung der bestehenden Verhältnisse geeint. Das Unbehagen an den politischen und sozialen Selbstverständlichkeiten unseres Alltags und die Suche nach einem neuen Musiktheater der gesellschaftlichen Relevanz fanden ihren Ausdruck darüber hinaus im zentralen Thema der Imagekampagne, mit der wir den Neustart der Oper Halle über den gesamten Sommer 2016 in der Stadt flankierten. Der Slogan „Alles brennt“ wurde für mehrere Wochen zum allgegenwärtigen Stadtgespräch, denn er schien paradigmatisch das Lebensgefühl vieler Menschen in dieser Zeit zu spiegeln: Die Welt ist aus den Fugen geraten, die Gesellschaft steht in Flammen und im ideologischen Durcheinander des öffentlichen und medialen Diskurses „brennt alles“.

Parallel zu diesem überbordenden Premierenreigen im großen Haus lief im neugestalteten Operncafé der Oper Halle die Inszenierungsreihe Das Kunstwerk der Zukunft an. Für diese einzigartige Folge von sieben verschiedenen Musiktheaterabenden, Performances und Happenings, die ab Anfang Oktober 2016 monatlich von sieben unterschiedlichen Regieteams herausgebracht wurden, erfuhr auch unsere kleine Spielstätte eine szenografische Metamorphose zum komplexen Raumbühnenlabyrinth. Verwandelte sich jedoch bei HETEROTOPIA die große Opernbühne vom geschlossenen Theatertanker zum öffentlichen Raum einer fiktiven MusikTheaterStadt, so beschritt Das Kunstwerk der Zukunft den entgegengesetzten Weg: Bühnenbildner Christoph Ernst entwarf hierfür einen Kunstraum, der eine Ästhetik des Privaten, des Hinterzimmers, Hobbykellers und Separees zitierte.

Als Ausgangspunkt und Material für diese musiktheatrale Expedition in die ideologische Antike und die Zukunft des Musiktheaters haben wir die beiden Hauptwerke von Richard Wagner und Karl Marx, Der Ring des Nibelungen und Das Kapital, zugrunde gelegt. Auf den Spuren der megaloman raunenden Welterzählung und der großen ökonomischen Analyse des 19. Jahrhunderts erschien über die weitere Spielzeit monatlich eine neue Ausgabe dieser Musiktheaterserie unter der Leitung von Künstlerinnen und Künstlern wie dem Autor Clemens Meyer, dem Komponisten und Konzeptkünstler Johannes Kreidler, dem Szenografen und bildenden Künstler Thomas Goerge, den Regisseurinnen Katja Czellnik und Barbara Frazier sowie der Choreografin Miriam Horwitz und dem Hausregisseur und künstlerischen Gesamtleiter der Reihe Michael v. zur Mühlen.

Nun hatten HETEROTOPIA und Das Kunstwerk der Zukunft über ihr inhaltliches Engagement hinaus vor allem eine bemerkenswerte sinnliche und haptische Qualität gemeinsam: Beide Stränge unseres Eröffnungsfestivals basierten auf Raumbühnenbildern und auf beiden Spielstätten der Oper Halle griffen begehbare Kunstinstallationen in das architektonische Raumgefüge ein. Dadurch ergab sich zu dieser Zeit im ganzen Haus der Reiz, dass die zentralen Guckkastenperspektiven aufgehoben waren und eine komplexere, mannigfaltigere und zugleich subjektivere Rezeptionshaltung an ihre Stelle treten konnte. Das warf ein neues Licht auf unser wunderschönes Theatergebäude und die traditionsreiche Kunst, die wir in ihm veranstalten. Aber vor allem ließ dieser Perspektivwechsel ein neues Verhältnis des Betrachters zum Theaterereignis, zu seinen Mitbetrachtern und letztlich auch zu sich selbst zu, die ihm auch eine offenere Form erlaubte, über die dramatischen Inhalte nachzudenken.

Theater unterscheidet sich von anderen Kunstformen als darstellende Kunst und von den anderen darstellenden Künsten in der digitalen Medienwelt ja dadurch, dass es über ein gemeinschaftliches Ereignis und Erlebnis im Hier und Jetzt funktioniert, bei dem die Kunst durch Menschen hergestellt wird, die sich im selben Raum befinden. Diese räumliche und sinnliche Unmittelbarkeit und ihr interaktives Potential werden durch die Abgeschlossenheit von Bühnen- und Zuschauerraum bei klassischen Guckkastenbühnen relativiert oder ausgehebelt, indem die theatralische Aktion sich nicht nur über eine räumliche Distanz hinweg, sondern häufig auch hinter einer fiktiven „vierten Wand“ vollzieht und so auf Perfektion und Geschlossenheit hin eingeübt wird, dass die Möglichkeit der Intervention oder intervenierenden Reaktion von Zuschauern ebenso in Vergessenheit gerät wie das Potential der Darsteller, zu variieren, zu reagieren oder gegebenenfalls auch einfach zu scheitern.

Die Raumbühne hingegen rückt den Zuschauer nicht nur näher ans Geschehen heran, sondern hebt mitunter sogar die Trennung zwischen fiktiver aktiver Handlung und realer passiver Rezeptionshaltung ganz auf, indem sie die Grenzen zwischen Zuschauerraum und Spielfläche nivelliert, wodurch in dieser neuen Rahmung auch andere Spielregeln sowohl des szenischen Spiels als auch des Zuschauens, Zuhörens und Nachvollziehens etabliert werden. Denn durch die Unmittelbarkeit und Nähe des dramatischen Ereignisses wird mitunter nicht nur das sinnliche Kunst- und Musikerleben intensiver und eindrücklicher, sondern durch die Möglichkeit des Zuschauers zur eigenen Interaktion und die direkte Konfrontation mit dem Darsteller wird jener zum potentiellen Mitspieler und begegnet diesem plötzlich auf Augenhöhe. Die Darsteller, die Figuren, die sie verkörpern, und die dramatischen Setzungen, in die sie verstrickt sind, müssen nicht mehr abgeschlossen und aus der Distanz betrachtet werden, sondern können als ein lebendiger Theaterorganismus erscheinen, in den man involviert ist und den man unwillkürlich durch die eigene Präsenz im Raum mitbeeinflusst.
So kann der Zuschauer zum Akteur und szenischen Faktor werden, ohne dass er aktiv eingreifen oder „spielen“ müsste – und der Darsteller erscheint wiederum mehr als realer Mensch, als sprechender, singender oder sich bewegender Körper, dessen Äußerungen durch den unmittelbaren Kontakt im selben Theaterraum unwillkürlich eine performative Qualität bekommen, da sie ganz unmittelbar als Text, Gesang und Bewegung erscheinen.

Das Bewusstsein des realen Erlebnisses aber, das sich somit in einer Versammlungsstätte mit vielen anderen Menschen vollzieht und von politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen und Krisen unserer Zeit erzählt, kann meiner Erfahrung nach zu einer Wirkung von Musiktheater und einer Selbstwahrnehmung des Zuschauers im Theater führen, die nicht mehr von Distanz und Kontemplation geprägt ist, sondern von körperlicher und geistiger Teilhabe und Involvierung. Und so kann das interaktive Theater in unserer Raumbühne zugleich das Bewusstsein der Zuschauer davon schärfen, dass sie als Teil eines sozialen Zusammenhanges immer zugleich auch agieren und nicht nur reagieren.

Das klassische Repräsentationstheater wird dadurch idealerweise in ein „Theater des Erlebnisses“ überführt, in dem der Zuschauer ein neues Verhältnis zum Drama entwickelt, weil er es intensiver, näher und unmittelbarer als Musik, Text und szenischen Vorgang im Raum erlebt und zu einem aktiven Teil von ihm werden kann. Der Zuschauer entwickelt aber auch ein anderes Verhältnis zu sich selbst im Rezeptionsprozess von Musik und Theater, weil seine Subjektkonstitution sich in Konfrontation mit interaktiven Theatervorgängen in einem anderen Licht und einer anderen Wechselwirkung sozialer Abhängigkeiten zeigt. Und schließlich erlaubt ihm das gemeinschaftliche Theatererlebnis in einem interaktiven Raum mit vielen anderen Subjekten auch einen anderen Blickwinkel auf die gesellschaftlichen und demokratischen Zusammenhänge seiner realen Lebenswelt und ist somit eine wichtige formale Errungenschaft für ein neues, zeitgemäßes und inhaltlich politisches Musiktheater, das von den Menschen im Hier und Jetzt ausgeht.

Gleichzeitig macht ein solches „Theater des Erlebnisses“ auch einfach Spaß in seiner Unmittelbarkeit und Sinnlichkeit und steht in einer langen Tradition. Sebastian Hannak erläutert im folgenden Artikel mehr über die Geschichte und die szenografische Funktionsweise von Raumbühnen und beschreibt die Beschaffenheit und Wirkungsweise unserer MusikTheaterStadt HETEROTOPIA genauer.

Auch wenn das siebenteilige Eröffnungsfestival und die drei weiteren Stückformate in HETEROTOPIA nur einen kleinen Teil des Spielplans 2016/17 ausgemacht haben und wir in unserer ersten Spielzeit an der Oper Halle neben der siebenteiligen Inszenierungsreihe Das Kunstwerk der Zukunft und zahlreichen Wiederaufnahmen auch noch sieben weitere große Premieren mit „klassischen Bühnenbildern“ in Oper und Ballett herausgebracht haben, so war die Raumbühne doch das herausragende und außergewöhnliche Musiktheaterexperiment der Saison, über dessen Ehrung mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ich mich entsprechend freue. Der große Erfolg dieser Installation bei Publikum und Presse von nah und fern hat uns darin bestärkt, weiter nach neuen Raumkonstellationen und Perspektiven für das Musiktheater zu forschen, und so werden wir die Spielzeit 2018/19 an der Oper Halle am 14. September mit einer neuen Raumbühnenkonstellation eröffnen, die noch weit über HETEROTOPIA hinaus wachsen wird.

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/buch/raumb%C3%BChne_heterotopia/36229/komplett/